Alexa Henning von Langes Roman „Kampfsterne“ : Die Hölle einer Bungalowsiedlung

Radikale Sprache, heftige Gesellschaftskritik: Alexa Hennig von Langes gelungener Roman „Kampfsterne“ über eine gutbürgerliche Vorstadtsiedlung.

Carsten Otte
Kennt den Sound nachwachsender Generationen. Die 1973 in Hannover geborene Schriftstellerin Alexa Hennig von Lange.
Kennt den Sound nachwachsender Generationen. Die 1973 in Hannover geborene Schriftstellerin Alexa Hennig von Lange.Foto: Karlheinz Schindler/dpa

Mit einer Frau wie Rita möchte man nicht verheiratet sein. Wie sie über ihren Mann Georg herzieht, den sie für einen „verknorzelten Typen“ hält, wie sie über die Kinder in der Nachbarschaft lästert und wie sie sich zudem in Selbsthass ergeht, das liest sich zwar amüsant, wäre aber, würde man mit ihr unter einem Dach wohnen, nur schwer zu ertragen. „Ich halte mein fehlgeleitetes Leben nicht aus“, sagt Rita in einem ihrer hysterischen Monologe, womit sie sich in guter Gesellschaft befindet. Unzufrieden sind im Grunde fast alle in der gutbürgerlichen Bungalowhölle, die Alexa Hennig von Lange in ihrem neuen Roman „Kampfsterne“ beschreibt. Aber ändern will oder kann trotzdem niemand etwas am quälenden Status quo.

Sommer 1985. Kohl ist Kanzler, der Bundesrepublik geht es gut, und die Menschen demonstrieren gegen die Atomkraft. Nur ihre individuellen und wirtschaftlichen Freiheiten können die drei Paare in „Kampfsterne“ auch nicht ansatzweise sinnvoll nutzen. Rita und Georg, Ulla und Rainer sowie Ella und Bernhard sind so unfähig, glücklich zu sein, dass sie auch ihren Kindern nichts mehr vorspielen können: „Meine Mutter eignet sich überhaupt nicht als Vorbild“, sagt Ullas Tochter. „Sie lässt sich von meinem Vater verprügeln. Und das schon, seitdem ich denken kann.“

Die Protagonisten klagen ihr Leid in rasanten Monologen

Statt sich vom prügelnden Rainer zu trennen, hält Ulla die Fassade aufrecht, vielleicht weil sie den grausamen Gatten trotz allem liebt, vielleicht weil sie noch ganz guten Sex mit ihm hat – ganz anders als Rita und Georg. Das Bürgertum wertet seit je die eigene mickrige Existenz auf, indem es viel trostlosere Lebensentwürfe in der Bekanntschaft abwertet. Bernhard, von dem man leider nur wenig erfährt, scheint sich aus dem Kleinbürgerkosmos auf klassische Weise herauszukatapultieren. Er amüsiert sich mit seiner Sekretärin, was Ehefrau Ella über ein Leben ohne den Fremdgeher nachdenken lässt. Seine Affäre ist für Ella die größtmögliche Kränkung und ein rücksichtsloser Angriff auf ihre Identität als Familienmensch. Schade nur, dass sie sich nicht fragt, warum der Mann sie betrügt.

Die kurzen Kapitel des Romans sind jeweils mit den Vornamen der Protagonisten überschrieben, die in rasanten Monologen ihr Leid klagen, ihren Unmut über so gut wie alles äußern, vornehmlich über ihre verlotterten Beziehungen. Dabei entsteht das erschreckende Psychogramm einer verlogenen, rundum narzisstischen Gesellschaft, die in ihrer übermäßigen Aggressionsproduktion kaum noch Maßstäbe und keine Sensibilität mehr kennt. Da darf auch mal aus reinem Hass das Kind einer Nachbarin entführt werden. Selbst wenn im Viertel ein Mädchen vergewaltigt wird, verlassen die Eltern nur langsam den emotionalen Ego-Trip.

Wechsel von Kinder- und Erwachsenenperspektive

Erstaunlich, wie die Kinder in dieser Welt überleben. Am Nachwuchs, der die bekannten Projektionsflächen für unzufriedene Eltern bietet, lässt sich tatsächlich ablesen, wie sich psychische Muster von Generation zu Generation übertragen, so stark gegen sie auch rebelliert wird. Vor allem die pubertierende Constanze, die alle Cotsch nennen, dreht mächtig auf: „Alle Kinder in der verfickten Siedlung sind angeblich sonderbegabt und werden von ihren ehrgeizigen Eltern gefördert, obwohl sie im Grunde behinderte Arschlöcher sind. Ich muss mir die ganze Scheiße allein aneignen, die diese Schwachkopfkinder in den Arsch geschoben kriegen.“

Die Kapitel der Kids profitieren davon, dass Alexa Hennig von Lange zuletzt zahlreiche Kinder- und Jugendbücher geschrieben hat und den Sound ihrer jüngeren Figuren gut hinbekommt. Die Mädchen und Jungen haben allesamt überzeugende, weil jeweils altersangemessene Erzählstimmen. Durch den schnellen Wechsel von Kinder- und Erwachsenenperspektiven und die im Präsens gehaltene Rollenprosa erzeugt Hennig von Lange eine außergewöhnliche Hochgeschwindigkeitsprosa, die gut passt zum grotesk-bösen Inhalt. Die wüsten Ich-Erzählungen wirken deshalb so bedrückend, weil sie in einem durchaus popliterarischen Tonfall verfasst sind. Leider ist aus dem Stil, der über spielerische Erkundungen von Oberflächen auch das Innenleben der Figuren ausleuchtet, ein negatives Etikett geworden. Hennig von Lange, die mit ihrem Debütroman „Relax“ eine weibliche, luftige und zugleich bissige Pop-Variante in die deutschsprachige Literatur eingeführt hat, zeigt zwanzig Jahre danach, wie zeitgemäß diese Form noch ist. Von der schnoddrigen Radikalität dieser Prosa könnten sich manche Absolventen der deutschen Literaturinstitute etwas abschauen.

Der Roman erzählt von unser Gegenwart

So radikal der Text sprachlich ist, so heftig ist die Gesellschaftskritik. Nein, dieser Pop ist keineswegs unpolitisch. Zwar sind die Verwerfungen in der Vorstadtsiedlung, der neurotische Liebeswahn, das Betrügen und Sich-selbst-Belügen, der Neid auf die Nachbarn in die angeblich glückseligen achtziger Jahre verlegt, aber wer heutzutage solche suburbanen Wohngegenden besucht, wer Freunde hat, die ein Reihenhaus gekauft, es womöglich stolz eingeweiht haben, mit billigem Grillgut, weil man nach dem Immobilienerwerb sparen muss, wer all das kennt, wird erschrocken sein, dass sich die Verhältnisse nach dreißig Jahren nicht grundlegend geändert haben.

Ein Missverständnis wäre es daher, diesen Roman als Reminiszenz zu lesen, als Reise in die gute, schlechte Generation-Golf-Vergangenheit. „Kampfsterne“ spielt zwar in Zeiten, in denen Boris Becker noch in Wimbledon gewann, aber es erzählt von unserer Gegenwart, von einer Gesellschaft der Ichlinge, von Leuten, die ohne Bremsvorrichtung durchs Provinzall herumrasen, bis es zum erwartbaren Crash kommt. Angesichts der vielen gesellschaftlichen Krisen und Angriffe auf die moralische und politische Basis unseres Zusammenlebens können diese „Kampfsterne“ auch als Anklage gelesen werden: Warum zum Teufel versinken diese Vorstadthelden in ihrem Privatmuff, statt sich auch mal um das zu kümmern, was jenseits ihrer Gartenzäune geschieht? Warum nehmen sie sich so wichtig? So steckt in dem kurzweiligen Roman auch eine melancholische Sehnsucht der Erzählerin, es doch einmal zu versuchen, mit dem Glück, mit der Liebe.

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Alexa Hennig von Lange: Kampfsterne. Roman. Dumont Verlag, Köln 2018. 200 Seiten, 20 €.

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