Kultur : Alltagskrisen

Christiane Meixner

Gemein an den täglichen Dingen ist, dass man sie erst bemerkt, wenn sie fehlen oder anders als gewohnt erscheinen. Und natürlich wissen auch die Künstler um den therapeutischen Effekt, der sich aus diesem Verlust des Vertrauten ergibt: Den einen stürzt es in Krisen, dem anderen verhilft es zur Schärfung jener Sinne, die im Alltag eingeschlafen sind.

Robert Barta greift gern zu solchen Mitteln der Realitätsverschiebung. „Never lost anything“ heißt zum Beispiel eine Arbeit des jungen Künstlers aus Prag, für die er die Gesäßtaschen einer Jeans abgetrennt und verkehrt herum wieder angenäht hat. Schon klar: Wenn gar nichts hineinkommt, kann auch nichts rausfallen.

In der Galerie Martin Mertens (bis 31. März, Brunnenallee 162) hat Barta eine Arbeit von Georg Baselitz (2100 Euro) vom Kopf zurück auf die Füße gedreht. Weil, so meint er, einem die Arbeitsweise des Meisters inzwischen derart vertraut sei, dass man die Frage nach „falsch oder richtig herum“ wieder einmal neu stellen muss. Daneben liegt ein Stück Leitplanke („Rosso Corso“, 9000 Euro, 3er-Auflage). Verbogen, weil sie ihren Dienst an der Autobahn getan hat. Barta hat es danach im selben Farbton wie das Unfallauto lackiert. Schließlich ist es für einen Moment lang eine innige Verbindung mit jenem Stück Blech eingegangen.

Die Leitplanke als Signal. Für die unvorhersehbaren Momente, in denen es einen aus der Kurve des Alltags tragen kann und man sein eigenes Leben anschließend nicht wiedererkennt. Ähnlich muss es der Großmutter von Katerina Sedá ergangen sein: Nach der Pensionierung und dem Tod ihres Mannes beschloss die Frau, die jahrzehntelang einen Eisenwarenladen geleitet hatte, einfach nichts mehr zu tun. „Egal“ hieß die hilflose Antwort auf alle Fragen, mit der sich die Großmutter dem Alltag verweigerte. Bis Katerina Sedá sie um Skizzen von den Dingen bat, die einst im Geschäft zu finden waren.

In ihrer ersten Einzelausstellung der Galerie ArratiaBeer (bis 17. März, Holzmarktstraße 15-18) zeigt die tschechische Künstlerin das Ergebnis: Drei Jahre hat es gedauert, dann waren über 600 Skizzen aller Produkte fertig – einschließlich Angaben zu Größe, Art und Preis. Was die Großmutter fest in ihr individuelles Mausoleum eingeschlossen hatte, hängt nun in der Galerie. Ein Wissen, eigentlich unbrauchbar und dennoch existenziell, weil es einen in der Wirklichkeit hält. Begleitend zeigt ein Video Großmutter und Enkelin im intensiven Dialog. Verkäuflich ist die Arbeit übrigens noch nicht, weil die Künstlerin erst überlegen muss, in welcher Kombination sich die Blätter sinnvoll trennen lassen.

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