„Als ich jung war“ : Norbert Gstrein reagiert literarisch auf die MeToo-Debatte

Nie die ganze Wahrheit: Norbert Gstrein erzählt in "Als ich jung war" von Liebe und Begehren an der Grenze des Verbotenen - und von zwei Selbstmorden.

Österreichischer Erzählkünstler. Norbert Gstrein, geboren 1961.
Österreichischer Erzählkünstler. Norbert Gstrein, geboren 1961.Foto: Oliver Wolf/Hanser

Es sind zwei unerhörte Begebenheiten, die dem Helden von Norbert Gstreins neuem Roman „Als ich jung war“ (Hanser Verlag, 352 Seiten, 22 €) zu schaffen machen. Genauer: zwei Selbstmorde. Diese sollen sein Leben fürderhin begleiten und lassen ihn zu Beginn rückblickend räsonieren: „Als ich jung war, glaubte ich an fast alles, und später an fast gar nichts mehr, und irgendwann in dieser Zeit dürfte mir der Glaube, dürfte mir das Glauben abhandengekommen sein.“

Den ersten, in diesem Fall: mutmaßlichen Selbstmord verübt eine junge Frau an dem Tag ihrer Hochzeit, als sie sich in der Nacht von einem Berg stürzt, dem sogenannten Schlossberg; einige Stunden zuvor hatte Franz, wie Gstreins zu diesem Zeitpunkt noch relativ jugendlicher, allerdings nach zwei Studienabbrüchen auch schon leicht gescheiterter Protagonist heißt, das Brautpaar an dieser Stelle fotografiert, so wie er das früher als 15-, 16-Jähriger regelmäßig getan hatte für seinen Vater, der als Restaurant- und Hotelbesitzer vor allem Hochzeiten ausrichtete.

Der Roman wirkt wie eine Reaktion auf die Debatten der letzten Jahre

Den zweiten Selbstmord begeht viele Jahre später ein Professor in den USA, in Jackson, Wyoming, wo Franz inzwischen als Skilehrer arbeitet. Der Professor ist in den Jahren als sein Schüler zu Franz’ Freund geworden, und nachdem er bei ihrer letzten Begegnung ihm noch eine Uhr geschenkt hat, fährt der Professor auf Skiern mit dem Kopf voraus gegen einen Baum, „und er hatte alles getan, dass es niemand für einen Unfall halten konnte. Er hatte vorher seinen Helm abgelegt und war in geduckter Schussfahrt den Hang hinuntergerast.“

Man hat zunächst den Eindruck, Gstrein wende sich mit diesem Roman wieder einmal seiner Heimat zu, Tirol, wo er 1961 in Mils bei Imst geboren wurde und auch seine ersten Bücher aus den neunziger Jahren wie „Einer“, „Anderntags“ oder „Das Register“ angesiedelt sind. Mehr und mehr hatte Gstrein danach seine Romane in andere Weltregionen verlegt – und vor allem auch mit politischen Bezügen versehen. In „Das Handwerk des Tötens“, mit dem Gstrein 2003 in die erste Riege der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur aufstieg, spielt der Jugoslawienkrieg quasi die Hauptrolle. Literarisch virtuos hat der österreichische Autor hier dargelegt, wie schwierig es ist, eine konsistente Geschichte über das Kriegsgeschehen und speziell über den Tod eines Reporters zu erzählen; ja, und wie es überhaupt unmöglich ist, in so einem Fall zur ganzen Wahrheit zu kommen. Und Gstreins zuletzt veröffentlichte Romane drehen sich unter anderem um den ewigen israelisch-palästinensischen Konflikt („In der freien Welt“) und den Umgang mit Geflüchteten in Deutschland nach der sogenannten Flüchtlingskrise 2015 („Die kommenden Jahre“).

Tatsächlich wirkt auch „Als ich jung war“ wie eine Reaktion auf eine der bestimmenden gesellschaftlichen Debatten der vergangenen zwei Jahre, auf #MeToo. Der Selbstmord der Braut mag Fragen aufwerfen. Es gibt den Verdacht, der auch Franz betrifft, dass sie womöglich vom Schlossberg heruntergestoßen, also ermordet wurde. Beunruhigender für Franz: Kurz zuvor saß er selbst auf dem Schlossberg mit einem Mädchen, mit Sarah, in die er sich auf der vorherigen Hochzeit spontan verliebt hatte; sie war dort als Brautjungfer, stach ihm beim Fotografieren ins Auge, erzählte ihm, dass sie bald 17 Jahre alt werde. Er küsst Sarah bei dieser Begegnung, gegen ihren Willen, sieht sie danach nicht wieder, auch weil ihre Eltern jeden Kontakt unterbinden – und erfährt dann, dass sie zum Zeitpunkt des Kusses erst 13 Jahre alt war.

Fragen nach Schuld und Unschuld

Jeder Mensch habe eine Geschichte, die kein anderer hören solle, sagt der Professor kurz vor seinem Freitod zu Franz, habe „ein Zentrum des Schweigens, ein Zentrum der Scham“. Das bestätigt sich auch für die Person des Professors: zum einen in Form der Liebe zu einer jungen Frau, die in die Brüche geht, wie Franz einem Briefkonvolut entnimmt. Dann aber auch in Form eines schweren familiären Traumas, das dem Professor schließlich den Ruf einbringt, pädophil zu sein.

Gekonnt spiegelt Gstrein die Motive bei Franz und dem Professor, verfolgt er die Spuren, die er immer wieder mit neuen Episoden aus dem Leben seiner Hauptprotagonisten auslegt, um schließlich recht konkret die Fragen nach ihrer Schuld und Unschuld zu stellen; danach, ob beispielsweise ein verdächtiges Verhalten wie das des Professors schon für eine Verurteilung spricht, mit einer konkreten Tat zu vergleichen ist.

Mit dem Vorwurf, sich an einer Minderjährigen vergangen zu haben, muss jedenfalls Franz von nun an leben. Umstellt von „Sheriffs“ in den USA und Kommissaren in Österreich richtet er diesen Vorwurf nicht zuletzt an sich selbst. Gstrein lässt dabei seinen Ich-Erzähler nie fallen, spricht ihn aber auch nicht frei, schon gar nicht, als dieser in Wyoming abermals eine seltsame Begegnung mit einer Frau hat und von einer „reißenden Sehnsucht“ erfasst wird, sich aber beherrschen kann.

Gstrein hat ein Gespür für Settings

Bemerkenswert ist, wie Norbert Gstrein seinen Stoffteppich auslegt. Einerseits weiß er wie so oft in seinen früheren Romanen um die Grenzen des Erzählens. Andererseits hat Gstrein viel Gespür für seine Settings, seine Schauplätze in den österreichischen Bergen und den USA – und durchaus gern begibt er sich auch auf erzählerische Abwege. Ein Glanzstück ist, wie Franz die Leiche des Professors von Jackson nach Seattle überführt, wo dieser gelebt und gearbeitet hat, zusammen mit „Leichen-Hildebrandt“, einem merkwürdig zwielichtigen Pick-up-Fahrer aus Jackson, allein dafür lohnt die Lektüre dieses sowieso gelungenen, lesenswerten Romans. Am Ende stellt sich Franz die Frage, ob es nicht besser ist, bestimmte Geschichten für sich zu behalten. Der Schriftsteller Norbert Gstrein hat darauf eine klare Antwort: nein.

Hilfsangebote

Haben Sie dunkle Gedanken? Wenn es Ihnen nicht gut geht oder Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Das können Freunde oder Verwandte sein. Es gibt aber auch eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen Sie sich melden können.

Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222.

Weiterhin gibt es von der Telefonseelsorge das Angebot eines Hilfe-Chats. Außerdem gibt es die Möglichkeit einer E-Mail-Beratung. Die Anmeldung erfolgt – ebenfalls anonym und kostenlos – auf der Webseite unter: www.telefonseelsorge.de

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