Kultur : Altersmut

Rolf Brockschmidt

„Mein bestes Bild habe ich gemalt, als ich so um die sechzig war“, sagte ich zu meiner Halbschwester Bettina, während sie mir mit dem Waschlappen durch die Poritze fährt.“ Mit diesem ersten Satz ist in Remco Camperts jüngstem Roman „Das Herz aus Seide“ der Ton gesetzt, der den ganzen Roman durchzieht. Der berühmte Maler van Otterlo steht „am Rande des Grabes“ und wird sich immer mehr seiner Gebrechlichkeit bewusst. Der Ich-Erzähler ist nun 80 Jahre alt und zeichnet seit zwanzig Jahren nur noch ab und zu. Sein Kontakt mit der Welt ist neben Bettina sein erfolgreicher Altersgenosse Jongerius jr., der noch aktiv ist und überaus optimistisch in die Zukunft schaut: „Nichts ist zu spät. Alles kommt zur rechten Zeit.“

Remco Campert, der 1929 geboren wurde, ist ein Meister der kleinen Form, der Gedichte und Kolumnen, und in den Niederlanden ein Star. In Deutschland ist nun dieser schmale Roman dank der beharrlichen Politik des Arche-Verlages auch dabei, ein großes Publikum zu erobern. Wie schon in den letzten beiden Romanen steht ein alternder Künstler im Mittelpunkt, brummelig, ein wenig resigniert, scheu. Erst die Todesanzeige seiner Exgeliebten Cissy zwingt van Otterlo, sich seinem Leben zu stellen - immer im vergnüglichen Dialog mit Jongerius jr.

Remco Campert selbst hat einmal gesagt, er sei mit dem Schreiben verheiratet: Ähnlich ergeht es seinem mild-ironischen Ich-Erzähler. Aber bei aller Melancholie, dies ist kein Roman eines resignierenden Künstlers, sondern die höchst vergnügliche Geschichte eines kreativen Menschen, der es am Ende noch einmal richtig wissen will und sein Leben wieder in die Hand nimmt. Und das macht Mut.

Remco Campert : Das Herz aus Seide. Roman. Aus dem Niederländischen von Marianne Holberg. Arche Verlag, Zürich/Hamburg 2007. 190 Seiten, 18 €.

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