American Academy Berlin : Wellen der Welt

Die American Academy am Wannsee stellt ihre neuen Fellows vor. Seit zwanzig Jahren sind Wissenschaftler und Künstler aus den USA zu Gast in Berlin.

Michael P. Steinberg lehrt Geschichte, Musik und German Studies.
Michael P. Steinberg lehrt Geschichte, Musik und German Studies.Foto:Jürgen Stumpe/American Academy

Es ist immer ein bisschen wie Speeddating, wenn sich die neuen Fellows der American Academy vorstellen. Ein kluger Mensch stellt in drei Minuten sein Forschungsprojekt vor – und weiter im Text. Dass der Abend am Wannsee trotz Sturmwetter und ein Jahr Trump im Weißen Haus so ruhig und sachlich verläuft, nimmt man einmal als gutes Zeichen.

Das Leben geht weiter, und die Wissenschaftler sind sich bewusst, in was für einer Welt sie forschen. Academy-Präsident Michael P. Steinberg kündigt mit einigem Stolz die vierzigste „Kohorte“ der Fellows an, die Academy ist seit zwanzig Jahren Gastgeberin für Auserwählte aus den USA. Josh Kun kommt aus Kalifornien. Der Kommunikationsexperte arbeitet an einem „Migrant Songbook“: Wie schlagen sich Flucht und Exil musikalisch nieder? Wie klingt Afrikanisches oder Arabisches in der Fremde? Die Kollegin Amy Remensnyder von der Brown University, Rhode Island, beschäftigt sich mit der Insel Lampedusa. Das Mittelmeer im Mittelalter. Das winzige Eiland als Brücke zwischen Christen und Muslimen. Mit der „Geschichte der Koexistenz im nahen Osten“ befasst sich der Historiker Ussama S. Makdisi. Den Fellows zuhören, ihren Enthusiasmus erleben, das ist eine Weltreise. Andrew Hicks von der Cornell University, New York, wirkt beseelt von der Poesie des persischen Dichters Rumi und seinem Verhältnis zur Musik, während der Komponist und Performer Raven Chacon, Mitglied der Navaho Nation, über Kammermusik forscht.

Berliner Tempo und guter, nachhaltiger Journalismus: Davon hat Stephan-Andreas Casdorff, Chefredakteur des Tagesspiegels, in seiner Begrüßungsrede gesprochen. In dieser Stadt, in der die Fellows nun einige Monate verbringen werden, kommt man eben immer zu spät. Das Beste ist gerade vorbei. So war’s in den Siebzigern, Achtzigern, Neunzigern. Immer gibt es Neues zu entdecken. Wach bleiben: Bestand hat hier nur das Flüchtige. Und mit Blick nach Washington führt Casdorff aus, dass ohne starken Journalismus, ohne Pressefreiheit kein demokratischer Staat zu machen ist. Journalisten decken die politischen Skandale auf. Ihre Arbeit gehört zur Basis der Demokratie. Die Kunst in Berlin nicht weniger: Ran Ortner, geboren an der US-Westküste, malt großformatige Wasserbilder. Caspar David Friedrichs „Mönch am Meer“ hat ihn in Berlin sogleich verzückt. Die einsame Menschengestalt, die da auf die Wellen wartet, sei ein Bruder im Geiste, ein Surfer.

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