Amesh Wijesekera auf der Fashion Week : Eine Inselbegabung

Amesh Wijesekera soll das Gesicht der Designszene Sri Lankas werden. Nun muss er versuchen, den Ansprüchen gerecht zu werden und sich selbst treu zu bleiben.

Ingolf Patz
Amesh Wijesekeras Kollektion für Herbst/Winter 2019/20 auf der Berlin Fashion Week.
Amesh Wijesekeras Kollektion für Herbst/Winter 2019/20 auf der Berlin Fashion Week.Foto: REUTERS/Fabrizio Bensch

Als ein Ort, der von Gold und Edelsteinen glitzert, wird die Insel Sri Lanka im klassischen indischen Epos „Ramayana“ beschrieben. Auch heute wirkt Sri Lanka anziehend aufs Festland, besonders in Sachen Mode. Sein Schatz sind die einzigartigen Möglichkeiten einer hochmodernen Bekleidungsindustrie und funktionierender Kollektive, die traditionelles Kunsthandwerk wie Batik und Seidenweberei pflegen.

Die Unternehmerin Linda Speldewinde erkannte dieses Potenzial. Diese Ressourcen wurden aber nicht optimal genutzt, weil es keine Designausbildung und damit keine Designszene in Sri Lanka gab. Mit enormer Vorstellungskraft ergriff Speldewinde die einmalige Gelegenheit, Strukturen von Grund auf neu aufzubauen. Mit der Designakademie AOD, Handelsplattformen und einem Händchen für internationale Beziehungen bestimmt sie seit zehn Jahren, was dort auf dem Designsektor passiert. „Es ist in der Tat eine Erfolgsgeschichte, wie wir die lokalen Modestrukturen genutzt haben, um international relevante Talente heranzuziehen. So werden der Schatz unseres Kulturerbes und die unglaublichen Fertigungstechnologien auf unserer Insel und ganz Südasiens im Rest der Welt bekannt gemacht. Es darf von Modetalenten aus Sri Lanka wie Amesh noch viel erwartet werden“, sagt Speldewinde.

Im Urlaub eine gute Wahl

Amesh Wijesekera lässt Sri Lankas Textilkünste glänzen, der junge Designer ist ein Juwel. Zunächst gewann er als AOD-Absolvent den renommierten International Catwalk Competition Award der Graduate Fashion Week in London, dann entwarf er für Speldewindes Label SRI, nun eröffnete er die Mercedes-Benz-Fashion-Week. Mit der Show feierte Mercedes Benz das zehnjährige Bestehen seines International Designer Exchange Program (IDEP) und die Umbenennung in das zeitgemäß neutralere „Fashion Talents“. Wijesekeras Debütkollektion war erstaunlich klassisch und ließ dabei in allen Farben des Sonnenuntergangs und durch handgewebte Stoffe im nasskalten Berliner Winter Urlaubsgefühle aufkommen.

Aber das war genau das Problem. Die aktuelle Kollektion hat viel von solchen Stücken, die im Urlaub eine gute Wahl schienen und zu Hause nie wieder getragen werden.

Der Designer Amesh Wijesekera, aufgenommen auf der Berlin Fashion Week im E-Werk.
Der Designer Amesh Wijesekera, aufgenommen auf der Berlin Fashion Week im E-Werk.Foto: dpa/Jörg Carstensen

Wijesekeras Abschlusskollektion von 2016 sah da noch ganz anders aus. Durch die Partnerschaft der AOD mit der Northumbria University in Großbritannien soll den Studenten der Weg in die internationalen Märkte geöffnet werden. Bei Wijesekera führte die Begegnung mit London und europäischer Kunst zu einer künstlerischen Explosion. „Bei meinen Reisen durch Europa war ich beeindruckt von der Opulenz und der Verwendung von Gold. Es brachte mich aber auch dazu, über Vergänglichkeit und Verfall nachzudenken. Ich denke, dass dieser Kontrast etwas sehr Schönes und Organisches erzeugt.“ Wijesekera überfärbte Darstellungen des Fegefeuers Alter Meister, digitale Prints mischten sich mit traditioneller Batik und modernen Akzenten in Goldfolie. Motorradjacken waren neben opulenten Kimonomänteln und Sarongs zu sehen, dem traditionellen Unisex-Bekleidungsstück. „Gender ist für mich ein Konzept der fließenden Übergänge. Ich sehe kein Geschlecht, ich sehe Menschen.“ Doch der Knaller waren die Strickentwürfe. Wilde Ansammlungen von Garnen und Fransen, die mal wie Gras oder Moos über den Körper wuchsen, mal wie Schwemmgut am Strand wirkten. Es schien, als feierte er mit den Strickkünstlerinnen ein anarchisches Fest. Atemberaubend.

Materielle und emotionale Welt vereinen

Für das neue Label SRI seiner Mentorin Speldewinde entwarf er 2017 eine vergleichsweise reduzierte Kollektion, die Streetwear und Kunsthanwerk mischte. Ein, zwei von Wijesekeras Strickdesigns schlichen sich dort ein und wurden die Stars der Kollektion.

Doch in seiner ersten Kollektion unter eigenem Namen sind davon nur Zitate geblieben. Wijesekera, dessen Designphilosophie lautet, die materiellen und seine emotionale Welt zu vereinen, muss ein offenbar neues Thema bearbeiten: Wahrheit oder Pflicht.

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