Amish Quilts und moderne Kunst : Die schönen Fehler im System

Zeitsprünge: Eine Ausstellung in Augsburg vergleicht Quilts der abgeschlossen lebenden Amish People mit aktueller Kunst.

Demütig wie ein Amish. Manfred Mayerle schuf 2011 seine ganz eigene „Goldbergvariation“ aus geschichteten monochromen Farben.
Demütig wie ein Amish. Manfred Mayerle schuf 2011 seine ganz eigene „Goldbergvariation“ aus geschichteten monochromen Farben.Foto: Felix Weinold

Quadrate und Punkte im optischen Sturm. Wiederkehrende Muster, die Tiefe vortäuschen und geometrische Volten schlagen, fallen einem zum Thema Quilts ein. Egal, ob sie über hundert Jahre alt sind oder aus den 1950ern stammen, wie sie die private Münchner Sammlung Wurzer beide zeigt: Im Dialog mit dem gesteppten Patchwork assoziiert man am ehesten einen Op-Art-Illusionisten wie den Maler Victor Vasarely.

Das Staatliche Textil- und Industriemuseum Augsburg geht einen anderen Weg. Es mixt die herausragenden Textilien der Amish People mit aktueller Kunst. „Hochklassiges Kunsthandwerk“, wie es Museumsdirektor Karl Borromäus Murr nennt, trifft in der Ausstellung „Amish Quilts meet Modern Art“ auf politische Collagen von Beate Passow und dreidimesionale Porträts von Urs Lüthi, dem Gliedmaßen in üppiger Zahl aus dem Körper sprießen.

Von Manfred Mayerle stammen geschichtete, monochrome Farborgien, während die schwarzgrauen Leinwände von Wade Guyton aus dem Drucker kommen. Sophia Süßmilch lässt sich im Internet beschimpfen und zimmert aus den Beleidigungen ein Denkmal. Und Julius von Bismarck verprügelt in seinem Video den Zürichsee, um die Natur – für was auch immer – zu bestrafen.

Ausgerechnet Amish: Weiter weg von der Moderne als jene anachronistische Religionsgemeinschaft, die den Wiedertäufern anhing und im 17. Jahrhundert die Schweiz und Süddeutschland Richtung Amerika verließ, siedelt kaum eine Gemeinschaft. Politisch verfolgt, kapselte sie sich nach außen ab und ersann für ihre Gemeinschaften ein strenges religiöses Regelwerk ohne Platz für Individualisten. Auch ihre Quilts sind kein Ausdruck ambitionierter Selbstverwirklichung, sondern gemeinschaftliche Hausarbeit.

Hergestellt im weiblichen Kollektiv, könnte man sagen – und exakt hier wird es spannend. Denn das Selbstverständnis der Amish prägt noch andere Handlungsweisen, die heute wieder interessant sind: ihr Pazifismus, der achtsame Umgang mit der Natur, die Ablehnung konsumistischer Lebensart. Das alles springt einen nicht unbedingt aus den Quilts an, prägt aber den Subtext einer kunsthandwerklichen Arbeit, die sich dann doch ihre Freiheiten nimmt.

Keine Decke gleicht der anderen

Es beginnt mit der Auswahl von Farben und Dekoren. Beides ist reglementiert, doch innerhalb des Systems streben die Amish nach Variation. „Center Square“, „Split Bars“ oder „Stars“ heißen die gängigen All-Over-Muster.

Dennoch gleicht keine Decke der anderen, sind die Stoffstücke so fantasievoll kombiniert, dass man oft nicht einmal das System erkennt, nach dem sie aneinandergereiht wurden. Dabei bleiben die Muster geometrisch wie auf den Bildern etwa von Winfred Gaul, der in Pop-Art-Zeiten seine Serie „Sex-a-gon“ schuf: knallfarbene Abstraktionen wie Verkehrszeichen ohne Pinselduktus.

[Staatliches Textil- und Industriemuseum Augsburg, bis 15. Oktober]

Drei von ihnen markieren das erste Kapitel der Ausstellung. „Chaos und Ordnung“ heißt der erste, der formalästhetisch leider stecken bleibt. Sicher gibt es visuelle Analogien, doch Gaul analysiert die Malerei seiner Generation und gelangt darüber zum Hard Edge Painting, wie es die amerikanischen Kollegen pflegten: Sein Blick ist weit und international, während die Amish People bis heute jeden Einfluss von außen ablehnen.

Die anderen Gegensatzpaare – Arbeit und Müßiggang, Demut und Hochmut oder Krieg und Frieden – zeigen dann, was ein kultureller Clash zu leisten vermag. Da führt Felix Weinhold in seinem Triptychon „Vanity Fair“ die Perfektion der Oberfläche aufwendig vor, mit dem Magazin entlehnten Hochglanzfotos.

Parallel dazu entfaltet ein Quilt sein Geheimnis: in Form kleiner Fehler, von denen die Kuratorin Tanja Kreutzer nicht zu erwähnen vergisst, dass sie die Amish gern absichtlich eingestreut haben.

Das Spiel der Bedeutungen

Ist das nun Demut, die Demonstration menschlicher Unzulänglichkeit vor dem Schöpfer? Oder doch ein listiges, dem Hochmut geschuldetes Mittel, um mithilfe des Fehlers individuelle Spuren zu hinterlassen? Womit Wade Guyton ins Blickfeld rückt, dessen Leinwände von den Schmutzspuren der Drucker profitieren. Von Bismarcks Peitschenhiebe finden ihre Entsprechung in der Idee der personifizierten Natur, Mayerle legt einen ähnlichen Langmut im Schichten seiner Farben an den Tag wie die Amish beim Steppen ihrer Decken.

Hier verfängt das Spiel der Bedeutungen, die Frage nach wiederkehrenden Werten, Begriffen und nicht zuletzt Ideologien, denen die Ausstellung quer durch die Jahrhunderte und Disziplinen nachspürt.

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