André Rieu zum 70. Geburtstag : Der Zitatkünstler

André Rieu komponiert Bilder wie andere Melodien. Je mehr die Kritik seine populären Arrangements verachtet, desto mehr liebt ihn das Publikum.

Christina Rietz
Natürlich mit Geige. Auftritt André Rieus mit maßgeschneidertem Frack, mit Manschettenknöpfen, Uhrenkette, weißem Jabot. Sein Publikum begrüßt er wie der Papst in zwölf Sprachen.
Natürlich mit Geige. Auftritt André Rieus mit maßgeschneidertem Frack, mit Manschettenknöpfen, Uhrenkette, weißem Jabot. Sein...Foto: dpa / Tobias Hase

Tränen schimmern, Stimmen flimmern, und Kerle liegen sich weinend in den Armen. Nessun dorma, nessun dorma! Puccinis „letzte Arie“ hat André Rieu ihnen zuvor auf der Bühne angekündigt, und die bekommen sie jetzt. Für einen Tenor ist das Stück geschrieben, drei Tenöre singen es nun, gar nicht mal synchron. Sie wiederholen die erste Strophe, ein laut ausgerufenes „speranza“ klingt nach allem, aber nicht nach zarter Hoffnung, es folgen Paukenwirbel, wo eigentlich keine sind, der Chor rast und führt einen Clubtanz auf. Am Ende brüllen drei Tenöre „vincerò!!!!“, bis dem Publikum der reine Affekt so deutlich vor Augen steht, dass es nur noch eines ist: überwältigt.

Das ist seine Strategie. Klassische Musik kann Zuhörer zwar überall überwältigen. Aber bei Rieu ist die Überwältigung Selbstzweck, alles zielt auf sie. Wo Emotionen in den Philharmonien dieser Welt eher gezähmt aufzutreten pflegen, zerrt Rieu sie vom ersten Ton an ins Scheinwerferlicht. Er emotionalisiert sein Publikum, bis es weint, lacht oder laut mitsingt.

André Rieu zieht Fans an wie ein schwarzes Loch Materie. Sie gehen in seinen Konzerten völlig auf. Siebenhunderttausend Menschen haben im Jahr 2018 weltweit seine Konzerte besucht und hörten Puccinis „Nessun Dorma“. 40 Millionen Platten hat der Niederländer im Laufe der Jahrzehnte verkauft. Diesen Sommer bespielte er zwölf Mal den riesigen Vrijthof-Platz in seiner Heimatstadt Maastricht. Am heutigen 1. Oktober wird André Rieu 70 Jahre alt, sieht aber in seinem maßgeschneiderten Frack, mit Manschettenknöpfen, Uhrenkette und weißem Jabot um Jahrzehnte jünger aus.

Je mehr die Kritik den Musiker für seine populären Arrangements bekannter Klassiker verachtete, desto mehr liebten ihn seine Fans. Woraus besteht André Rieus Erfolg? Ist der Niederländer nur ein betrügerischer Parfumeur, der sein Publikum mit Dekorum und Panflöten einlullt? Oder ist er es doch: ein Künstler?

Wie der Papst begrüßt er sein Publikum mehrsprachig

Bei seinen Maastricht-Konzerten, die in deutschen öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten gezeigt werden, zieht Rieu zu Beginn durch die Menge zur Bühne. Er begrüßt – wie der Papst – seine Zuschauer in einem halben Dutzend Sprachen, nur sagt er nicht „liebe Schwestern und Brüder“, sondern „meine Damen und Herren“. Und auch die Bühne hat einen religiösen Touch. Sie sieht aus wie die Akropolis. Säulen flankieren eine Halle, darüber erhebt sich ein Giebel mit Figurenreliefs. Rieu zeigt: Auch hier gilt’s der Kunst! Denn im Tempel, im heiligen Bezirk, da sitzt sein kostbares Orchester in wallenden Roben. Rieu simuliert einen kunstreligiösen Ewigkeitshauch, den es so, zum Beispiel, in der Berliner Philharmonie nicht mehr gibt. Er stellt sich in eine Tradition.

Dann ist Georges Bizet dran. Zu Ehren der abgebrannten Notre-Dame-Kathedrale möchte Rieu im Sommer 2019 „Au fond du temple saint“ aus den Perlenfischern darbieten. Gewohnt schlecht: die drei Tenöre. Die affektverstärkende Videowand im Hintergrund der Bühne kommt zum Einsatz und zeigt die brennende Kathedrale im Abendrot. Die Kamera zoomt auf weinende Menschen. Die Bildregie ist stupend: offene Münder, die pam pam pam machen. Dank seiner Videowand übernimmt Rieu nicht nur die Aufführung, sondern auch die Interpretation der Musik. Daran sollen Sie jetzt denken! An Notre Dame und an nichts anderes! Der Vorteil der Methode: Man braucht recht wenig selber überlegen.

In seiner Emotionalität gleicht ein Rieu-Abend weniger dem Konzertsaal denn dem Fußballstadion. Wird, zum Beispiel, in Bayreuth noch geweint? Nein. Eigentlich schade. André Rieu möchte lobenswerterweise, er hat es oft gesagt, die klassische Musik einer Elite entreißen, die sie zu besitzen vorgibt.

Er hat in der Theorie zwei Möglichkeiten, das zu tun. Er kann sich im Niveau zum Kunstgeschmack der Massen hinabsenken oder sie zu sich hinaufziehen. Rieu ist kein Scharlatan, er ist Profi, hat eine klassisch-musikalische Sozialisation hinter sich. Sein Vater war Dirigent des Limburger Sinfonieorchesters, André lernte als kleines Kind Geige, Flöte und Klavier, bevor er erstere am Konservatorium auch studierte.

Rieu zieht ein Publikum zu sich herauf, insofern er überhaupt klassische Stücke auf den Speiseplan setzt. Beispielsweise reanimiert er halb vergessene Operetten. Er bringt Schostakowitsch zu Zehntausenden. Das müsste er nicht, sein Publikum würde ihn auch lieben, wenn er sein Orchester ad infinitum „You’ll never walk alone“ geigen ließe. Doch er holt Puccini, er holt Bizet, er holt Beethoven, Orff und natürlich Johann Strauss auf seine Bühne. Aber wie macht er das?

Rieu setzt immer noch einen drauf: Fanfaren, Trommel, mehr Stimmen

Diesen Sommer spielte er in Maastricht die Ode an die Freude. „Nach Ludwig van Beethoven“ müsste man sagen, denn gesungen wurde in Wiederholung von Solisten und Chor nur die erste Strophe, die jeder kennt. Dazu kamen Fanfaren und eine Trommel, die es beide im Original gar nicht gibt. Vielleicht ist das der größte Kritikpunkt, den man an André Rieu herantragen kann: dass er, wenn er Klassik serviert, mit Natriumglutamat hantiert. Hier ein Choreinsatz, da eine Wiederholung des Dramatischsten, dort ein durch Pauken gesteigerter Rhythmus, wo es das alles im Original eigentlich nicht gibt. Als vertraute er nicht auf die von ihm doch in Interviews so oft beschworene Kraft der Musik. Als beugte er sich doch zu seinem Publikum hinunter und brüllte ihm ins Ohr: „Ich lass Euch drei Mal die gleiche Stelle vorsingen, damit Ihr’s auch kapiert.“

Ein Höhepunkt des diesjährigen Konzerts ist der Panflötenspieler Teun Ramaekers. Er flötet, was jedermann aus westdeutschen Fußgängerzonen der 1990er Jahre kennt, den „Einsamen Hirten“ von James Last, das aber virtuos. André Rieu ist selber eine Panflöte. Er gibt auch nicht vor, etwas anderes zu sein.

André Rieu liebt Walzer mehr als alles andere. Er sagt, sie zaubern Menschen ein Lächeln ins Gesicht. Doch selbst bei ihnen kürzt und würzt er herum. Bei keinem seiner Konzerte fehlen darf „An der schönen blauen Donau“, den er jedoch seiner sphärischen, zerbrechlichen Einleitung beraubt. Die Zuhörer stört das nicht. Spielt er einen Walzer, tanzt das Publikum selbstvergessen lächelnd. Paare, Kinder, Senioren, alle drehen sich. Die Szene ist zu schön, als dass sie keine Kunst wäre. Rieu komponiert Bilder wie andere Melodien.

Ob er gut geigt, lässt sich nicht beurteilen. Er spielt nie allein

Die Kunst und das Fest, schrieb Peter von Matt in einer Rede zu den Salzburger Festspielen vor einigen Jahren, treffen sich im Akt der Verschwendung. Das ist Rieu in Reinform. Von allem gibt es etwas zu viel, alles ist luxuriös ausgestattet, alles ist verschwenderisch. Rieu ist ein Zitatkünstler. Wie jeder Arrangeur muss er sich seit jeher vorwerfen lassen, kein Originalgenie zu sein. Ob er gut geigt, lässt sich nur schwer beurteilen, weil man ihn nie allein geigen hört.

In seiner Neigung zu Zugaben – sie dauern bei seinen Konzerten bis zu einer Stunde – biegt André Rieu jetzt in die Zugabestrecke seiner Karriere ein. In Interviews erklärt er, dass er ans Abtreten nicht denkt, er will auftreten, bis es nicht mehr geht. Fit hält er sich nach eigener Aussage mit viel Schlaf und viel Sport.

Und so bleibt das Schlussbild eines jeden seiner Konzerte, einmal gesehen, kann man es nicht mehr vergessen: Rieu steht auf einem Bein, beide Hände in die Luft gestreckt. Die eine Hand wackelt, die andere hält Geige und Bogen. Augen und Mund sind aufgerissen, die Frackschöße wehen. Ist er ein Geiger, ist er ein Dirigent, ist er ein Phänomen – was ist er? Vielleicht vor allem dies: ein Entertainer.

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