Zeitgenössische Musik als Neuland

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Andreas Schaerer im Interview : Die Magie des Mundes

Viele komponierende Jazzer, darunter auch Sie, beziehen sich gerne auf Strawinsky, Bartók oder Ligeti, aber kaum je auf ihre Altersgenossen, sagen wir Hans Abrahamsen, Unsuk Chin oder Dai Fujikura. Sind Jazz und Neue Musik doch getrennte Welten geblieben?

Für mich ist die zeitgenössische Musik tatsächlich Neuland. Wo Sie aber von Unsuk Chin sprechen: Ich war bei den Proben zur Luzerner Uraufführung von Chins „Le Silence des Sirènes“ mit der Sopranistin Barbara Hannigan. Eine Wucht, auch weil ihre Musik eine ungekünstelte, körperliche Qualität hat. Fasziniert hat mich zuletzt eine sinfonische Uraufführung meines Landsmannes Dieter Ammann. Aber gerade in meinem Jazzumfeld glauben manche nur zu gerne, etwas völlig Neues, ungeheuer Freches und Mutiges geschaffen zu haben, während ihnen die Neue Musik bei der Überschreitung von Hörerwartungen um Lichtjahre voraus ist.

Nicht einmal die Entwicklungsstränge des Jazzgesangs kreuzen sich wirklich. Oder sehen Sie, dass der traditionelle Ansatz von Ella Fitzgerald, Mel Tormé und heute vielleicht Kurt Elling, den avantgardistischen von Shelley Hirsch oder Phil Minton berührt und unterwegs die Effekte von Al Jarreau und Bobby McFerrin aufliest?

Wenn man all die Sänger, die Sie gerade genannt haben, gleichzeitig auf die Bühne bringen würde, dann könnte man, wenn man mit geschlossenen Augen zuhört, die Übergänge vielleicht hinbekommen. Ella beginnt zu scatten, McFerrin macht es ein bisschen abstrakter und überlasst Phil Minton dann die ganze Spannweite. Aber Sie haben recht: All diese Sänger bewegen sich vor allem in ihren eigenen Gefilden. Als Gegenbeispiel fällt mir Mike Patton ein. Der war bei Faith No More, hat Lionel-Richie-Cover gesungen, MTV rauf und runter, Metal gemacht und frei Improvisiertes mit John Zorn. Eine unglaubliche Palette.

Und Sie? Haben Sie auch ein Herz für das ganz normale Lied?

Ich höre viel songhafte Musik, ich singe sie auch gerne. Nach zehn Jahren, in denen ich vor allem freie Musik gemacht habe, bekomme ich allmählich Lust auf Reduktion und Einfachheit. Das wird man sicher auch bald hören.

Sänger sind in sehr viel größerer Gefahr, indisponiert zu sein, als Handarbeiter. Führen Sie ein besonders vorsichtiges Leben?

Überhaupt nicht. Ich bin kein exzessiver Mensch, wenn es um Genussmittel geht. Aber ich schlafe wenig. Ich bin viel auf Tournee und muss früh zum Flieger. Und im Moment habe ich zum ersten Mal in meinem Leben Stress mit meiner Stimme. Nach zwei Erkältungen war sie komplett weg und erholt sich jetzt nicht in dem Tempo, wie sie es sollte. Ich inhaliere aber fleißig und trinke jede Menge Tee. In den nächsten Wochen sollte sich das also wieder richten.

Bei Drummern oder Gitarristen gab es in den letzten zehn, zwanzig Jahren eine ungeahnte Explosion technischer Möglichkeiten. Was ist für die Stimme noch drin?

Ziemlich viel. Ich unterrichte seit einigen Jahren an der Berner Hochschule, und die Studierenden kommen heute mit einem Stimmumfang, einer Kontrolle und einer Virtuosität an, die sich früher erst noch entwickeln musste. Gerade im Grenzgebiet von Stimme und Elektronik findet ungeheuer viel statt. Man muss sich nur mal einen Abend lang durch YouTube klicken, um die Vielfalt zu sehen. Und dann gibt es Sängerinnen wie Lalah Hathaway, die nie gehörte Spaltklänge hervorbringen.

Sie sprechen von „Something“, der Aufnahme mit Snarky Puppy …

Ja, wie da Tendenzen aus dem mongolischen Obertongesang mit dem Soul verschmelzen, wie Popsängerinnen auch Geräuschhaftes können, das alles ist nicht mehr nur eine Schiene. Auch das sehe ich bei meinen Studenten. Durch das Internet steht ihnen alles sofort zur Verfügung. Der Horizont ist von vornherein weiter. Wir sagten uns vor zwanzig Jahren eher, jetzt ziehen wir uns Charlie Parker rein. Der war dann für eine Weile unser Guru, der nächste war dann Wayne Shorter und so weiter. Heute sind die Gurus breiter gestreut. Insofern leben wir doch in einer Zeit der Öffnung.

Das Gespräch führte Gregor Dotzauer

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