Animationsfilm „Teheran Tabu“ : Doppelmoral und Unterdrückung im Iran

Zwischen religiöser Propaganda und Porno: Ali Soozandehs schonungsloser Debütfilm „Teheran Tabu“ zeigt die verzweifelte Lage vieler Frauen im Iran.

Die Hauptfigur von „Teheran Tabu“, Pari, beim Richter.
Die Hauptfigur von „Teheran Tabu“, Pari, beim Richter.Foto: Teheran Tabu / Camino

Wie lässt sich erkennen, welches Rauschmittel der Ehemann konsumiert hat? „Ganz einfach“, erklärt die Krankenschwester Pari ihrer Nachbarin. „Schlag ihn. Wenn er keine Reaktion zeigt, dann hat er Opium genommen. Wenn er anfängt zu lachen, war es Gras. Wenn er aufwacht, war es Haschisch. Wenn es Crystal Meth war, fällt er einfach tot um. Wenn er dich beschimpft, dann hat er gesoffen. Aber wenn er dir so eine runterhaut, dass deine Zähne rausfallen, dann ist alles normal. Er ist nüchtern.“

So wütend, bitter und komisch wie in Ali Soozandehs Debütfilm „Teheran Tabu“ ist die verzweifelte Lage vieler Frauen im Iran selten auf den Punkt gebracht worden. Alle Rechte, die sie theoretisch haben, sind abhängig vom Einverständnis ihrer Männer. Gegen seinen Willen darf die schwangere Hausfrau Sara (Zahra Amir Ebrahimi) ihre Stelle als Lehrerin nicht antreten. Ohne seine Zustimmung kann sich Pari (Elmira Rafizadeh) nicht scheiden lassen und ein neues Leben anfangen. Da spielt es keine Rolle, dass ihr Mann völlig zugedröhnt ist und lebenslang im Knast sitzt.

Staatlich verordnete Prüderie

Legal arbeiten darf Pari selbstverständlich auch nicht. Krankenschwester zu sein gibt sie nur vor, um ihre nächtliche Arbeit als Prostituierte zu verschleiern. Als solche hat sie wenigstens eine gewisse Macht über die Männerwelt. Denn, auch das macht „Teheran Tabu“ deutlich: Die staatlich verordnete Prüderie, die schon Händchenhalten unter Strafe stellt, führt zu sexueller Frustration, macht die Männer zu Lüstlingen und degradiert die Frauen erst recht zu Sexobjekten. Anschaulich wird das in der Figur von Saras Schwiegervater, der tagsüber auf dem Sofa sitzt und Staatsfernsehen guckt – um in unbeobachteten Momenten zu einem Sexsender umzuschalten. Zwischen religiöser Propaganda und Porno existiert eine Grauzone.

Die Schizophrenie zwischen öffentlichem und Privatleben, die Doppelmoral, die Unterdrückung der Frau: „Teheran Tabu“ greift Themen auf, die aus dem iranischen Kino vertraut sind. Neu ist der Tonfall. Anstatt der Zensur ins Poetisch-Metaphorische auszuweichen oder auf die Mikroebene eines alltäglichen Einzelfalls zu verlagern, der gesellschaftliche Missstände verdeutlicht, nimmt „Teheran Tabu“ kein Blatt vor den Mund. Er zeigt schonungslos, was sonst stets Andeutung bleiben muss.

Möglich ist das, weil der Film nicht im Iran entstanden ist. Der 1995 nach Deutschland ausgewanderte Autor und Regisseur Soozandeh hat die deutsch-österreichische Koproduktion mit Exil-Iranern besetzt, die vor einem Greenscreen agierten und nachträglich in Teheraner Stadtansichten montiert wurden. Mittels des Rotoskopie-Verfahrens wurden die real gedrehten Bilder abgemalt und in einen Animationsfilm verwandelt. Das Ergebnis ist bestechend: Anstatt Schauplätze in Jordanien oder Marokko als Teheran auszugeben, erschafft Soozandeh eine atmosphärisch hochverdichtete Collage der Metropole, die bisweilen realer scheint als die Wirklichkeit.

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Zusammengehalten werden die verwobenen Handlungsstränge durch Paris fünfjährigen Sohn Elias (Bilal Yasar). Wenn seine Mutter ihn nicht gerade mangels Betreuung zu einem Freier mitnimmt, schmeißt er Kondome als Wasserbomben vom Balkon und beobachtet das widersprüchliche Treiben der Erwachsenen. Ihre Lügen und Geheimnisse, die Tabus, über die im Iran nicht geredet werden darf, sind bei dem Jungen bestens aufgehoben. Er ist stumm.

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