• Animationsfilm „Trolls World Tour“: Nur was für Kinder mit Aufmerksamkeitsdefiziten

Animationsfilm „Trolls World Tour“ : Nur was für Kinder mit Aufmerksamkeitsdefiziten

Ein Testfall für Hollywood: Der Animationsfilm „Trolls World Tour“ kommt nicht ins Kino und wird stattdessen direkt über Streamingportale angeboten.

Hairmetal, Baby! Die Wuschel-Trolle rocken in diesem Frühjahr nicht die Kino-Leinwände.
Hairmetal, Baby! Die Wuschel-Trolle rocken in diesem Frühjahr nicht die Kino-Leinwände.Foto: Universal

Kurz bevor die Pop-Trolle ihr Medley anstimmen und in 30 Sekunden von „Wannabe“ über „Who Let The Dogs Out?“ bis zu „Gangnam Style“ hetzen, meint ein skeptischer Country-Troll zum anderen: „Die sehen aus, als wären sie von einem Regenbogen verkloppt worden.“ Ähnlich gerädert fühlt man sich nach „Trolls World Tour“, einem quietschbunten Feuerwerk aus Glitzer, Gags und Gassenhauern.

Pop-Trolle? Country-Trolle? Wie „Trolls“ von 2016 spielt auch die Fortsetzung des Animationsfilms, der wie die absurd erfolgreichen Lego-Filme auf Kinderspielzeug basiert, in einer Fantasiewelt, in der sich sechs Völker über ihren Musikgeschmack identifizieren. Als die Rock-Trolle sich anschicken, die Trollwelt ein für alle Mal auf ihren Sound einzustimmen, bricht die Königin der Pop-Trolle auf, um die anderen Völker zu warnen.

Die Handlung klingt stringent, aber „Trolls World Tour“ ist ein einziger Zuckerschock für Filmfans mit kleinstmöglicher Aufmerksamkeitsspanne – mit anderen Worten: der perfekte Film für eine Horde Kinder in Corona-Quarantäne.

Der perfekte Film für Kinder in Corona-Quarantäne

Das ist die bittere Pointe der Covid-19-Zeit: Ausgerechnet dieses überzuckerte Nichts von einem Film fungiert nun als Testballon für ein neues Zeitalter der Filmauswertung. Universal ("Der Unsichtbare") hat den Versuch gewagt, „Trolls World Tour“ als erste Studioproduktion überhaupt direkt als Download anzubieten. Zwei Wochen nach der US-Premiere ist er nun auch in Deutschland erhältlich.

Filmstudios müssen gerade erfinderisch sein. Universal hatte, als Mitte März die Kinos in den USA schließen mussten, bereits einen zweistelligen Millionenbetrag für Werbung ausgegeben: zu viel Geld, um die Kampagne nach dem Neustart des öffentlichen Lebens ein zweites Mal anzukurbeln. Das Veröffentlichungsfenster von drei Monaten war in den USA bisher sakrosankt, ein Umgehen der Auswertung in den Kinos galt als Tabu.

Momentan läuft der Film nur in etwa 20 Autokinos, die in den USA weiter geöffnet sind. Während sich die Kinobetreiber entsetzt zeigen, dass sich ein Studio mitten in der Krise vom Solidaritätsprinzip verabschiedet, beobachtet die Branche aufmerksam, ob das Experiment aufgeht. Die Zeichen sprechen dafür.

Ein Film kostet so viel wie ein Netflix-Abo

Nach dem US-Startwochenende an Ostern führte „Trolls World Tour"“ auf beinahe allen Video-On-Demand-Plattformen die Charts an. Universal selbst hat bislang keine Zahlen veröffentlicht, doch verschiedene Quellen berichten, dass der Film – mit 100 Millionen Dollar Kosten heutzutage eine mittelgroße Produktion – innerhalb der ersten sechs Tage mehr als 50 Millionen Dollar eingespielt habe. Absoluter Download-Rekord.

Da Universal für die zweitägige Online-Leihe 20 Dollar verlangt, haben mindestens zweieinhalb Millionen Haushalte den Film in der knappen Woche gesehen – und für einen Film mehr Geld ausgegeben als für ein monatliches Streaming-Abo. Allerdings auch deutlich weniger als für einen Kinoabend mit der Familie.

Der Siegeszug der Trolle mit dem wunderbar animierten Wuschelhaar hört sich fulminant an. Doch die Situation ist auch außergewöhnlich, derzeit sitzen viel mehr Familien als sonst daheim. Wenn die Kinder quengeln, sind die Eltern schnell bereit, 20 Dollar für anderthalb Stunden Gute-Laune-Gewitter auszugeben. Die „Trolls“-Marke ist bereits etabliert, die Konkurrenz zudem überschaubar: Es gibt keine Sportveranstaltungen und keinen Nachschub an Kinderfilmen.

Kassenträchtige Blockbuster werden weiter verschoben

Trotzdem reagieren die anderen Major-Studios bislang eher zurückhaltend auf das Vorpreschen von Universal. Paramount lässt seine Romantic Comedy „The Lovebirds“ direkt auf Netflix starten, Disney die Fantasy-Verfilmung „Artemis Fowl“ auf dem hauseigenen Streamingdienst Disney+. Das war’s.

Auch Universal hält vorerst noch an der Prämisse fest, kassenträchtigere Blockbuster lieber zu verschieben. Der neunte Teil von „Fast & Furious 9“ und der nächste Film aus dem „Minions“-Franchise sind derart lukrativ, dass Universal auf die Milliarden-Einnahmen an den Kinokassen nicht verzichten kann. Ob Kinos nach der Krise allerdings noch flächendeckend vorhanden sind, ist eine andere Frage. Besonders, wenn die Studios doch noch dem Vorbild Universals folgen sollten.
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