Ann Noël zu Gast bei Vadim Zakharov : Die besten Dinge sind umsonst

Ein I für ein You: Die Fluxus-Veteranin Ann Noël zu Gast in der Privatwohnung des russischen Künstlers Vadim Zakharov.

Dorothea Zwirner
Bewegungsmelder. Ann Noëls Tagebuch, reduziert auf Namen und Orte.
Bewegungsmelder. Ann Noëls Tagebuch, reduziert auf Namen und Orte.Foto: V. Zakharov

Dicht drängen sich die Gäste im Flur an Zeichnungen, Fotos, Büchern und Katalogen entlang, um in das große Arbeitszimmer mit weiteren Exponaten zu gelangen. Mit Hingabe und Sorgfalt ist die Wohnungsausstellung eingerichtet – von der Einladungskarte über den biografischen Einführungstext bis zum Performancevideo im Entree.

Seit zwei Jahren lädt der russische Künstler Vadim Zakharov mit seiner Frau Mascha unter dem Titel „Freehome – Artist to Artist“ alle zwei Monate Künstler zu einer Ausstellung in seine Schöneberger Wohnung ein. Sein Traum ist ein Freiraum für Kunst und Kommunikation jenseits der etablierten und kommerzialisierten Kunstwelt. Zakharov setzt damit eine Tradition der privaten Wohnungsausstellungen fort, wie sie für die inoffiziellen Künstler während der Sowjetzeit häufig die einzige Ausstellungsmöglichkeit bot. Als er nach der Wende in den Westen ging, schuf der gelernte Buchgestalter als Herausgeber der Zeitschrift „Pastor“ ein eigenes Forum für seine emigrierten Künstlerfreunde, die dem Kreis der Moskauer Konzeptualisten um Ilya Kabakov und Boris Groys angehörten. Zakharov, der 2013 den russischen Pavillon der Biennale in Venedig gestaltete, versteht sich auch als Archivar und Dokumentarist. Vor allem aber ist er ein Menschenfreund und Kurator, der sich nicht nur um die eigene Kunst, sondern auch die der anderen sorgt.

Who’s who der damaligen Fluxus-Szene

Diesmal präsentiert er das Werk der englischen Fluxus-Künstlerin Ann Noël, die seit 1980 in Berlin lebt und arbeitet. Zuvor hatte die gelernte Grafikerin bei dem Drucker und Verleger Hansjörg Mayer in Stuttgart und dann als Assistentin von Dick Higgins für die legendäre Something Else Press in New York gearbeitet, wo sie ihren zukünftigen Mann Emmet Williams kennenlernte. Beeindruckt von Dieter Roths Tagebüchern begann sie ihr eigenes zu führen, täglich eine Seite, das nicht nur eine Fundgrube für die Fluxus-Bewegung darstellt, sondern ein eigenes künstlerisches Werk. Mit ähnlicher Akribie wie Hanne Darboven hat sie es auf Hunderte eng beschriebener Seiten kondensiert, die chronologisch in säuberlicher Handschrift nur noch die Namen und Orte der Menschen auflisten, denen sie begegnet ist. „Sie bilden die Hintergrundtapete meines Lebens“, wie die 75-jährige Künstlerin bei der Führung durch ihre Ausstellung sagt.

In einem langen Fries sind etliche dieser Tagebuchseiten zu sehen, die sich wie ein Who’s who der damaligen Fluxus-Szene lesen. In einer zweiten, kolorierten Fassung ist jeder Farbmarkierung eine Bedeutung zugeordnet. Das dominierende Blau steht für die Alltagsbegegnungen, während das wenige Grün die seltenen Kunstverkäufe markiert.

Auch die Performance spielt eine wichtige Rolle

Der Sinn für typografische Gestaltung und künstlerischen Teamgeist, der Ann Noël und Vadim Zakharov verbindet, zeigt sich auch in einem wandfüllenden Tableau aus 200 Zeichnungen. Als Reaktion auf die Selbstfindungs- und Egotrips der Me-Generation der siebziger Jahre hat Ann Noël den Buchstaben „I“ in unterschiedlichsten Schrifttypen mit schwarzer Tusche auf Papier gezeichnet. Kein Ich gleicht dem anderen und doch bedürfen sie alle eines Du. „You“ lautet der Titel der Zeichnungsserie, die 1982 als Künstlerbuch erschienen ist und 1984 in der DAAD-Galerie zu sehen war.

Neben grafischer Gestaltung und visueller Poesie spielt auch die Performance eine wichtige Rolle im Werk von Ann Noël: 2008 bemalte die Künstlerin ihr eigenes Selbstporträt vor Publikum mit Anti-Aging-Make-up, um den Jugend- und Schönheitswahn der Werbung ad absurdum zu führen. Wollte man das besondere Ausstellungsformat von Freehome zusammenfassen, so braucht man nur eine typografische Arbeit von Ann Noël zu zitieren, die die künstlerische Nähe zu Vadim Zakharov belegt: „Some of the best things in life are still free because nobody has found a way to market them yet.“

Freehome, Eisenacher Straße 103 a, Anmeldung unter vadimzakharov@gmx.net, bis 23. 2.

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