Anschlag in Neuseeland : Die Verschwörungstheorie des Todesschützen

Der Attentäter von Christchurch veröffentlichte ein "Manifest" mit dem Titel "Der große Austausch". Es bezieht sich auf einen Vordenker der Neuen Rechten.

Christian Schröder
Polizisten und ein Passant vor der Al-Noor-Moschee im neuseeländischen Christchurch.
Polizisten und ein Passant vor der Al-Noor-Moschee im neuseeländischen Christchurch.Foto: REUTERS

Bevor der Attentäter von Christchurch am letzten Freitag in zwei Moscheen 50 Menschen erschoss, verschickte er per Mail ein „Manifest“ an mehr als 30 Personen, darunter die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern. Das Deckblatt zeigt eine „Schwarze Sonne“, ein von den Nationalsozialisten erfundenes esoterisches Symbol, das aus drei übereinandergelegten Hakenkreuzen besteht. Der Titel des 74-seitigen Pamphlets, das im Internet kursiert, lautet „The Great Replacement“.

Imagination einer muslimischen Machtübernahme

Er geht zurück auf das Buch „Le grand remplacement“ des rechtsradikalen französischen Publizisten Renaud Camus, in dem er eine bevorstehende Machtübernahme von Muslimen in Frankreich imaginiert. Der „Große Austausch“, also die Behauptung, dass die einheimische Bevölkerung planmäßig durch Einwanderer und Minderheiten ersetzt werden solle, ist das Stichwort einer der wirkungsmächtigsten Verschwörungstheorien der Neuen Rechten in Europa, bis hin in den Bundestag. So erklärte der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland 2017: „Der Bevölkerungsaustausch in Deutschland läuft auf Hochtouren.“

In seinem Manifest schreibt Brenton T., der mutmaßliche Todesschütze von Christchurch, er habe seine Opfer ausgewählt, weil sie Invasoren seien, die Weiße ersetzen wollten. Er werde keine Reue für ihren Tod spüren. Allerdings leben in Neuseeland nur etwa 36000 Muslime, was bei einer Bevölkerung von 4,8 Millionen nicht einmal ein Prozent ausmacht. Premierministerin Ardern hatte angekündigt, künftig 1500 Migranten ins Land zu lassen statt bisher 1000. Der 28-jährige Brenton T., der aus Australien stammt und als Fitnesstrainer gearbeitet haben soll, will sich nach mehreren Reisen durch Europa entschlossen haben, zu Gewalt zugreifen.

Massenmörder Breivik als Vorbild

Er hielt sich wohl längere Zeit in der Türkei auf, besuchte auf dem Balkan und in Osteuropa Orte, die bei den Türkenkriegen eine Rolle spielten, und kam vermutlich auch nach Deutschland. 2017, schreibt er, habe er mitbekommen, wie ein Usbeke einen LKW in eine Menschenmenge vor einem Einkaufszentrum in Stockholm steuerte und fünf Menschen tötete. Das Vorbild für den massenmörderischen Hass des Australiers ist der Norwegen Anders Breivik, der wegen des Mordes an 77 Menschen im Jahr 2011 im Gefängnis sitzt.  

„Wenn ihr wie ich der Überzeugung seid, dass das bei weitem wichtigste Problem unserer Zeit die Auflösung der Völker und der Zivilisation ist, die Eroberung durch ethnische Überschwemmung, der Große Austausch: wenn ihr aus ganzem Herzen und mit allen Fasern eures Seins die Kolonisation unseres Vaterlandes und Europas ablehnt, dann revoltiert!“ Mit diesen Zeilen endet Renaud Camus‘ Buch, ein Handlungsaufruf, den Brenton T. offenbar auf seine Art verstanden hat. In Deutschland ist der Band, dessen französisches Original 2001 herauskam, unter dem Titel „Revolte gegen den Großen Austausch“ im Anthaios-Verlag des neovölkischen Verlegers Götz Kubitschek erschienen.

Warnung vor angeblichen Eroberern

Die Übersetzung stammt von Martin Lichtmesz, einem der Köpfe der Identitären Bewegung in Österreich. Martin Sellner, ebenfalls ein identitärer Aktivist, hat ein Nachwort geschrieben.  Mit ihrem Konzept des „Ethnopluralismus“, der kulturellen „Reinhaltung“ von Gesellschaften durch Trennung nach Ethnien, haben die Identitären ihre Antwort auf die angebliche „Umvolkung“ gefunden. Camus habe die Überfremdung Europas als „Großen Austausch“ bezeichnet, „und dieser Begriff beginnt sich durchzusetzen!“, wirbt der Verlag auf seiner Website.  Bei Anthaios war auch schon der Roman „Das Heerlager der Heiligen“ des französischen Schriftstellers Jean Raspail herausgekommen, eine xenophobe Untergangsfantasie, in der das Abendland von indischen Elendsflüchtlingen überlaufen wird.

Renaud Camus, Jahrgang 1946, sieht sich als „Patriot“. Die Richtigkeit seiner Verschwörungsthese hält er für evident, ein Phänomen „so offensichtlich wie die Nase im eigenen Gesicht“. Zum Beweis müsse man nur auf die Straße gehen oder aus dem Fenster schauen. „Dort gab es einmal ein stabiles Volk, das dasselbe Gebiet seit fünfzehn oder zwanzig Jahrhunderten besiedelt hat. Und plötzlich, sehr rasch, in einer oder zwei Generationen, ist es durch ein anderes Volk oder mehrere andere Völker ersetzt worden.“ Zu Mitterands Zeiten war Camus ein Anhänger der Sozialisten gewesen, er schrieb über seine Homosexualität. Unter Rechtsextremen hat er großen Einfluss, die FAZ beschrieb ihn als „den Einflüsterer von Marine Le Pen“, der Chefin des Rassemblement National.

Verurteilt wegen Anstachelung zur Gewalt

Von einem Pariser Gericht wurde der Schriftsteller 2014 wegen Anstachelung zu Hass und Gewalt zu einer Geldstrafe über 4000 Euro verurteilt, weil er muslimische Einwanderer als Teil einer „Eroberung Frankreichs“ bezeichnet hatte.

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