Anselmo Fox im Pavillon am Milchhof : Seltsame Häufchen

Holzspäne auf Dielenboden: „locken“, eine anarchische Installation von Anselmo Fox im Pavillon am Milchhof.

Als Gustave Caillebotte 1875 drei Parkettschleifer bei der Arbeit malte, war das ein Skandal. Paris galt wie alle Metropolen als Zentrum der Bourgeoisie, die selbstverständlich entlang der Boulevards in großen Wohnungen repräsentierte. Dabei zusehen, wie andere Menschen diese Räume herrichten, das wollte man lieber nicht: „Die Parkettschleifer“ empfand das Publikum als Provokation, auch wegen des peniblen Realismus’ ihres Schöpfers.

Heute zählt das Bild zu den Stars im Pariser Musée d’Orsay. Und es taucht als Referenz in der Erläuterung auf, die Anselmo Fox seiner aktuellen Ausstellung im Pavillon am Milchhof mitgibt. Die Arbeit des in Berlin lebenden Schweizer Künstlers füllt den gläsernen Kasten in Prenzlauer Berg, der sich bloß von außen anschauen und deshalb jederzeit besuchen lässt, mit Bedeutung. Selbst wenn kaum mehr zu sehen ist als ein Dielenboden, aus dem sich ein hölzerner Span wie ein Ornament schält. Er hinterlässt eine sichtbare Kerbe im Eschenholz.

Wie aufwendig die Vorbereitungen zur Installation „locken“ (2011–18) gewesen sein müssen, lässt sich bloß anhand ihrer Größe erahnen. Denn der Span ist groß wie ein mehrfach gerollter Hula-Hoop-Reifen und natürlich nicht einfach aus dem Holz geschält, sondern mit großem Kraftaufwand zurechtgebogen. Dennoch wirkt es, als zitiere Fox ein Detail aus dem Gemälde des Franzosen. Was die Parkettschleifer an Holz und Farbe vom Boden holen, sammelt sich in Caillebottes Bild zu chaotischen Kringeln. Eine Nebensache, könnte man meinen – doch für Anselmo Fox artikuliert sich exakt in jenen „seltsamen Häufchen“ das Selbstverständnis eines Malers, der mit den Konventionen bricht.

Ein Instrument der Illusion und der Manipulation

Der schnurgerade Verlauf der Dielen in dem Bild symbolisiert die Perspektive, die seit der Renaissance für den räumlichen Tiefeneindruck zuständig ist. Ein Instrument der Illusion – und damit auch der Manipulation –, dem Caillebotte jene Spiralen entgegensetzt, die die Arbeiter aus dem Holz befreien. Dass sie zudem noch die Pinselspuren des Malers aufweisen, während das übrige Motiv die gestochen scharfe Qualität einer Fotografie besitzt, lässt für Fox nur einen Schluss zu: Was die Männer hier abtragen, ist kein Abfall. Sondern ein gemaltes Aperçu, das sich der Funktion der Malerei mit ihrem linearen Raumgefüge widersetzt. Ein anarchisches Zeichen, von Caillebotte gut versteckt.

Anselmo Fox, der nach Studienjahren in Luzern und Basel 1994 Kultur- und Kunstwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität studierte und dort später selbst einen Lehrauftrag hatte, schält diese Botschaft im Wortsinn aus dem Motiv heraus. Isoliert steht sie im Pavillon am Milchhof, selbst eine autonome Skulptur und trotzdem umso spannender, je mehr man sich mithilfe des Künstlers die Herkunft seiner Arbeit erschließt. Dass Fox mit dem Titel „locken“ auch auf das englische Wort „to lock“ anspielt und damit auf die Unmöglichkeit, das mehrfach gerollte Holz einfach zurück in die Kerbe zu drücken, ist eine weitere Volte. Wer „locken“ einmal entschlüsselt hat, kommt hinter dieses Wissen nicht mehr zurück.

Pavillon am Milchhof, Schwedter Str. 232; bis 6. 1., täglich bis 20 Uhr

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