Antiquitätenmesse Tefaf : In der Kältekammer

Keine andere Messe für alte Kunst erreicht ihr Niveau. Dennoch verjüngt sich die Maastrichter Tefaf - aus gutem Grund

Blick in die Koje der Galerie Bernard Dulon
Blick in die Koje der Galerie Bernard DulonTefaf/Loraine Bodewes

Die Galerie Christopher Kingzett hat zwei Zeichnungen von Sir Edward Coley Burne-Jones aufgehängt – und schon verkauft. Ein halbes Dutzend kleine Gemälde von Thomas Fearnley hängen ebenfalls am Stand, jede soll um die 30000 Euro kosten. Auch hier kleben rote Punkte an der Wand und signalisieren, dass vier der Landschaften aus dem 19. Jahrhundert nicht mehr zu haben sind. Eine eindringliche Zeichnung von Maurice Langaskens: weg, genau wie die Blätter rechts und links des belgischen Malers.

Nichts davon erreicht jene schwindelerregenden Preise, wie man sie aus anderen Kojen der Tefaf kennt. Doch die größte und schönste Messe Europas, wenn es um alte Kunst und Antiquitäten geht, hat auch noch gar nicht richtig angefangen. Eben durften die ersten Gäste in die aufwendig mit Blumen geschmückten Hallen, und man kann nicht so schnell gucken, wie sich die Punkte an den Ständen vermehren. Dabei ist dies bloß die Vorhut sämtlicher eingeladener Sammler: Die Eintrittskarten zur Preview sind streng limitiert und gestaffelt. Es geht weiter in Tranchen, bis die Tefaf am heutigen Samstag offiziell ihre Tore öffnet und sich jeder für ein Tagesticket von 40 Euro anschauen kann, was 279 Kunsthändler aus aller Welt zwei Wochen lang in den Niederlanden versammeln.

Fünf pinkfarbene Vasen für August den Starken

Die Kunstmesse, 1988 gegründet und inzwischen mit zwei jährlichen Ablegern in New York präsent, nennt sich gern Museum auf Zeit und verbannt so den ökonomischen Faktor ihres Daseins ins Hinterzimmer. Man selbst vergisst es allerdings auch immer wieder, wenn etwa Händler wie der Münchner Porzellan-Spezialist Röbbig seine Koje in ein historisches Kabinett verwandelt. Darin stehen die wertvollen Teller, Figuren und Gefäße aus Meissen geordnet in gläsernen Vitrinen. Durchaus didaktisch, wie Galerie-Direktor Alfredo Reyes erklärt: Es gebe ein neues, mit der Historie des Porzellans kaum vertrautes Publikum. Ihm kommen Röbbigs chronologische Arrangements entgegen, mit denen sich die Entwicklung von Fonds und Formen erschließen lässt. An einer Spiegelwand der Koje stechen einem fünf pinkfarbene Vasen ins Auge, die allesamt für August den Starken gefertigt wurden. Röbbig gibt sie nur im Ensemble ab, für 1,4 Millionen Euro. Damit reduziert sich der Kreis möglicher Käufer dann doch auf jene, die echte Obsessionen oder mäzenatische Absichten hegen.

Doch es gibt auch zahllose Objekte für weniger Geld, und vielleicht ist das die verblüffendste Erkenntnis eines Tefaf-Besuchers, der zum ersten Mal die Stände für Tribal Art, antike Skulpturen, altmeisterliche Gemälde, Vintage-Design, Asiatika, Bilder und Zeichnungen vom Expressionismus bis zur Nachkriegskunst oder voller Wunderkammer-Objekten durchkämmt. Vieles ist, der außerordentlichen Qualität entsprechend, teuer. Anderes beginnt bei wenigen hundert Euro. Wer sich zum Beispiel für ein praktisches medizinisches „Notfall Case“ mit Knochensäge aus dem 18. Jahrhundert interessiert, der bezahlt bei Delalande aus Paris knapp 2000 Euro für ein gut erhaltenes Set.

Von den 40 neuen Galerien zeigen die meisten moderne Kunst

Eine andere Dimension markieren Highlights der Messe wie die schlafende Nackte am Stand von Dickinson, deren voluminösen Körper Pierre-Auguste Renoir 1903 auf ein großformatiges Gemälde bannte. Was es kosten soll, darüber verliert die Londoner Galerie kein Wort, aber auch dieses Bild eines berühmten Impressionisten soll bereits am ersten Tag der Messe verkauft sein.

Den Renoir zeigt Dickinson in der Sektion „Tefaf Modern“, in direkter Nachbarschaft zur Galerie Gmurzynska, die der Tefaf 17 Jahre lang fernblieb. Dass sie nun mit Sonia Delaunys wunderbarem Textbild „Zenith“ (600 000 Euro) aus dem Jahr 1913 und einer hauchdünnen Fotografie des russischen Avantgardisten El Lissitzky (700 000 Euro) zurückkehrt, ist ein Zeichen in einer ganzen Reihe von Transformationen, die die Messe seit vergangenem Jahr durchläuft. Dazu gehört die Neuaufstellung jener Jury, die während des Aufbaus durch die Gänge läuft, um mögliche Fälschungen auszusortieren. Früher waren auch Händler in diesem „vetting committee“. Nun sind es allein 180 Experten aus der Wissenschaft, die jedes Objekt vor der Eröffnung der Tefaf begutachten. Dass sie die Werke des amerikanischen Bildhauers Barry X Ball am Stand von Fergus McCaffrey akzeptieren, ist schade, aber nachvollziehbar: Balls Kunst lebt von der Aneignung antiker Vorbilder, die er in 3D neu printen lässt. Kopien sind es also nicht – aber auch keine interessanten Kunstwerke.

Zu den Marienstatuen gesellen sich üppige Nana-Figuren

Die andere Neuerung offenbart sich auch dem Besucher unmittelbar. Von den knapp 40 neuen Ausstellern zeigt ein beträchtlicher Teil Kunst der Moderne bis in die Gegenwart. Dafür stehen Galerien wie Max Hetzler mit Werken von Ai Weiwei, Ida Ekblad oder Albert Oehlen und ebenso Sprüth Magers, die sich auf eine Soloschau mit Keramik von Rosemarie Trockel konzentriert. Beides, die Kunst wie ihre Aussteller, verändert das Bild der Tefaf. Zu den mittelalterlichen Darstellungen von Heiligen, den frommen Skulpturen des Bamberger Antiquitätenhandels Senger, den Miniaturen aus Elfenbein, Altarflügeln und Jugendstil-Möbeln (Galerie Bel Etage) oder dem Palmtisch von KPM am Stand der Galerie Neuse aus Bremen gesellen sich üppige Nanas von Niki de Saint Phalle (Galerie Samantha Sellem) und eine steinerne von Ugo Rondinone eben erst geschaffene Skulptur (Galerie Kamel Mennour).

Für die Tefaf ist es ein wichtiger Schritt: Sie will – und muss – ihr Publikum verjüngen. Der neue Typus Sammler ist nicht länger auf Themen und Epochen konzentriert, sondern erwirbt, was ihm gefällt. Dieses im besten Sinn eklektische Sammeln spiegelt sich im neuen Auftritt der Messe. An manchen Stellen fühlt man sich fast wie auf der Art Basel. Aber die Tefaf muss auch ihr Profil im Auge halten. Die Einzigartigkeit historischer Objekte ist ihr Pfund im Vergleich zur Konformität vieler Messen für Zeitgenössisches. Die Mischung sollte bleiben.

Tefaf, MECC Maastricht, 16.–24.3., www.tefaf.com

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