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Antisemitismusdebatte : Farid Bang und Kollegah gewinnen Echo – und ernten Buhrufe

Bei der Echo-Verleihung in Berlin kritisiert Campino das Rap-Duo für seine Songtexte. Trotzdem gewinnen Kollegah und Farid Bang einen Preis. Das Publikum hat jedoch seine eigene Meinung.

Markus Lücker
Die Rapper Kollegah und Farid Bang nehmen ihren Echo an.
Die Rapper Farid Bang und Kollegah nehmen ihren Echo an.Foto: Reuters/Axel Schmidt

Eigentlich wollte der Echo nur die wichtigste Preisverleihung der deutschen Musikindustrie sein. Stattdessen wurde die Veranstaltung zur Bühne für ein Wortgefecht zwischen den Musikern Kollegah und Farid Bang sowie dem Sänger der Toten Hosen Campino. Bereits in den vergangenen Tagen stand die Veranstaltung im Zentrum von Antisemitismusdiskussionen.

Das in den Kategorien "Album des Jahres" und "Hip-Hop/Urban National" nominierte Rap-Duo Kollegah und Farid Bang war für eine Textzeile aus ihrem Song "0815" in Kritik geraten. Die Passage "Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen“ hatte zu Entsetzen bei Auschwitz-Überlebenden geführt, woraufhin sich die Rapper "von jeglicher Form des Antisemitismus oder Hass gegen Minderheiten" distanzierten. Zumindest der Preis in der Kategorie "Hip-Hop" ging dann im Laufe des Abends auch an sie. Mit dem Preis für das beste Album wurde hingegen der Brite Ed Sheeran ausgezeichnet.

Campino zieht eine Grenze

Der Sänger der Toten Hosen Campino hatte die Kritik an den Rappern zuvor während seiner Dankesrede aufgegriffen und ihnen vorgeworfen, sich in eine Opferrolle begeben zu haben, die ihnen nicht zustehe. Jeder Musiker habe die Pflicht, eine persönliche Grenze der Toleranz zu ziehen. Er selbst habe überlegt, ob er die Veranstaltung boykottieren solle, sich jedoch dagegen entschieden.

Die Musik von Kollegah und Farid Bang beschrieb Campino im Rahmen eines größeren gesellschaftlichen Trends, der sich etwa in der Politik und der Debattenkultur in den sozialen Medien zeige. Provokation könne eine produktive Wirkung haben. Eine Provokation, die auf Kosten von Minderheiten gehe und Antisemitismus bediene, überschreite jedoch eine Grenze. Gleichzeitig betonte der Sänger, dass Zensur und Verbote keine Lösungen für das Problem seien.

Das Publikum im Saal reagierte auf die Ansprache mit stehenden Ovationen. Gefragt, ob sich das das Rap-Duo zu den Vorwürfen äußern wolle, winkte Kollegah zunächst ab. Er sei in erste Linie hier, um einen guten Abend zu haben. Bei weiterem Redebedarf solle man sich bei der Aftershow-Party an ihn wenden.

Kollegah referiert über Stil

Ihre Dankesrede für den Sieg in der Kategorie "Hip-Hop/Urban National" nutzten die Rapper schließlich für eine Replik auf den Sänger der Toten Hosen. Wie bereits zuvor Campino trat Kollegah in Begleitung von Farid Bang mit einem weißen Stück Papier auf die Bühne und kündigte ein "Referat" an. Auf der Rückseite des Papiers war eine Karikatur zu sehen, die Campino mit einem Heiligenschein zeigte.

Unter Pfiffen sagte Kollegah, dass es stillos sei, sich wie der Tote-Hosen-Sänger als moralische Instanz aufzuspielen. Als ein "Zeichen des Friedens" kündigte er an, dass er die Zeichnung auf seinem Papier für einen wohltätigen Zweck versteigern wolle. Später traten die Rapper nochmals auf und performten ihren Song "All Eyez On Us" - diesmal unter einer Mischung aus Pfiffen und Applaus. Ursprünglich sei laut Wolfgang Börnsen, dem Vorsitzenden des Ethikbeirats, ein anderes Lied für den Auftritt geplant gewesen.

Der Rapper Kollegah hält eine Zeichnung von Campino hoch.
Der Rapper Kollegah hält eine Zeichnung von Campino hoch.Foto: REUTERS/Axel Schmidt/Pool

Vorab hatte der siebenköpfige Echo-Ethikbeirat das Album der Rapper danach geprüft, „ob die Grenze zwischen künstlerischer Freiheit und gesellschaftlich nicht hinnehmbaren Äußerungen überschritten wurde", wie der Bundesverband mitteilte. Eine Mehrheit des Gremiums entschied sich dafür, die beiden Musiker zur Nominierung freizugeben.

Unterstützung aus der Szene

Rückhalt bekamen die Rapper von verschiedenen Musikern aus der Hip-Hop-Szene. Der Rapper Kayef sagte dem Tagesspiegel: "Ist doch alles überzogen und nicht so ernst gemeint. Spätestens nach der Entschuldigung sollte es mal gut sein."

Auch der in der Kategorie "Hip-Hop/Urban National" neben Farid Bang und Kollegah nominierte Spongebozz nahm die beiden in Schutz. Am Montag hatte der jüdische Rapper der Deutschen Presse Agentur gesagt, die kritisierte Zeile sei „geschmacklos - aber nicht antisemitisch“. Die Vorsitzende der "Israelitischen Kultusgemeinde" in München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, nannte die Preisvergabe in der Hip-Hop-Kategorie hingegen ein "verheerendes Zeichen".

Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) distanzierte sich auf Nachfrage von dem Preis: "Ich gehe auf keinen Fall dorthin" kündigte er im Voraus an. Er habe in der Vergangenheit bereits die Preisverleihung an die Band "Frei.Wild" kritisiert. 2016 gewannen die oft als rechtsnationalistisch beschriebenen Musiker aus Südtirol in der Kategorie "Rock/Alternative National". Lederer bedauere, "dass die Veranstalter nichts gelernt haben".

Der Fall Frei.Wild

Der Bundesverband Musikindustrie hatte "Frei.Wild" bereits 2013 für einen Echo nominiert und damit für Debatten gesorgt. Verschiedene Musiker wie "Die Ärzte" und "Kraftklub" drohten die Veranstaltung zu boykottieren. Die Nominierung von "Frei.Wild" wurde zurückgezogen und der Ethikbeirat gegründet.

Im Fall der Rapper kam der Beirat zum Schluss, dass es sich bei der Nominierung um einen „absoluten Grenzfall zwischen Meinungs- und Kunstfreiheit und anderen elementaren Grundrechten“ handele. Der Vorsitzende des Beirats, der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Börnsen, unterstrich, dass die Wortwahl einiger Texte „provozierend, respektlos und voller Gewalt“ sei. Dennoch seien die Mitglieder zu dem Ergebnis gekommen, dass ein formaler Ausschluss nicht der richtige Weg sei.

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