• Anwalt Christian Schertz zum Fall Wedel: „Wir müssen über das System des Schweigens nachdenken"

"Weinstein und Wedel sind Ausnahmefälle"

Seite 2 von 2
Anwalt Christian Schertz zum Fall Wedel : „Wir müssen über das System des Schweigens nachdenken"
#MeToo-Protest erreicht in Frankreich die Straße
#MeToo-Protest erreicht in Frankreich die Straße

Einmal abgesehen davon, ob eine Berichterstattung erlaubt ist: Sie werden doch auch in Ihrem Kopf und Herzen gewogen haben, ob Sie Ihrer Mandantin überhaupt zuraten können, ihre Geschichte publik zu machen mit allen möglichen Konsequenzen für sie. Was haben Sie ihr geraten?

Das klingt jetzt ein bisschen pathetisch: Ich versuche eigentlich immer, auf der richtigen Seite zu stehen. Das ist mir bislang nicht immer gelungen, aber oft, glaube ich. Hier habe ich mir natürlich selber auch anwaltsethische Gedanken gemacht. In diesem konkreten Fall bin ich tatsächlich der Auffassung, dass es moralisch gerechtfertigt ist, dieses Thema an die Öffentlichkeit zu bringen. Das ist ja hier nicht der Fall Kachelmann. Damals habe ich die enorme mediale Vorverurteilung kritisiert: Hinten im Gerichtssaal saß immer eine Gruppe voreingenommener Berichterstatter. Im Endeffekt war der Fall Kachelmann ein einziges Desaster für den Rechtsstaat, weil er zeigt, dass auch im Falle eines Freispruchs die Folgen für den Betroffenen immens sind.

Was ist jetzt anders?

Anders als bei Wedel war es bei Kachelmann ein Einzelfall-Vorwurf, der zu einem medialen Tsunami geführt hat. Im Ergebnis hat sich der Vorwurf offensichtlich als falsch herausgestellt. Dieses Mal kam nun eine Riesendebatte, losgetreten von der „New York Times“, aus Amerika. Wochen- und monatelang passierte in Deutschland erst einmal gar nichts. Dann haben sich viele Personen, die kein spezielles Interesse an Öffentlichkeit haben, zugleich und unabhängig voneinander entschlossen, an die Medien zu gehen.

Frauen. Frauen und Schalen. Frauen und Schalen und ein Schwert. Gerechtigkeit?
Frauen. Frauen und Schalen. Frauen und Schalen und ein Schwert. Gerechtigkeit?Foto: imago/McPHOTO

Wir müssen trotzdem noch einmal fragen: Wenn also jetzt die Mandantin Jany Tempel zu Ihnen kommt und berichtet, Dieter Wedel habe sie vor 22 Jahren im Hotelzimmer misshandelt. Da würde ich als Anwalt immer sagen: Gehen wir zur Staatsanwaltschaft.

Ich bin kein Strafrechtler. An mich wenden sich Menschen, die fragen: Kann ich mit dieser Geschichte an die Medien gehen und was droht mir in dem Fall? Ich berate Buchverlage und Filmproduktionen, die Realstoffe verfilmen. Ob nun Regina Ziegler, die aktuell das Gladbecker Geiseldrama produziert, fragt: Wie gehen wir mit Rösner und Degowski um?, oder ob eine Frau, die behauptet, Opfer von Dieter Wedel zu sein, fragt, ob sie diese Geschichte erzählen darf: Ich prüfe immer dieselben Rechtsfragen. Ob man es in einem Film oder einer Zeitung erzählt, ist dabei völlig irrelevant. Ich prüfe, ob man Geschichten mit realen Personen erzählen darf. Das ist meine Spezialisierung.

Man könnte ja auch sagen: Es gibt ein förmliches Verfahren zur Feststellung von Schuld. Da kann man der Mandantin ja auch zuraten.

Ich bin Äußerungsrechtler und habe mir deshalb nur die medialen und äußerungsrechtlichen Sachen angehört. Strafrechtlich bin ich davon ausgegangen, das ist verjährt. Dann hat sich aber die Münchner Polizei gemeldet, Kripo und Staatsanwaltschaft, da es relativ aktuelle Übergangsvorschriften gibt, die im Zusammenhang mit den Missbrauchsgeschichten 2015 geschaffen wurden: Wenn ein Opfer von Sexualdelikten noch keine 30 Jahre alt war, beginnt die Verjährung später. Deshalb gibt es jetzt ein Ermittlungsverfahren.

In der Öffentlichkeit, die seit dem Erscheinen des Artikels für Dieter Wedel besteht, werden auch Urteile getroffen und Strafen bestimmt: Seine Stücke werden abgesetzt, seine Filme sollen nicht mehr gezeigt werden. Soll es aus Ihrer Sicht Schule machen, dass man es sich im Namen von öffentlichem Interesse oder später Gerechtigkeit herausnimmt, das öffentlich aufzuarbeiten, was der Rechtsstaat bei verjährten Fällen nicht mehr herstellen kann?

Nein, Weinstein und Wedel sind Ausnahmefälle. Grundsätzlich bin ich ein Freund der strengen Grundsätze für die Verdachtsberichterstattung durch den BGH. Sogar entlassene Straftäter haben zum Beispiel das Recht, nach verbüßter Strafe presserechtlich resozialisiert und alleingelassen zu werden, außer es handelt sich um spektakuläre Verbrechen der deutschen Geschichte, wie die der RAF oder eben das Gladbecker Geiseldrama. Hier spricht jedoch vieles dafür, dass die Vorwürfe stimmen, wenngleich natürlich auch für Herrn Wedel die Unschuldsvermutung gilt. Er bestreitet ja auch alle Vorwürfe, das kann man gar nicht oft genug sagen.

Video
Weiße Rosen bei Grammys: Pop-Welt stellt sich hinter Sex-Opfer
Weiße Rosen bei Grammys: Pop-Welt stellt sich hinter Sex-Opfer

Sie haben schon einmal eine Frau gegen Dieter Wedel vertreten: Damals ging Hannelore Elsner, die ein Kind mit Wedel hat, gegen Beschreibungen ihres Intimlebens in dessen Autobiografie „Vom schönen Schein und wirklichen Leben“ vor. Sie konnten die Passagen verbieten und haben eine Geldentschädigung durchgesetzt. Hatten Sie damals auch von Übergriffen gehört?

Jedenfalls von Vorwürfen wie Vergewaltigung hatte ich nichts gehört. Auch nichts, was irgendwelche Straftatbestände erfüllen würde. Aber Sie fragen ja nach der moralischen Komponente: Ich glaube, dass es Ausnahmefälle gibt, in denen eine Berichterstattung notwendig ist. Egal ob es sich um Unternehmer, Politiker oder einen Machtmenschen wie Wedel handelt. Wenn Journalisten investigativ und sauber recherchiert so ein System aufdecken, ist das ausnahmsweise zulässig. Auch in der Politik gibt es verjährte Fälle, die nicht in Ordnung sind, nehmen Sie die schwarzen Kassen der CDU. Oder den VW-Skandal mit Peter Hartz, da ging es um Bordelle in Rio und Betriebsratspartys mit Prostituierten. Denken Sie an die Odenwaldschule. Oder nehmen Sie die katholische Kirche: Da ist alles verjährt. Darf man deshalb nicht berichten, was die Popen mit den Messdienern und Domspatzen gemacht haben?

Nehmen wir einmal an, es ist alles wahr, was über Dieter Wedel berichtet wurde. Welche Schlüsse sollen wir daraus ziehen?

Über das System des Schweigens zu diesen Dingen, die offenbar unter vielen Augen stattgefunden haben, müssen wir jetzt alle einmal nachdenken. Viele andere Schauspieler, Produzenten und Sender haben das offenbar mitbekommen, aber es führte zu keinerlei Sanktionen. Es wurde offenbar nicht einmal aktiv gedeckt oder verschleiert – es führte einfach zu gar keiner Reaktion. Ich glaube, das wäre heute nicht mehr möglich.

Warum?

Es ist eine Film- und Fernsehindustrie entstanden, die es vor 20, 30 Jahren in Deutschland so noch nicht gab. So wie ich heute Produktionen erlebe, geht es da hauptsächlich um Zahlen und Inhalte. Die Verantwortungen sind auch geteilt. Die Besetzung wird professionalisiert von Casterinnen abgewickelt. Es gibt einfach keine Regisseure mehr, die im Bademantel in der Hotelsuite sitzen und dann etliche Schauspielerinnen zum Casting kommen lassen. Das würde gar keiner mehr bezahlen.

Indem wir die Vergangenheit nun so skandalisieren, sind wir vielleicht gerade dabei, die Gegenwart überzumoralisieren?

Diese Frage habe ich mir auch gestellt. Natürlich haben wir eine Tendenz zur Überkorrektheit: Rauchen in Gaststätten ist verboten, unser Leben wird von Energiesparlampen beleuchtet und alle dürfen nur noch regionale Produkte essen. Diese Empörungsgesellschaft finde ich in der Tat sehr, sehr schwierig, weil eine differenzierte Debatte nicht mehr möglich ist und bei einer vielleicht nicht immer politisch korrekten Auffassung sofort massiv angegangen wird. Auch das, was etwa mit dem ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff passiert ist: Die Medien hören teilweise nicht auf, bis die Leute am Boden liegen, und dann wird noch weiter auf sie eingetreten, wenn man nicht in jederlei Hinsicht Abbitte leistet. Aber in bestimmten Punkten haben die Medien auch gelernt.

Wie das?

Zu Beispiel druckt die „Bild“-Zeitung jetzt unter der Wedel-Berichterstattung einen Riesenkasten zur Unschuldsvermutung: „Bild hält die schweren Vorwürfe gegen Dieter Wedel für ausreichend plausibel, um umfangreich darüber zu berichten. Dennoch ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass ein großer Teil dieser Vorwürfe juristisch verjährt ist und Dieter Wedel deswegen nicht die Möglichkeit erhalten wird, sich in einem ordentlichen Gerichtsverfahren dagegen zu verteidigen. Nach journalistischen Standards halten wir es für gerechtfertigt, über die Vorwürfe zu berichten, die in der ,Zeit‘ von zahlreichen Zeugen erhoben werden. Dieter Wedel hat alle Anschuldigungen bestritten. Es steht Aussage gegen Aussage.“ Das ist wirklich bemerkenswert. Respekt!

Das Interview führten Deike Diening und Jost Müller-Neuhof.

8 Kommentare

Neuester Kommentar