Arabische Musik in Berlin : Wir gehen Wege, die sich kreuzen werden

Berlin Oriental Group, Babylon Orchester, Orphé: In keiner anderen deutschen Stadt ist gerade so viel arabische Musik zu erleben wie in Berlin.

Die Berlin Oriental Group spielt am 31.1. im Konzerthaus.
Die Berlin Oriental Group spielt am 31.1. im Konzerthaus.Foto: Anton Tal / Konzerthaus

Vielleicht ist die Behauptung ein wenig übertrieben angesichts der enormen Vielfalt des Kulturlebens in Berlin – und doch möchte man davon sprechen, dass die orientalisch inspirierte Musik in der deutschen Hauptstadt gerade eine Blütezeit erlebt. „Früher gab es eine große Begeisterung für irische Musik. Dann regte sich die Neugierde für arabische Musik. Jetzt ist ihre Zeit“, sagt der Berliner Komponist und Geiger Alexey Kochetkov. Zusammen mit fünf weiteren Musikerinnen und Musikern bildet er seit 2015 die Berlin Oriental Group, ein virtuoses Kammermusikensemble, das arabische Lieder mit jazzigem Timbre und Anleihen aus der elektronischen Musik präsentiert. Mitunter werden auch mediterrane Stücke in die eigenen Kompositionen eingeflochten. Die Berlin Oriental Group ist eines der markantesten Ensembles im Bereich der neuen arabischen Musik, neben dem Babylon Orchester und der Band Orphé.

Berlin zieht viele emigrierte Künstler an, gerade auch wegen der künstlerischen und kulturellen Offenheit der Stadt. Hinzu kommt: Die Senatsverwaltung fördert besonders auch alternative und integrative Projekte. Das ist die Erde, auf der orientalisch inspirierte Musik wachsen kann. Und das Publikum ist interessiert. Obwohl sie stets wochentags stattfinden, sind die allmonatlichen „Arabic Music Jams“ in der Werkstatt der Kulturen stets gut besucht. Volle Säle gibt es auch bei den „Arab Music Days“, die von der Barenboim-Said-Akademie im neuen Pierre Boulez Saal organisiert werden.

Große Teile der kulturellen Eliten haben Syrien verlassen

In Berlin werden dabei nicht nur bestehende arabische Lieder nachgespielt oder europäische Kompositionen mit orientalischen Instrumenten besetzt. Es gedeiht zunehmend auch eine völlig neue orientalisch beeinflusste Musik. Die Künstler verfolgen dabei verschiedene Ansätze, wie zwei Konzerte im Januar illustrieren: Da ist zum einen der  „Meine Heimat“ genannte Abend der Berlin Oriental Group am 31. Januar im Konzerthaus, zum anderen das Konzert „Syrien trifft Berlin“ der Kammersymphonie am heutigen Montag.

Ersteres wird orientalisch inspirierte, jazzig angehauchte Weltmusik bieten, letzteres besteht aus Orchesterstücken überwiegend orientalischer Komponisten, die Stücken von Bach gegenübergestellt werden. Jürgens Bruns, der Leiter der Kammersymphonie Berlin, wählt für das Konzert „Syrien trifft Berlin“ einen biografischen Zugang. Denn längst vereinen einige Musiker orientalische wie auch westliche Musiktradition in sich. Eröffnet wird das Konzert mit einem Werk des Cellisten Athil Hamdan, der einst stellvertretender Leiter des Opernhauses in Damaskus war. Die klassische europäische Musik hat er in Moskau studiert und in seiner Heimat weiterentwickelt. 2015 kam Athil Hamdan dann nach Berlin.

„Große Teile der kulturellen Elite in Syrien – und es war eine Hochkultur – haben das Land verlassen“, sagt Jürgen Bruns. „Es erinnert mich an das Ausbluten Deutschlands während des Zweiten Weltkriegs.“

Mehrere Werke musikalischer „Grenzgänger“, wie Bruns sie nennt, hat er für das Konzert der Kammersymphonie ausgewählt. Wohl das eindrücklichste Beispiel ist ein Tango, geschrieben für die orientalische Laute Buzuk, des syrischen Buzukvirtuosen Mohamad A. Karim. Der hatte Anfang des 20. Jahrhunderts im Orient eine solche Berühmtheit erlangt, dass ihn eine deutsche Plattenfirma nach Berlin einlud. In der Epoche zwischen den Weltkriegen tourte er dann durch ganz Europa, nahm fünf Platten auf – und entdeckte den Tango für sich. Den er anschließend mit zurück nach Syrien nahm. Als Folge des dortigen Krieges gelangt sein Tango-Stück nun zurück nach Berlin. So verschlungen sind manchmal die Wege der Musikgeschichte.

Verschworene Gemeinschaft engagierter Musiker

Das für westliche Ohren ungewöhnlichste Merkmal orientalischer Musik ist ihre Heterofonie: Alle Instrumente folgen zwar einer Melodielinie, nehmen sich dabei aber eine ziemliche Freiheit heraus, variieren und verzieren diese sowie auch den Rhythmus. Die Improvisation und die Kommunikation zwischen den Musikern spielt damit eine wichtige Rolle.

„Dahinter steht eine andere Denkweise“, sagt der Geiger Alexey Kochetkov von der Berlin Oriental Group. Besonders entfalten kann sich dieses lebendige Wechselspiel in Kammermusikensembles. Kochetkov und seine Mitstreiter greifen klassische orientalische Stücke und Volkslieder auf und verleihen ihnen Berliner Spritzigkeit und jazzige Frische. Vierteltöne, die zunächst unsauber für das westlich geschulte Gehör klingen mögen, werden bald zum mäandernden Genuss.

Und noch etwas verrät die Berlin Oriental Group über die hiesige orientalische Musikbewegung: Es ist eine verschworene Gemeinschaft engagierter Musiker, die sie zu großen Teilen trägt. Dazu gehören Kochetkov und seine Partnerin Valentina Bellanova, die nach ihrem Blockflötenstudium ihre Liebe zur arabischen Bambusflöte Ney entdeckte. Die Künstler kommen aus allen Teilen der Welt, geeint werden sie durch ihr Faible für orientalische Musik.

Die Kammersymphonie Berlin tritt am heutigen Montag im Kammermusiksaal auf, die Berlin Oriental Group am 31. Januar im Konzerthaus.

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