Architektur und Schiffsbau : Pracht der Meere

Die Heckspiegel der Segler im Barockzeitalter waren von der Architektur beeinflusst. Auch Muscheln zierten Schiffe – später im Rokoko Häuser und Möbel.

Das Heck der Aleksandr Newski weist Ähnlichkeiten mit architektonischen Formen auf.
Das Heck der Aleksandr Newski weist Ähnlichkeiten mit architektonischen Formen auf.Foto: Clemens Kirchner/SDTB

Mit den klimaschädlichen Kreuzfahrtschiff-Giganten unserer Tage lassen sich die Segler des Barockzeitalters kaum vergleichen – die Kajüten eng und stickig, die Sitten an Bord rau, das Essen... ach, lassen wir das. Trotzdem spielten Segelschiffe im Zeitalter der Entdeckungen und des aufstrebenden Welthandels eine ähnlich repräsentative Rolle wie heute unsere Automobile: Sie waren Statussymbole, Ausweis von behaupteter Potenz und Macht des Besitzers. Im Fokus der Aufmerksamkeit stand bei Schiffen allerdings, anders als beim Menschen, nicht das Gesicht, sprich der Bug, sondern das Hinterteil, das Heck. Denn hier befand sich die größte Fläche, hier ließen sich die eindrucksvollsten Verzierungen anbringen.

Die von Maike Priesterjahn kuratierte Ausstellung „Architectura navalis – Schwimmender Barock“ im Deutschen Technikmuseum stellt eine interessante These auf: Die Gestaltung des barocken Schiffshecks war direkt inspiriert von der Architektur der prächtigen Paläste jener Epoche – ein Ideentransfer vom Land aufs Meer. Der dann, in der Spätphase des Barocks ab 1730, auch in umgekehrter Richtung funktioniert haben soll.

Offenbar ging diese Entwicklung überraschenderweise nicht von England aus, der Seefahrernation schlechthin, sondern von Frankreich, wo sich die königliche Macht in beeindruckenden Schlössern manifestierte, an deren Spitze Versailles stand. Ein Modell der „Soleil Royal“, die nach dem Sonnenkönig benannt war und um 1690 gebaut wurde, begrüßt den Besucher mit voll ausgebildetem architektonischen Heck, das alle charakteristischen Merkmale aufweist: Gliederung in drei Etagen, Balkon, vergoldeter Giebel. Da die originalen Schiffe natürlich längst nicht mehr existieren, behilft man sich im Technikmuseum mit Modellen – und mit Zeichnungen. Eine Wandtafel erläutert den mit historischen Bauformen nicht so vertrauten Besuchern die wichtigsten Schmuckelemente, wie sie bis zur Moderne Standard in der Architektur waren: Balustrade, Erker, Pilaster, Konsole oder Risalit. Einmal eingeprägt, lassen sie sich dann leicht an den Schiffsmodellen identifizieren.

Die Muschel war ein Design-Renner

Einfach war es nicht, die von steinernen Gebäuden vertraute Ornamentik auch im Schiffsbau anzuwenden, wo völlig andere Anforderungen in Bezug auf Strömung, Wind und Wellen herrschen. Trotzdem schmückten nicht nur Frankreich, sondern auch rivalisierende Länder und Reiche ihre Hecks prachtvoll: Die englische „Sovereign of the Seas“ (gebaut 1637) weist eine ähnliche Tendenz zur Stockwerksunterteilung auf wie die „Soleil Royal“, was aber von dem kunstvollen, dekorativen Schnitzwerk überlagert wird und deshalb nicht gleich ins Auge sticht. Die kurbrandenburgische „Friedrich Wilhelm zu Pferde“ (1681) präsentiert den Fürsten kurioserweise im Giebel des Hecks hoch zu Ross.

Die Muschel war ein Design-Renner im Barockzeitalter. Betrachtet man das prächtige, natürliche Riesenexemplar, das die Ausstellung gleich am Eingang in einer eigenen Vitrine präsentiert, versteht man sofort, warum: Der gewellte Schalenrand ist von großer ornamentaler Kraft und besitzt zudem maritime Anklänge. So hielt das Motiv Einzug in die Schiffsarchitektur.

Im Barock war die Muschel ein beliebtes Motiv, wie dieser Abguss eines Fenstersturzes des Berliner Schlosses zeigt.
Im Barock war die Muschel ein beliebtes Motiv, wie dieser Abguss eines Fenstersturzes des Berliner Schlosses zeigt.Foto: Clemens Kirchner/SDTB

Später, im Rokoko – und hier wanderte die Entwicklung quasi vom Meer zurück aufs Land – erobert die Muschel dann auch Innenräume von Gebäuden, Fassaden und sogar Möbel. Der französische Begriff für Muschelwerk ist „Rocaille“, und genau so heißt in Frankreich auch das Rokoko: Style Rocaille. Folgt man den Thesen der Ausstellung, lässt sich der Ort, an dem dieser Siegeszug begann, recht genau festlegen: das Pariser Stadtpalais Hôtel de Toulouse – und dort wiederum die Galerie Dorée. Hier zog der eigentlich als Schiffsbauer bekannt gewordene Architekt Francois-Antoine Vassé erstmals Muschelornamente zur Gestaltung der Wandfelder heran. Durch Künstler wie Juste-Aurèle Meissonnier verbreitete sich die Rocaille später in ganz Europa, auch in Berlin und Brandenburg. Das demonstriert in der Ausstellung die Rekonstruktion eines muschelförmigen barocken Fenstersturzes von Andreas Schlüter. Das Original prangte einst an der Fassade des Berliner Schlosses.

Die Ausstellung „Architectura navalis – Schwimmender Barock“ ist bis zum 13. Oktober 2019 im Deutschen Technikmuseum in der Trebbiner Straße 9 in Kreuzberg zu sehen. Eintritt 8 Euro, ermäßigt 4 Euro. Als Begleitband zur Ausstellung ist zeitgleich die Publikation „Schwimmender Barock. Das Schiff als Repräsentationsobjekt“ im be.bra Verlag erschienen. Mehr Infos finden Sie hier.

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