Archive im Tempodrom : Klavierakkorde, die die Welt bedeuten

Spirituell, manisch und schön: Die britischen Artrocker Archive feiern im Tempodrom ihr 25-jähriges Bestehen.

Erik Wenk
Die Band ist der Star: Archive-Gitarrist Dave Pen spielt sich nicht in den Vordergrund.
Die Band ist der Star: Archive-Gitarrist Dave Pen spielt sich nicht in den Vordergrund.Foto: Imago/Martin Müller

25 Jahre gibt es Archive nun schon? Fast unbemerkt vom Popmainstream hat die britische Artrock-Band mittlerweile zehn Alben veröffentlicht, die einen kühnen Bogen von Trip Hop über Progressive Rock, Indie, Electro und Postrock spannen und zum innovativsten und intensivsten gehören, was die Insel im letzten Vierteljahrhundert hervorgebracht hat. "Wir hatten noch nie einen Hit, waren nie eine coole, angesagte Band, sondern haben immer im Hintergrund agiert", so Gründungsmitglied Darius Keeler. "So konnten wir machen, was wir wollten, und viele Dinge ausprobieren."
Archive haben die Essenz ihres Schaffens kürzlich in der 42 Songs umfassenden Retrospektive "25" gebündelt, die dazugehörige Jubiläumstour führt die Band am Samstag ins Berliner Tempodrom, wo sie ihre legendären Live-Qualitäten unter Beweis stellt: Gleich zu Beginn krachen die schneidenden Electro-Riffs von "You Make Me Feel" in den Saal. Der frühe Klassiker von 1999 enthält bereits alles, was Archive ausmacht: Das Spirituelle, das Heftige, die Schönheit, das Manische, der Lärm und die Stille.
Eine Vision, der die neunköpfige Band bis heute kompromisslos folgt: Die beiden Gründungsmitglieder Keeler und Danny Griffiths befinden sich an den entgegengesetzten Enden der Bühne hinter ihren Keyboards, von wo aus sie die unsichtbaren Fäden dirigieren, die das Gesamtkunstwerk Archive zusammenhalten. Keeler ist Einpeitscher, Griffiths Tüftler - zwei Besessene, die gar nicht anders können, als jene sakralen Endzeit-Balladen und Rhythmus-Gewitter wie "End Of Our Days" oder "Finding It So Hard" zu schreiben, die auch an diesem Abend große Sogwirkung im Unterbewusstsein entfalten.

Stars gibt es nicht: Niemand steht im Rampenlicht. Keiner der vier Sänger führt die Band an, das Ensemble ordnet sich völlig dem Sound unter und spielt sich von Song zu Song in einen kollektiven Rausch, der sich auf das Publikum überträgt. Eine Ernsthaftigkeit und ein Pathos, das man von einer Rockband kaum noch gewohnt ist: Hier kann ein einzelner Klavierakkord wirklich noch die Welt bedeuten. Dass Archive bei aller Sperrigkeit auch poppig und tanzbar sein können, beweisen Stücke wie "System" oder "Bullets".
Ihre zwei größten Epen - "Lights" und "Again" - haben sich Archive für die Zugabe aufgehoben: Beide dauern zusammen eine halbe Stunde und bilden den Höhepunkten des Abends. Mit bedingungsloser Hingabe fügen Archive dem minimalistischen Grundgerüst Schicht um Schicht hinzu, bis sich die Show in einem gewaltigen Crescendo aus Beats, Riffs und Scheinwerferflackern aufzulösen scheint. Als plötzlich die Musik verstummt, fühlt man sich abrupt in die Realität zurückversetzt. Und kann gar nicht anders, als für dieses Glück zu applaudieren.

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