Ariane Mnouchkine zum 80. : Es lebe die Sonnenkönigin!

Sie gründete das Théâtre du Soleil: Zum 80. Geburtstag der französischen Theater- und Filmregisseurin Ariane Mnouchkine.

Ariane Mnouchkine
Ariane MnouchkineFoto: Jean-Christophe Bott/dpa

Ihr Haus, ihre Compagnie und darin auch ihr Leben ist das Théâtre du Soleil. Als Ariane Mnouchkine und das von ihr 1964 gegründete Soleil längst berühmt waren und es Bücher und Filme über sie gab, fiel mir auf, dass nirgends stand, wie der Name entstanden war. Darauf angesprochen musste sie lachen: „Wir haben einfach einen schönen Namen gesucht. Und die Sonne meint Hitze, Licht, Schönheit, Leben – eben Theater!“

So ist die heute vor 80 Jahren bei Paris geborene Tochter eines exilrussischen Filmproduzenten und einer britischen Mutter buchstäblich zur Sonnenkönigin des Welttheaters geworden. Mit 20 studiert sie Psychologie an der Sorbonne, gründet 1959 eine erste Studententheatergruppe, besucht Aufführungen des Berliner Ensembles mit Brechts Witwe Helene Weigel, begeistert sich für Giorgio Strehlers Wiederentdeckung der Commedia dell’Arte in Mailand und reist Anfang der 60er Jahre nach Asien, um das chinesische Theater zu studieren. Doch Maos Reich bleibt ihr verschlossen, stattdessen begegnet sie dem indischen Kathakali- und japanischen Kabuki-Theater.

Abenteuerreisen zum Soleil

Es sind dies die Wurzeln ihrer Imagination, mit der sie später Shakespeare, die griechischen Atriden-Stücke oder selbst Molière mit Masken, Kostümen, Choreografien und musikalischen Anklängen an Fernöstliches inszeniert. Die Fahrten zu ihr und dem Soleil sind immer Abenteuerreisen gewesen. Welt-Reisen: aus dem Pariser Zentrum mit der U-Bahn hinaus in den östlichen Vorort Vincennes, von der letzten Metro-Station dann weiter im Bus hinein in den Wald beim Schloss von Vincennes und schließlich zu Fuß den anderen Pilgern folgend. Bis zwischen den Bäumen sich eine Lichtung öffnet und die vielen bunten Glühbirnen rings um die Halle der Cartoucherie, der einstigen Patronenfabrik von Vincennes, als Nachtlicht das hier (seit 1970) spielende Sonnentheater anzeigen.

Oft steht die Chefin dort am Eingang mit zum Kartenabreißen bereit. Drinnen in der Vorhalle bieten die Akteure des Soleil Drinks und später, in den Pausen der oft bis zu sechsstündigen Schauspielzyklen, selbst gemachte Speisen an. So gab’s zur Welt der griechischen Tragödie Lamm, Oliven, Feta, während das Problem der englischen Küche (bei Shakespeare) ironisch umkocht wurde. Bevor man die innen immer neu entworfene Szenerie mit den Zuschauertribünen betritt, gibt’s den Blick in die halb offenen Garderoben, wo sich Richard II., Falstaff oder Klytaimnestra gerade noch schminken.

Märchenhaft wie menschlich

Doch aus dieser realen und zugleich schon spielerisch rituellen Familiarität werden die Besucher jäh herausgerissen: mit vielen Schlägen der tollen Gongs und Percussionsinstrumente des seit 40 Jahren mit Ariane Mnouchkine zusammenarbeitenden Musikmagiers Jean-Jacques Lemêtre. Mnouchkines eigenes Genie liegt bei ihren Aufführungen in dem furiosen Wirbel und Wechsel zwischen Nähe und Ferne. Zwischen Annäherung und Entrückung. In ihrem dreiteiligen Shakespeare-Reigen 1981–84 glichen bei „Richard II.“ und „Heinrich IV.“ die Könige und Krieger Samurais, der Schauspieler Georges Bigot als zweifacher Titelheld war Mensch und Maske, erschien gezeichnet von einer panischen Lust am Tanz eines Täters und Träumers. Und das Fantasiereich in „Was ihr wollt“ geriet so märchenhaft wie menschlich nah durch den prächtigen, doch nie prunkenden Exotismus der indischen Gewänder. Spiele der ganzen Welt. Welttheater.

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Oder der griechische Chor in „Les Atrides“ 1990–93: Wie Furien stürmte er auf die Zuschauer zu, frontal, frenetisch. Umso bedachter konnte sich dann die Vorgeschichte des Trojanischen Krieges entfalten, als gespenstische Vorahnung auch real folgender Kriege, im Irak, Syrien, Afghanistan. Und Molières fundamentalistischer Seelenfänger Tartuffe wurde begleitet von Gestalten in schwarzen Tschadors. So ist sich Ariane Mnouchkine, die einst mit „1789“ ein fabelhaftes Raumtheater und daraus den besten Theaterfilm aller Zeiten inszeniert hat, im Politischen wie Poetischen treu geblieben.

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