Arsenal zeigt Filme von John Cassavetes : Der Rebell von Hollywood

Einfache Erklärungen sind in seinem Kosmos nicht vorgesehen: Das Arsenal Kino widmet dem revolutionären Regisseur John Cassavetes eine Werkschau.

Helmut Merker
"Shadows", das Debüt von John Cassavetes, spielt im New Yorker Musikermilieu.
"Shadows", das Debüt von John Cassavetes, spielt im New Yorker Musikermilieu.Foto: Stiftung Deutsche Kinemathek

„Wir wollen keine falschen, polierten, glatten Filme – wir möchten sie rau, unpoliert, aber lebendig. Wir wollen keine Filme in Rosa – wir wollen sie in der Farbe des Bluts.“ Ein Manifest. Der Begriff „New Hollywood“ war noch gar nicht richtig in der Welt, da machte John Cassavetes mit „Shadows“ (1959), „Faces“ (1968) und „Husbands“ (1970) Ernst mit seiner cineastischen Revolution.

Seine Crew findet er unter arbeitslosen Schauspielern und Laien, unter Angehörigen und Freunden. Ein Ensemble aus John, Gena, Peter, Ben, Seymour und den anderen, die er in wahre Parforce-Jagden durch Rassismus-, Ehe-, Alkohol-, Krankheits- und andere Höllen des amerikanischen Mittelstandes schickt. Wichtiger als die Themen sind die Figuren selbst, es geht nicht um dramatische Zuspitzung, sondern um die Entwicklung der Emotionen. Unentwegt rückt die Kamera den Darstellern zu Leibe, hier schaffen keine Totalen Überblick, Geschichten werden in Nahaufnahmen erzählt. Hinter endlosen Redeschlachten verbirgt sich eine existenzielle Sprachlosigkeit. Seine Methode ist „das dokumentarische Aufzeichnen von Fiktion im Moment ihrer Entstehung“, so schrieb damals Ulrich Gregor.

In Europa, sensibilisiert durch die Nouvelle Vague, verstand man Cassavetes früh als herausragenden Vertreter einer neuen Filmsprache, während das alte Hollywood ihn lediglich als Schauspieler-Profi achtete: als todgeweihten Rennfahrer in „Der Tod eines Killers“ (1964) oder als Handlanger des Teufels in „Rosemaries Baby“ (1968). Als Regisseur dreht er nur zwei Filme für die Studios: 1961 „Too Late Blues“, ein Jahr darauf „Ein Kind wartet“, den ihm sein Produzent Stanley Kramer glättet. Sein Thriller „Mord an einem chinesischen Buchmacher“ (1976/78) enthält Elemente des Film Noir, zertrümmert aber lustvoll die Regeln des Genres und setzt sie eigenwillig wieder zusammen.

Verwundete Seelen, die einander wiederfinden wollen

In „Eine Frau unter Einfluss“ von 1974 vermischen sich Gespieltes und Dokumentarisches zu beklemmend authentischen Identitätskrisen und Nervenzusammenbrüchen. Gena Rowlands und Peter Falk rücken dabei immer wieder aus dem Bild ins Off, geraten in Unschärfen. Die formale Schwächung bei Komposition, Kadrierung und Kamerabewegung verstärken die Lebensnähe, Intensität, Spontaneität. Der Teufelskreis von Anpassung und emotionalem Aufbegehren, den Zwängen der Umwelt, setzt sich fort in „Opening Night“ (1977), der als „schönster Film über das Theater seit Renoir“ gepriesen wird, und seiner letzten Regiearbeit „Love Streams“, der auf der Berlinale 1984 mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wird.

Andere hingegen nennen Cassavetes einen „hilflosen Einzelgänger“, sie mokieren sich, die Welt seiner Filme „besteht nur aus Kulissen und nicht aus der Welt der Wirklichkeit“. Einfache Erklärungen aus der sozialen oder psychologischen „Wirklichkeit“ sind im Cassavetes-Kosmos natürlich nie vorgesehen. Seine Protagonisten sind keine gesellschaftlich repräsentativen Musterfälle oder Bedeutungsträger, sondern verwundete Seelen, die einander nur wiederfinden wollen.

Achterbahnfahrten der Gefühlsströme wie in „Love Streams“: Robert (Cassavetes selbst) ist ein Schürzenjäger, Alkoholiker und Romanautor, seine Schwester Sarah (Gena Rowlands, die sich vom Regisseur fünf Jahre zuvor selbst getrennt hatte) quält sich durch einen Scheidungskrieg sowie einen Sorgerechtsstreit um ihre Tochter, die von der Mutter gar nichts wissen will. In der Mitte des Films kommen Robert und Sarah in einer langen, intensiven Umarmung erstmals zusammen, finden Halt aneinander. In der zärtlichsten Szene tanzen sie miteinander zwischen dem Licht der Jukebox und dem Schatten der Wände. Dazwischen aber: Missverständnisse, Ohnmachtsanfälle, Streitgespräche, Exzesse. Solch ein emotionales Labyrinth kann man nicht in einer konventionellen Erzählung darstellen. Die Geschichten spielen sich in Mimik, Gesten, Haltungen ab. Angst, Schrecken und Triumph bei Gena Rowlands, wenn sie sich im Zoo mit einem Hund anfreundet und dann eine ganze Menagerie aus dem Taxi in Roberts Villa ablädt.

„Love Streams“ ist Cassavetes' Meisterwerk und Testament

Die nächste Probe für Roberts Fähigkeit zur Empathie: Eine Frau taucht plötzlich auf und stellt ihm seinen achtjährigen Sohn vor. Der Schock ist auf beiden Seiten heftig. Der Junge läuft weg, wird eingefangen, kriegt ein großes Bier vorgesetzt. Am Ende rennt er panisch zu seiner Mutter zurück. Entscheidend ist jedoch, wie sich das Vater-Sohn-Drama in Roberts Gesicht abspielt, in allen Facetten der Reflexion über das Leben, die Liebe, über den Verlust. Dazu sein Lächeln: überlegen und verlegen, souverän und hilflos, es spiegelt die melancholische Ahnung der Vergeblichkeit wider. Das Cassavetes-Lächeln, unergründlich.

Am Ende winkt er hinter einer Glasscheibe zum Abschied, traumhaft halluzinatorisch, alles verschwimmt in dem wilden nächtlichen Wolkenbruch: Wasserströme, Liebesströme. Wenige Tage nach Drehbeginn hatte der Arzt bei Cassavetes eine tödliche Krankheit festgestellt. So wird „Love Streams“ sein Meisterwerk und Testament. Sarah sagt im Film einmal, sie sei fast nicht verrückt. John Cassavetes ließ diese Selbstbeschreibung auch für sich gelten.

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