Arsenal zeigt Jerry Lewis : Klamauk mit Köpfchen

Er war ein Meister der raffiniert erzählten Komödie - und der dummen Fratze. Eine Retrospektive im Kino Arsenal feiert Filmemacher und Schauspieler Jerry Lewis.

Obsessiver Filmemacher. Jerry Lewis.
Obsessiver Filmemacher. Jerry Lewis.Foto: Paramount

Als Stan Laurel sich aus dem Filmbusiness zurückgezogen hatte, bekam er gelegentlich Besuch von einem gut aussehenden jungen Mann, der Jude war, es aber niemandem zeigen wollte, und immer sehr rote Pullover trug. Laurel gefiel, wie der ihm die Aufwartung machte und mit ihm über die Kunst des Filmemachens sprach. Dass er seinen Namen Joseph Levitch in Jerry Lewis geändert hatte, war ein verzeihlicher Schritt gewesen, fand Laurel. Er selbst hatte es nicht anders gehalten. Beide verstanden sich zudem als Filmemacher, die ihre Gags selbst schrieben und alles von der Kamera bis zum Schnitt unter Kontrolle behielten.

Nur Lewis’ Humor gefiel Laurel nicht. Er hatte etwas Aggressives. Als wollte er der Welt unbedingt beweisen, wie lustig er war. Und er riet ihm, so erinnerte sich Lewis später, „sich niemals für einen Witz zu entschuldigen“.

Sein Gesicht bildete ein Feuerwerk unterdrückter Emotionen

Das war nicht einfach für Lewis, der wusste, dass das obsessive Verlangen seiner Figuren, es den Menschen recht zu machen, für das Publikum auch eine Zumutung darstellte. Er übertrieb es ja mit allem. Seiner Unterwürfigkeit, seinem Schmalz, seiner Artistik. Seine Glieder flogen durch die Luft und verrenkten sich, als seien sie aus Gummi, sein Gesicht erstarrte in den dämlichsten Fratzen, bildete stets ein Feuerwerk unterdrückter Emotionen ab, von denen die lustigste ganz sicher die Begriffsstutzigkeit war.

Die hatte auch zu Laurels Markenzeichen gehört. Dieser leere Blick, wenn Laurel darauf wartete, dass ihm die Welt in Gestalt seines Partners Oliver Hardy eine verständliche Botschaft schickte. Wie viel Lewis diesem Blick verdankte, wollte er 1960 in „ The Bellboy“ (deutscher Titel: „Hallo, Page!“) zeigen. Seine Hauptfigur nannte er Stanley, und er ließ sie in der Hotellobby einem Stan-Laurel-Double begegnen. Wie diese beiden falschen Stanleys einander in ihrem Autismus umtänzeln, perfekt getimt, ist ein famoser Witz, der jedem demonstriert, wie sehr Lewis der total filmmaker war, als der er sich in seinem gleichnamigen Buch darstellte.

Seine raffiniert erzählten Komödien, von denen das Arsenal nun eine kleine Auswahl zeigt, haben etwas Zerstörerisches, das weit über den Klamauk eines Clowns hinausgeht. Denn sie sind in dem Bewusstsein entstanden, dass das Kino die Wahrheit sichtbar macht. Über jeden Menschen. Wenn nur erst der ganze Ballast an Regeln und Umgangsformen abgeräumt ist. Eigentlich erzählt Jerry Lewis Aufsteiger-Geschichten.

Ab 4. Februar im Kino Arsenal

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