Art Basel Hongkong : Der asiatische Moment

Die Art Basel Hongkong trumpft mit Rekorden auf, verschiebt die Machtverhältnisse und baut dennoch Brücken zwischen Ost und West.

Eva Karcher
Besucher vor Op-Art-Gemälden von Victor Vasarely in der Koje der Galerie Tornabuoni Art.
Besucher vor Op-Art-Gemälden von Victor Vasarely in der Koje der Galerie Tornabuoni Art.Foto: Art Basel

Sie hat Sanskrit, Avestan und Hebräisch studiert, die alten Schriften und Sprachen Indiens, des Iran und der Bibel. Doch nicht in Bibliotheken, sondern als Reisende zwischen den Kontinenten und Kulturen, zwischen Yazd, Jerusalem und Mumbai erforschte die indische Künstlerin Astha Butail, wie Wissen in Gedichten, Gesängen und Ur-Texten bewahrt wird. Jetzt sitzt sie in der Lounge von BMW, einem Hauptsponsor der Art Basel Hongkong und erzählt, dass ihr der Markt wenig, Reisen dagegen sehr viel bedeutet: „Es schenkt Energie und Empathie. Ich mache Kunst, um mehr Bewusstsein für die wahren Schätze der Menschheit zu schaffen. Geld sollte der Weisheit folgen, nicht umgekehrt.“

Kreatives Unterwegssein beflügelt, weshalb das Münchner Unternehmen seit drei Jahren junge Künstler auf weltweite Forschertour schickt. In der „Discoveries“-Sektion der Messe bieten ihre Galeristen gleichzeitig Werke für wenige Tausend Dollar an. Idealismus für neue Talente muss man sich auf einer Messe der hohen Summen und Standpreise wie der Art Basel besonders hart verdienen; doch die Aussicht, neue asiatische Käufer zu finden, lockt die Händler.

Asiatische Sammler kommen mit Millionen-Budgets

Tatsächlich kommen die Sammler aus dem Osten so zahlreich wie nie zuvor nach Hongkong: Allen voran Besitzer von Privatmuseen wie dem Sansab Museum of Contemporary Art, das Sammler Petch Osathanugrah 2019 in Bangkok einweiht, oder dem Mia Iam Contemporary Art Museum, das bereits im vergangenen Jahr in der thailändischen Stadt Chiang Mai eröffnete. Lin Han und seine Frau Wanwan Lei vom M Woods Museum in Peking sind ebenso vor Ort wie aus Shanghai Budi Tek vom Yuz Museum und Dai Zhikang vom Himalayas Museum. Sie und ihre Millionenbudgets sind der Grund dafür, dass westliche Galeristen wie Hauser & Wirth, Zwirner und Pace ihre Aktivitäten in Hongkong über die Messeteilnahme hinaus mit Dependancen im neuen Galeriehochhaus H Queen’s intensivieren; für Pace bereits der zweite Standort in der 7,4 Millionen Einwohner zählenden steuerfreundlichen Sonderverwaltungszone.

„Hier, in Asien entwickelt sich alles beschleunigt“, erklärt die Direktorin der Art Basel Hongkong, Adeline Ooi. „Dies ist der asiatische Moment. Unsere Sammler entdecken die Vielfalt ihres Kontinents durch die Kunst neu, sie kaufen international und nicht mehr überwiegend auf Auktionen wie früher, sondern auf Messen“. Umgekehrt erkennt sie auch ein stetig wachsendes Interesse westlicher Sammler am asiatischen Markt: „Die Art Basel Hongkong wird mehr und mehr zum Zentrum des Austauschs zwischen Ost und West. Beide Welten lernen voneinander“. Das findet auch David Zwirner, dessen Stand Künstlerstar Jeff Koons persönlich kuratierte, und der unter anderem Werke von Neo Rauch (1 Mio. Dollar) und Michael Borremans (600 000 Dollar) positionierte.

Westliche Käufer werden immer öfter abgehängt

Pace-Präsident Marc Glimcher dagegen glaubt, westliche Sammler würden allmählich von den Chinesen abgehängt, die eine geringere Scheu hätten, Kunst als Investment zu sehen. „Sie setzen auf die großen Namen und auf Topqualität, sie stehen hinter den meisten Preisrekorden“. So auch der Käufer, der in den ersten Stunden der Vernissage 35 Millionen Dollar für Willem de Koonings 1975 entstandenes Gemälde „Untitled XII“ aus der Sammlung von Microsoft-Milliardär Paul Allen am Stand von Lévy Gorvy zahlte. Solche Summen und für Millionen Dollar ausverkaufte Ausstellungen wie die von Mark Bradford in der neuen Galerie von Hauser & Wirth, die von den Galerien Sprüth Magers und Skarstedt gemeinsam im Maritime Museum realisierte George-Condo-Schau oder die Soloshows von Cecily Brown und von Su Xiaobai spiegeln den die gesamte Wirtschaft beherrschenden Trend zur superstar economy wider, die Clare McAndrew in ihrem aktuellen Kunstmarktreport beschreibt: „Den Begriff hat der Ökonom Alfred Marshall vor 100 Jahren erfunden. Er meint den extremen Wohlstand, der sich in den Händen von immer weniger Big Playern konzentriert. Für die Mehrheit der Galeristen, Sammler und Künstler wirkt sich diese Akkumulation langfristig allerdings fatal aus.“

Die Messe bemüht sich um Balance der Galerien

Die Art Basel Hongkong selbst bemüht sich durch die Auswahl der Galerien um Balance. Auch Händler mit Werken zu Preisen zwischen 5000 und 25 000 Dollar zeigten sich deshalb zufrieden, darunter der Berliner Daniel Wichelhaus von Société, der Leuchtkästen von Timur Si-Quin platzierte, der Münchner Rüdiger Schöttle, der mit Fotoarbeiten von Thomas Ruff erfolgreich war, oder Marina Olsen und Karolina Dankow von Karma International, die zahlreiche Arbeiten vom japanischen Altmeister Keiichi Tanaami verkauften.

Kein Zweifel, Hongkong ist der neue Hotspot der globalen Kunstszene. Wenn im kommenden Jahr nun noch wie angekündigt der Museumskomplex M+ der Schweizer Architekten Herzog & de Meuron im West Kowloon Kulturareal und die ebenfalls von ihnen gebaute Kunsthalle Tai Kwun Contemporary eröffnen, ist die Machtverschiebung von West nach Ost wohl auch in der Kunst angekommen.

Art Basel Hongkong, Convention & Exhibition Centre, 31. 3., www.artbasel.com

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