„Es könnten viel mehr Leute daran Spaß haben“, findet Wohlrab

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Arte Postale : Operation Briefkasten: Mail-Art in Berlin
Postfan. Künstler Lutz Wohlrab zu Hause in Prenzlauer Berg.
Postfan. Künstler Lutz Wohlrab zu Hause in Prenzlauer Berg.Foto: David von Becker

Später durfte der 1959 in Greifswald geborene Künstler dann doch noch das Medizinexamen machen. Er arbeitete als Nervenarzt, heute ist er Psychoanalytiker. Passt doch wunderbar zusammen, findet er, die Kunst und die Tiefenpsychologie. „Freud war in der DDR Giftschrank-Literatur“, sagt Wohlrab. Dessen Lehren wurden als unwissenschaftlich und bürgerlich abgetan. Und auch die Mail-Art wurde als feindlich eingestuft. „Beides hatte für mich etwas Subversives.“

Heute ist alles anders. Der Arzt hat seine eigene Praxis, und Mail-Art zu verschicken ist keine illegale Kontaktaufnahme mehr. Aber der Reiz hat sich für Wohlrab nicht verloren. „Heute verschicke ich eben nette Sachen“, sagt er. Erlaubt ist alles. Kleine Sentenzen, Skizzen, poetische Wort-Bild-Collagen. Lutz Wohlrab hat eine Briefmarke mit dem Konterfei des 1993 verstorbenen Robert Rehfeldt gestaltet, organisiert Ausstellungen, hat einen eigenen Verlag, in dem er Anthologien von ostdeutschen Künstlern herausgibt, die ihm am Herzen liegen. Er besucht einen befreundeten Mail-Art-Künstler in San Francisco und lässt dort von sich ein Foto schießen, wie er eine Karte in den Briefkasten wirft. In einem Zimmer seiner Altbauwohnung im Prenzlauer Berg stapeln sich Kartons mit Post, und Wohlrab sagt, als er das noch einmal alles bewusst überblickt: „Das ist doch der Wahnsinn.“

Irre ist auch, dass ausgerechnet das Internet, das den Briefverkehr ja größtenteils ersetzt, die Mail-Art befeuert. Wohlrabs Netzwerk ist auf 3000 Adressen angewachsen, Listen lassen sich leicht herstellen und weiterleiten, ebenso die für die Szene typischen Aufrufe, sich an einem bestimmten Thema zu beteiligen. Seit einigen Jahren baut der Berliner ein Internetarchiv mit Biografien internationaler Mail-Art-Künstler auf (mailartists.wordpress.com). Wohlrab wünscht sich, dass sich die Mail-Art noch weiter ausbreitet. „Es könnten viel mehr Leute daran Spaß haben“, glaubt der Psychoanalytiker. Mail-Art ist nicht schöne Kunst. Es sind die Künstler, die schön sind, heißt es auf einem Kuvert. „Solche Sätze knallen wir uns heute an den Kopf“, sagt Lutz Wohlrab, und seine Mundwinkel ziehen sich wieder zu seinem Lächeln nach oben.

Akademie der Künste, Pariser Platz 1, bis 8.12., Di–So 11–19 Uhr

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