Arte-Sechsteiler „Die Neue Zeit“ : Eine Frau kämpft wider die ewige Wolle

Voller Lärm und Leben und Unterdrückung: Die Arte-Produktion „Die Neue Zeit“ wirft ein neues Licht auf das Bauhaus während der Gründerzeit.

Zwei mit einer Vision. Direktor Walter Gropius (August Diehl) und Studentin Dörte Helm (Anna Maria Mühe).
Zwei mit einer Vision. Direktor Walter Gropius (August Diehl) und Studentin Dörte Helm (Anna Maria Mühe).Foto: © ZDF/Zero one film/ Constantin

„Mit uns zieht die neue Zeit“, welche Liedzeile hat je mehr Verheißung versinnbildlicht, welche Melodie mehr Menschen mitgerissen. Weil sich Heilsgewissheit darin ausdrückt, weil ein Triumph in der Zukunft angekündigt wird. Eine Frage der Überzeugung, ein Ausdruck von Selbstgewissheit.

Nichts anderes wohl motiviert Walter Gropius (August Diehl). Noch im Schützengraben, den Tod vor Augen an der Westfront des Ersten Weltkriegs, lässt der gebürtige Berliner an den Großherzog telegrafieren, dass er in Weimar die modernste Kunstschule der Welt etablieren will. Schon im Sommer 1919 wird das Staatliche Bauhaus eröffnet.

Fast 45 Jahre später wird Walter Gropius wieder nach seiner Motivation befragt. 1963, in New York, trifft er die Journalistin Stine Branderup (Trine Dyrholm) zum Interview. Sie interessiert sich – zu Gropius’ Überraschung – nicht für die längst bekannten Teile der Bauhaus-Geschichte, sondern konfrontiert ihn mit dem Vorwurf, er selbst habe die Ideale des Bauhauses verraten: Die Frauen an seiner Schule seien nicht gefördert worden und er habe weibliche Talente systematisch unterdrückt.

Das bringt Dörte Helm (Anna Maria Mühe) ins Spiel. Sie studiert an der konservativen Kunstakademie in Weimar, kaum inhaliert sie die Programmatik des Bauhauses und seines Direktors, stürzt sie sich in die neue Zeit.

Die sechs Teile der Serie „Die Neue Zeit“ nehmen das Geschehen zweigleisig auf. Die Version des Walter Gropius wird von den Autoren Lars Kraume, Judith Angerbauer und Lena Kessler quasi mit der Version der Dörte Helm konterkariert. Auf der Zeitschiene schiebt sich die Serie von der Eröffnung 1919 bis in den Sommer 1925, als das Bauhaus in Weimar schließen und nach Dessau umziehen musste. Damit endet der historische Teil, während in den Gesprächen zwischen der Journalistin und Gropius die Geschichte zwischen Direktor und Studentin kurz weitererzählt wird. Und das Schlussbild zeigt, was Walter Gropius mit Dörte Helm verband.

Eine innigliche Szene, der welche voller Lärm und Leben, Vitalität und Vibration vorausgehen. Das Bauhaus öffnet Kunst und Kultur und vor allem den Meistern und den Studierenden neue Räume des Denkens, Machens und Lebens. Architektur, Malerei, Musik und andere Künste werden nicht mehr individuell gedacht und gemacht, sie werden zusammengeführt – in der „Gemeinschaft“, wie Gropius zu betonen nicht müde wird. Eine neue Zeit zieht herauf, ein neuer Mensch, eine neue Gesellschaft. Wild und frei und auch feierwütig.

Dörte und Gropius kommen sich näher, sie selber befreit sich Schicht um Schicht aus dem Korsett ihrer Zeit und dem Erwartungskosmos ihres Vaters (Hanns Zischler), der freilich nicht so verbohrt ist wie große Teile der Gesellschaft selbst. Konservative, rechtsnationale Kreise in Weimar um Baronesse von Freytag-Loringhoven (Corinna Kirchhoff) beäugen mit Argusaugen das Bauhaus, seinen Direktor, Meister wie Lyonel Feininger (Ernst Stötzner), Johannes Itten (Sven Schelcker) und den sie immer wieder stützenden Volksbildungsminister Max Greil (Sebastian Blomberg).

Walter Gropius glaubt sein Ideal zu schützen, indem er es mit einem Kordon umgibt: „Das Bauhaus ist unpolitisch.“ Das passt beileibe nicht allen, und als der Kapp-Putsch auch in Weimar ausbricht, organisieren Studierende den Widerstand mit, Dörte Helm druckt Propagandamaterial, das zum Generalstreik aufruft. Dörte Helm muss mit ihrer Exmatrikulation rechnen, flieht in eine Landkommune, wird von Gropius zur Rückkehr bewogen.

[„Die Neue Zeit“, Arte, Donnerstag, 5. und 12. September, jeweils drei Teile ab 20 Uhr 15]

Aber in welches Bauhaus! Der Direktor hat sich dem konservativen Druck gebeugt und eine „Frauenklasse“ eingerichtet. Alle Frauen werden in die Weberei verbannt – „Wo Wolle ist, ist auch ein Weib, und sei es nur zum Zeitvertreib“, kommentiert Dörte –, zudem müssen sie die Felder bestellen und den Küchendienst übernehmen. Das alles trifft auf den Widerstand von Dörte Helm, sie wird sich mit dieser Unterdrückung nicht abfinden, sie sucht ihren Weg als Frau, Künstlerin und Aktivistin.

Mal in der Nähe zu Gropius, mal in der Distanz, mal in der Affäre, die Gropius vor ein Ehrengericht bringen wird. Das leitet ausgerechnet Johannes Itten, der mit seiner esoterischen, christlich-hinduistischen Mazdaznan-Bewegung längst ein Eigenleben und eine Konkurrenz zu Gropius im Bauhaus etabliert hat. Es gibt innere und äußere Feinde, es gibt das flammable Verhältnis zwischen Direktor und Studentin.

Die Serie stellt nicht die Schuldfrage. Niemand hat Schuld, weil niemand glücklich ist. Gewiss, das Bauhaus ist das Epizentrum der Idee der Moderne. Johannes Itten, Oskar Schlemmer, Lyonel Feininger, Gertrud Grunow, László Moholy-Nagy, Paul Klee, Wassily Kandinsky, Marcel Breuer, Gunta Stölzl, Marianne Brandt, Josef und Anni Albers, Walter Gropius – war jemals zuvor und danach eine solche Gruppe von Genies versammelt?

Aber der Mensch bleibt der Mensch. Alma Mahler (Birgit Minichmayr), hin- und hergerissen zwischen Gropius und Franz Werfel, wird zu ihrem Noch-Ehemann sagen: „Du bist gar nicht in der Lage, mich glücklich zu machen“, um sich dann für Werfel zu entscheiden. Die Kunst ist ein großes Abenteuer, die Liebe ist vielleicht das größere Abenteuer, weil sie Aufgabe für den anderen bedeutet.

Es geht um Befreiung

„Die Neue Zeit“ bringt solche Fragen in den Publikumskreis, weil sie die Fragen in den Figuren findet. Die Produktion ist fern davon, vor historischer und künstlerischer Kulisse – Sodom & Gomorrha im Atelier, Sie wissen schon! – eine Kitschgeschichte aufzuziehen. Es geht um Befreiung in vielerlei Hinsicht: intellektuell, kulturell, gesellschaftlich, Gender, das ganze kreative, kreatürliche Menschheitsprogramm in den Gaze-Wänden des Bauhauses zu Weimar.

Und weil es eben um so viel mehr als um Zwischenmenschliches geht, werden Sequenzen sperrig, wenn um Farben, Formen und Zukunft gestritten wird. Der Weg ins Offene ist ein Weg, der auch kartiert sein will. Die Serie zeigt das Bauhaus bei allen Schauwerten als intellektuelle Innovation.

Das Bauhaus als Menschentheater

August Diehl spielt Walter Gropius, Anna Maria Mühe spielt Dörte Helm. Von solcher darstellerischen Kapazität müssen die Hauptdarsteller sein, sofern eine Figur ihre Schwere, ja ihre Tiefe finden soll. Diehl und Mühe ziehen ihre Figuren in die Menschendarstellung, denn das war das Bauhaus, seine Irrungen, Interventionen und Insassen auch: ein Menschentheater.

Die Produktion von Zero One Film versammelt um August Diehl und Anna Maria Mühe herum ein exquisites Ensemble. Da hat Stand und Bestand, was ein Gleichgewicht in Bewegung und Bewegungen herstellen soll. Darüber wird deutlich, sehr deutlich, was das Bauhaus war: ein Haus seiner Bewohner, eine Behausung für seine Künstlerinnen und Künstler. Eine Blase, die so und so platzen konnte.

Eine Prise Verfremdung

Lars Kraume hat diese Fiktion auf Fakten inszeniert, mit einem besonderen Gefühl für die Räume (Szenenbild: Olaf Schiefner), für die intimen Momente und die Szenen in großer Gruppe. Kraume will intensiv erzählen, er betreibt Zuschauer-Inklusion. Immer wieder aber werden Sequenzen in Schwarz-Weiß überführt oder in Schwarz-Weiß-Stills eingefroren. Sollte der Zuschauer bloß romantisch glotzen, so wird er in dieser plötzlichen, fast Brecht’schen Fremdheit seiner Distanz zum Nachdenken bewusst gemacht.

„Die Neue Zeit“ ist wie „Babylon Berlin“ Beleg dafür, wie sehr sich deutsche Fernsehproduktion um die zwanziger Jahre bemüht und hier wie dort zu besonderem Ehrgeiz findet.

Wenn wir schreiten Seit’ an Seit’ ...

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