Astrid Klein in den Deichtorhallen : Frauenbilder und Männerblicke

Feministische Avantgarde: Die Hamburger Deichtorhallen zeigen die Collagen der radikalen Fotokünstlerin Astrid Klein.

Wie im Film. Astrid Kleins Collage „Les illusions et les deceptions“ (1980)
Wie im Film. Astrid Kleins Collage „Les illusions et les deceptions“ (1980)Foto: Deichtorhallen/Astrid Klein

Astrid Kleins beklemmende Foto-Collage „Endzeitgefühle“ ist wieder in Hamburg. Auf dem Riesenformat, entstanden 1982 auf Kampnagel, hetzen sechs schwarze Schattenhunde in wilder Jagd vorbei an einer Betonwand mit zugemauerter Türfüllung. Ab 1986 war die rasende Meute im U-Bahn-Schacht der Linie 2 tief unter dem Hauptbahnhof zu sehen. Das Angst einflößende Rudel sei „eine Inkunabel der westdeutschen Kunst der 80er Jahre“, schwärmt Dirk Luckow, Intendant der Deichtorhallen.

Die ausladende Foto-Arbeit von 3,30 mal 4,65 Meter ist Auftakt einer umfangreichen Werkschau der Kölner Malerin, Grafikerin und Fotokünstlerin anlässlich der Triennale der Photographie, auf der Klein bereits 2015 in einer Gruppenausstellung der Hamburger Kunsthalle vertreten war. Unter der Überschrift „Transcendental Homeless Centralnervous“ präsentiert die zu den Deichtorhallen gehörende Harburger Sammlung Falckenberg auf drei Etagen 200 Objekte aus 40 Schaffensjahren Kleins mit dem Akzent auf ihren Foto-Arbeiten.

Die Collage „Endzeitgefühle“ bezeichnet Astrid Klein (geboren 1951) selbst als frühes Schlüsselwerk. Die vielfach ausgezeichnete Pionierin experimenteller Fotografie, die über zwei Jahrzehnte lang als Professorin an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig lehrte, arbeitet mit Malerei, Zeichnung, Installation, Skulptur, Fotografie und Text – meist in Mischverfahren. Auch wenn sie als Foto-Künstlerin bekannt geworden ist, sieht sich Klein selbst als Malerin. Fotos verwende sie lediglich als Material, „so wie der Maler seine Pigmente“, sagt sie.

In den siebziger und achtziger Jahren machte sie den Fotorealismus zu ihrem Thema und schuf in hartem Schwarz-Weiß narrative Gegenbilder zu dem Pop-Art-Genre, die bis heute in Erinnerung geblieben sind. Weil sich Wirklichkeit nicht authentisch wiedergeben lässt, hinterfragt und dekonstruiert Klein einfallsreich den Anspruch auf Realität mit Motiven aus Printmedien sowie Filmstills der französischen Nouvelle vague. Unter anderem wählte sie Ansichten von Männern und Frauen, die sie extrem vergrößerte, rasterte und beschriftete, um sie schließlich in verfremdeten Sinnzusammenhängen zu monumentalen Großformaten zu collagieren.

Keine Hoffnung mehr

Die bis zu vier Quadratmeter messenden Foto-Montagen irritieren den Betrachter zusätzlich durch rätselhafte Sentenzen. Wie eine Banderole laufen diese als wiederkehrendes Formelement über die Bildfläche, kontrastieren die Motive oder eröffnen neue Bedeutungsebenen. Inhaltlich geht es dabei in Bild und Schrift immer wieder um Sexualität und Geschlechterklischees, um Gewalt, Dominanz und Einsamkeit: „Süchte und Triebe“, wie auf einer Collage von 1980 zu lesen ist. Von unsichtbaren Kräften werden also offenbar nicht nur Kleins schwarze „Endzeit“-Wölfe gejagt, sondern auch die Menschen in ihren Bildern.

Das Interesse gilt dabei vor allem jungen, schönen Frauen. An ihnen werden weibliche Rollenzwänge zwischen williger Sexualpartnerin und männlicher Trophäe anschaulich vorgeführt. Beispielhaft dafür ist eine Collage, die eine nackte blonde Frau in einem erleuchteten Fenster stehend mit dem Bild eines lesenden Mannes verbindet. Das Schriftbild dazu lautet: „And every woman acts like every man’s dream of the ,perfect’ wife.“ Unverkennbar kämpfte Klein an der Seite der feministischen Avantgarde der siebziger Jahre, wenn auch nicht so offensiv wie Cindy Sherman, Hannah Wilke oder Valie Export. Wenig optimistisch schrieb sie 1980 unter das Bild eines nackten Paares im Bett: „Moi, je n'ai plus d'Espoir...“. Ich habe keine Hoffnung mehr.

Ein Ende der künstlerischen Arbeit ist nicht absehbar

Kritiker bezeichnen Astrid Kleins Arbeiten oft als „spröde“. Seit den neunziger Jahren entwickelt die Künstlerin dann tatsächlich ein Faible für sprödes Material. Ihre Spiegelarbeiten mit gebrochenen und zerschossenen Scherben nehmen den Titel ihrer frühen Collageserie „Broken Heart“ wieder auf, außerdem widmet sie sich verstärkt großformatigen Neonschriftbildern und -skulpturen. Bei Falckenberg ist „Wie kommt die Zeit ins Hirn?“ zu sehen, in dem flirrend helle Glasröhren die komplizierten Vorgänge im Zentralnervensystem symbolisieren.

Der bizarre Leuchtstoffröhrenturm „Flycatcher III.“ ist aus eng verbunden elektrische Fliegenfallen und Neonröhren konstruiert, die von einem vier Meter hohen Stahlrohr herabhängen. Das summende Zischen, das das Geräusch beim Verglühen der Insekten in der elektrischen Falle nachempfindet, evoziert die Soundkulisse eines Endzeitfilms. Ein Ende ihrer eigenen künstlerischen Arbeit allerdings ist für die inzwischen 67-jährige Künstlerin noch nicht absehbar. „Man muss ein bisschen unruhig bleiben“, sagt sie. Selbstzufriedenheit ist für Astrid Klein keine gute Voraussetzung.

Sammlung Falckenberg, Deichtorhallen, Hamburg, bis 2. 9.; Katalog 38 €. Infos: www.deichtorhallen.de

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