Kultur : Auch du, Bachler!

Total global: Falk Richters „Julius Caesar“ am Wiener Burgtheater

Christina Kaindl-Hönig

Julius Caesar, Diktator auf Lebenszeit, auf dem Zenit seiner Macht, Herrscher über ein Weltreich, strauchelt und fällt: „Brutus, auch du!“ Brutus’ Hals im Würgegriff des Sterbenden. Letztes Aufbäumen nach dreiunddreißig Dolchstößen. Und die Verschwörer: Sie stehen da wie verschreckte Jungs vor dem toten Hausmeister, sekundenlang sprachlos vor ihrer Tat. Als wäre das alles nicht geplant, besprochen und durchdacht worden. Bis endlich einer das rettende Wort findet: „Freiheit“, ruft Cassius, „wiederhergestellt die Republik!“ Na endlich: Die Revolution hat begonnen.

Caesar als Globaliator. Mehr als zweitausend Jahre nach dem historischen Tyrannenmord herrscht auf der Bühne des Wiener Burgtheaters, just am Abend vor den Iden des März, der römische Imperator über ein globalisiertes Weltreich. Das römische Kapitol ist Zentrum einer medialen Weltmacht, Traumfabrik künstlicher Realitäten, Schaltzentrale eines post-politischen Second Life. „Wir verloren die Demokratie an eine globale Regierung“, rechtfertigt Brutus den Tyrannenmord gegenüber dem Volk, das in Falk Richters Inszenierung nur noch als wispernde Videoprojektion vorkommt. Jubelschreie ertönen vom Band, die Reden der Politiker sind Fernsehinszenierungen.

Der 37-jährige Richter, sonst Hausregisseur an der Berliner Schaubühne, strafft in einer eigenen Bearbeitung Shakespeares Römerdrama über Macht und Tyrannenmord, dieses vieldeutige und zeitlose Frühwerk über die Möglichkeiten politischen Handelns an der Wende von der römischen Republik zum Kaiserreich, auf lange zweieinhalb Stunden. Anstelle von mehr als vierzig Darstellern beschränkt sich Richter auf vierzehn, kürzt Szenen im Detail, glättet Ambivalenzen und verzichtet damit auf viel Plastizität in der sprachlichen Charakterzeichnung der Protagonisten. Helmut Krausser lieferte dazu eine Neuübersetzung, die sich relativ frei, mit mancher Unschärfe, Shakespeares Text annähert und diesen in eine heutige, leicht verständliche Alltagssprache gießt.

Richter beschränkt sich in seiner Inszenierung auf einen theoretischen Überbau, der die Figuren als Klischees behandelt: Peter Simonischek als Julius Caesar gibt den gesättigten Firmenboss im Nadelstreif, mehr Privatier als herrschsüchtiger Manager, weniger furchteinflößend als weltfremd. Es wundert, dass er noch als Toter die Szenerie beherrscht. Doch der Übervater ist Konzept, an ihm krepieren die aufmüpfigen Söhne. Er erscheint dem Brutus auf dem Schlachtfeld: Roland Koch als nervöser Bürokrat im braunen Anzug (Kostüme: Martin Kraemer), verunsichert, fahrig, planlos. Das Gegenteil des vernunftgesteuerten, mit sich hadernden Republikaners, steht Koch derart neben seiner Rolle, dass man kaum begreift, warum er am Ende als einziger der Verschwörer wegen seines Einsatzes für das Allgemeinwohl geadelt wird. Diese Ehren kämen in Richters Inszenierung wohl eher Ignaz Kirchners Cassius zu: ein hellsichtiger Grübler, ein Revolutionär der Straße als Relikt des Klassenkampfs.

Stirbt Cassius als tragischer Held einer verlorenen Zeit, so erscheint als wahrer Sieger dieser Inszenierung Marc Anton. Michael Maertens liefert das Bravourstück einer Demagogenrede. Ihm glaubt man: Liebe, als er sich verzweifelt an die Brust des toten Caesar schmiegt, Trauer, als ihm die Stimme vor dem Volk versagt, Wut, wie er die Verschwörer als „ehrenhafte Männer“ denunziert. Wo der flache Soundtrack der Inszenierung ansonsten nur schwer Atmosphäre einzuhauchen vermag, schafft Maertens für wenige Momente an diesem Abend, die Mittel zu handhaben: die neue Generation medial-gewiefter, populistischer Politiker. Das perfekte Schauspiel.

Die Schlacht bei Philippi findet in Katrin Hoffmanns Bühnenbild in einem Niemandsland vor der steil in die Höhe ragenden Treppe des vormaligen Kapitols statt. Eine rotierende Raketenabschussrampe, in deren Schatten sich die gegnerischen Feldherren wie Jugendbanden zanken und sich die Verschwörer in die Haare kriegen, deren Selbstmord schließlich zu einer unfreiwillig komischen Groteske gerät. Falk Richter macht aus Shakespeares ambivalenten Helden planlose Witzfiguren am Ende jeder Politik und unterschlägt eine Wirklichkeit, in der Menschen aus Fleisch und Blut Kriege führen.

Viel Aufwand um wenig herrschte bereits in Jan Bosse flach-ulkiger Version von „Viel Lärm um nichts“ als Auftakt von Klaus Bachlers Shakespeare-Zyklus, den er sich für das Burgtheater bis zum Ende seiner Amtszeit 2009 vorgenommen hat. Theu Boermans handwerklich solider, doch weitgehend deutungsloser „Sommernachtstraum“ folgte. Die vierte Shakespeare-Inszenierung dieser Spielzeit kommt im April: Karin Beiers Version von „Maß für Maß“.

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