Auf den Spuren von W. G. Sebald : Ein deutscher Schriftsteller in East Anglia

Vor 75 Jahren wurde W. G. Sebald geboren. Er starb früh. Und hinterließ ein faszinierendes Werk. Eine Reise in den Osten Englands, wo Sebald begraben liegt.

John Quin
Melancholiker. Der 1944 geborene W. G. Sebald kam 2001 bei einem Autounfall ums Leben.
Melancholiker. Der 1944 geborene W. G. Sebald kam 2001 bei einem Autounfall ums Leben.Foto: Ulf Andersen

Es ist nicht leicht, das Grab des großen Mannes zu finden. Das Auto windet sich über die engen, zugewachsenen Landstraßen Norfolks, um schließlich bei der St. Andrews Kirche anzukommen. Nach einer ausgedehnten Suche entdeckt man einen Grabstein mit der Aufschrift „A great bon viveur“. Sebald? Nein, das soll ein gewisser John Douglas Brasted (1941- 2008) gewesen sein, er möge in Frieden ruhen. Eine hilfsbereite Dame, die die Kirchenstühle putzt, erzählt, dass „Max“ auf dem Gelände des anderen St. Andrews begraben ist, keine Meile entfernt, in einer spätnormannischen Kirche mit einem Rundturm, der so fest wie der Wehrturm einer Burg aussieht.

Festigkeit ist nicht gerade das, was man mit W. G. „Max“ Sebald assoziiert. Seine Schriften sind Meditationen über Zerstörung, Entropie und endliche Welten. Sebald starb im Dezember 2001 bei einem Autounfall, viel zu früh. Um sein Leben und Werk zu feiern (in seinem 75. Jahr, hätte er es denn erlebt), gibt es im nahen Norwich Castle eine Ausstellung, die tief eintaucht in die vielfältigen Quellen und Inspirationen zu Sebalds Meisterwerk „Die Ringe des Saturn“ (1995). Das Buch ist eine hybride Konstruktion, eine halbfiktive Wanderung durch die Küstenlandschaft East Anglias, begleitet von den melancholischen Grübeleien des Autors.

Die Ausstellung in Norwich mit dem Titel „Lines of Sight“ bewegt sich auf vielen Ebenen. Wir können sie als eine Einführung in Sebalds Gedankenwelt betrachten – wie in einem aufschlussreichen Videointerview dargelegt wird –, als eine Anleitung zum Buch und seinen Bezügen oder als einen erweiterten Essay über die Gegend selbst mit ihrer schrecklichen Rolle, die sie im Zweiten Weltkrieg für den Luftkrieg gegen Deutschland gespielt hat.

Trümmer und Ruinen, soweit man blickt: Das war Sebalds sonderbare Botschaft, als er durch die ausgeräumten Ebenen zog. Er illustrierte seine Bücher mit gefundenen Fotografien und angeeignetem Bildmaterial, wovon hier vieles ausgestellt ist. Wir sehen Dokumente aus dem Zuckerman Archive: Bilder und Texte aus den geheimen Analysen der Royal Air Force nach den Luftangriffen, die Essen in Schutt und Asche gelegt hatten.

1945 wollte Solly Zuckerman, der wissenschaftliche Berater des United Kingdom für Bombardierungsstrategie, einen Bericht mit dem Titel „The Natural History of Destruction“ schreiben. Aber nachdem er die Ruinen von Köln gesehen hatte, brachte er ihn nie zu Ende. Zuckerman spürte, dies „würde nach einem beredteren Text schreien, als ich ihn je hätte schreiben können“.

Melancholie der Verlassenheit

Im Gegenzug griff Sebald dann diesen englischen Titel für seinen eigenen Essay „Luftkrieg und Literatur“ (1999) auf. Die Flugzeuge hoben ab von Startbahnen, die die flachen Moorgebiete von Norfolk und Suffolk überzogen. Nach Schätzungen wurden in Deutschland bis zu 600 000 Menschen durch Bombenangriffe getötet, über 160 000 Soldaten der alliierten Luftstreitkräfte starben.

Verlust und verschwindende Welten, das waren Sebalds vordringliche Themen. An anderer Stelle finden wir ein spektakuläres Aquarell eines unbekannten Künstlers von Somerleyton Hall. Dieser prachtvolle Landsitz bei Lowestoft hatte (bis zu jenem schicksalsträchtigen Jahr 1914) einen herrlichen Wintergarten mit einer Kuppel aus Glas, die nachts beleuchtet werden konnte. Sebald stellt es sich vor wie Kublai Khans Traumpalast Xanadu. Jetzt aber ist diese Traumvision so lange verschwunden wie das Tatarenparadies des Dichters Samuel Taylor Coleridge – die wunderschönen, filigranen Glas- und Schmiedeeisenarbeiten für immer verloren.

Sebald machte etwa 200 Aufnahmen während seiner ostenglischen Reise, davon werden in der Ausstellung Dias projiziert. In Lowestoft sehen wir ein blau emailliertes Schild der British Railways, noch ein verschwindendes Relikt. Sebald liebte offensichtlich Bahnhöfe und genoss ihre Melancholie der Verlassenheit, ihren deutlichen Verweis darauf, dass unsere Leben sich so flüchtig auflösen wie eine Menschenmenge in einer Bahnhofshalle.

[Aus dem Englischen von Karin Barth. „Lines of Sight: W. G. Sebald’s East Anglia“ läuft in Norwich Castle bis zum 5. Januar 2020.]

Lowestoft zeigt auch, wie Sebald sich mit Joseph Conrad beschäftigt hat, der sich hier in Großbritannien niederließ, nachdem er aus Polen umgesiedelt war. Es gibt Archivmaterial mit Bezug auf den Kongo und Roger Casement, Inspirationen für Conrads „Herz der Finsternis“, das berühmte Buch gegen den brutalen belgischen Kolonialismus. Und von diesem Horror ist es nur ein kurzer Sprung zu weiteren Fotografien, die auf Sebalds zentrales Thema deuten: die Lektion des Holocaust.

Weiter geht der Weg südwärts die Küste hinunter nach Southwold mit seiner Lesestube, die 1864 für Matrosen gebaut wurde. Sebald erzählt in „Die Ringe des Saturn“, dass bei seinen Aufenthalten dort Southwold „bei weitem mein Lieblingsort ist“. Man kann ihn sich leicht vorstellen, wie er zwischen den Erinnerungsstücken der Seefahrer Entspannung findet, zwischen den Schiffsmodellen und Galionsfiguren. Der kleine Leseraum bleibt bis zum heutigen Tag ein seltsam unbeachtetes, bescheidenes Versteck, eine zeitweilige Atempause vor dem Sturm laufender Ereignisse.

Sebald faszinierten die Bunker

Leere, verschwindende Dinge: Sebald überquerte auf seiner Reise dann den Fluss Blyth. Wir sehen Bilder der versandeten Wasserstraße, einst belebt mit Booten und nun vom Verkehr fast ganz verlassen. Von hier ist es eine kurze Fahrt zu dem gespenstischen Dorf Dunwich, einst Hauptstadt des Königreichs der Ostangeln und jetzt größtenteils versunken, von der Nordsee zurückgeholt. Dunwich ist Europas größte mittelalterliche archäologische Stätte unter Wasser.

Über einen Ort namens Orford schreibt Sebald: „Weit westlich hinter mir, kaum erkennbar, waren die sanften Hänge des bewohnten Landes. Südlich und nördlich glänzte in Silberblitzen das schlammige Bett eines toten Flussarmes … und danach lag nur noch Zerstörung.“ Damit meint er Orford Ness, heute im Besitz des National Trust, ein für Besucher zugänglich, geheimes militärisches Testgelände des Verteidigungsministeriums. Diese leere Landzunge aus Kies erlebte Schießversuche, die ausgerichtet waren auf die „Verbesserung der Tötungsrate“ von Bomben und anderer Munition. Während des Kalten Krieges war Orford Ness Sperrgebiet des Atomic Weapons Research Establishment. Die „Pagoden“ dort faszinierten Sebald, die Bunker, und er sah sich selbst „inmitten der Überreste unserer eigenen Zivilisation nach ihrer Auslöschung in einer zukünftigen Katastrophe“.

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Für Sebald, den deutschen Schriftsteller in England, waren Walter Benjamins berühmte Worte immer gültig: „Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein.“ Und was den Vornamen Max betrifft – so ließ sich Sebald von Freunden nennen. Klingt internationaler als W(infried) G(eorg).

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