• Auf Fontanes Fährte (5): Unterwegs in Bad Freienwalde und im Oderbruch: Das Land, so weit, so reich

Auf Fontanes Fährte (5): Unterwegs in Bad Freienwalde und im Oderbruch : Das Land, so weit, so reich

Oft (und gern) bereiste Fontane das Oderbruch. Das quirlige Freienwalde verblüffte ihn, den Baasee fand er finster, Neulietzegöricke verpasste er, obwohl es ein Dorf zum Verlieben ist.

Schier endlose Weite. Rund 60 Kilometer lang und bis zu 20 Kilometer breit ist das Oderbruch.
Schier endlose Weite. Rund 60 Kilometer lang und bis zu 20 Kilometer breit ist das Oderbruch.Foto: Patrick Pleul/p-a

Es mag in den frühen 1860er Jahren gewesen sein, vermutlich ein Tag im August, denn Theodor Fontane sah Pflaumen, prall und reif, an den Bäumen hängen. Der Dichter rollte mit einer Kutsche in Freienwalde ein und staunte: „Wir haben erst eine einzige Straße passiert und schon haben wir fünf Hotels und eine Hofapotheke gezählt ...“

Lange her. Von den 30 Hotels, die es um 1900 in Freienwalde gab, hat sich kein einziges erhalten. Und während früher 200 Pensionen im Ort waren, sind heute nur wenige Gästezimmer geblieben. Dabei ist Freienwalde, das seit 1925 das Wörtchen Bad voranstellen durfte, durchaus schmuck. Ein märkisches Städtchen, in dem kein Mensch in Lederschühchen flaniert, sondern alle auf festen Sohlen unterwegs sind. So war es schon zu Fontanes Zeiten. Zufrieden notierte der Dichter: „Freienwalde ist kein Roulette- und Equipagenbad, kein Bad des Rollstuhls und des galonierten Bedienten, am wenigsten ein Bad der fünfmal gewechselten Toilette. Der breite Stempel, den die echten und unechten Engländer seit fünfzig Jahren allen europäischen Badeörtern aufzudrücken wußten, hier fehlt er noch, hier ist der komplizierte ,Breakfast-Tisch‘ noch ein kaum geahntes Geheimnis, hier wird noch gefrühstückt, hier sucht noch kein grüner und schwarzer Tee die alte Herrschaft des Morgenkaffee zu untergraben ... “

Der Dichter spöttelte über die "kahle Geräumigkeit"

Nach Fontane suchten Häuser überall ein „bestes Plätzchen“, „mehr Gassen und Winkel als eigentliche Straßen fügten sich zusammen“. Ein bisschen krumm und schief ist es immer noch. Auch der überraschend große Marktplatz „mit seiner kahlen Geräumigkeit“ ist vorhanden. Der Dichter spöttelte: „Weite hier und Enge dort hätten sich gegenseitig aushelfen können.“

Wie hingekuschelt. Bad Freienwalde mit der Kirche St. Nikolai.
Wie hingekuschelt. Bad Freienwalde mit der Kirche St. Nikolai.Foto: Thilo Rückeis

Vom Marktplatz aus hat man den besten Blick zur etwas erhöht stehenden, 2006 aufwendig restaurierten Kirche St. Nikolai. Darüber schweigt der Dichter. Ist er etwa nicht hineingegangen? Er hätte zum Beispiel erzählen können von dem beeindruckenden runden Taufstein, der aus dem 13. Jahrhundert stammt, einem der ältesten der Mark.

Einige schön restaurierte Villen säumen die Goethe- und Gesundbrunnenstraße. „Villa Katharina“ mit hübsch verzierten Giebeln und einem Türmchen wurde einst als repräsentatives Jagdschloss genutzt. Im Kurpark finden wir den malerischen Papenteich. Am Ufer ein reizender Holzpavillon, die „Blaue Zwiebel“, im Sommer ein beliebter Kaffeetreffpunkt. Ende des 19. Jahrhunderts gab es ihn allerdings noch nicht, und überhaupt nahm sich Fontane kaum Zeit zur Einkehr. Der umtriebige Journalist wollte schließlich auch die Umgebung entdecken. Den Baasee etwa, „den Liebling und Stolz der Freienwalder“. Zu seinem Leidwesen versteckte sich das Gewässer gut. „Wir suchten ihn, ohne ihn finden zu können, und ermattet warfen wir uns nieder ins Moos ...“, schreibt Fontane. Endlich wiesen zwei junge Mädchen den Weg. Heute gelangt man zu Fuß, gut beschildert, über sieben Hügel (elf Kilometer) oder durchs Brunnental dorthin. Oberhalb des Sees befindet sich eine skurrile Waldschenke, zu der man auf schmaler Straße auch mit dem Auto gelangen kann.

Alpenmusik in der kuriosen Waldschenke

Fontane fand damals nur eine einfache Hütte vor. Erst 1890 ließ der Freienwalder Hotelier Demuth eine große Ausflugsgaststätte errichten. 460 Sitzplätze soll es gegeben haben, und auf der Karte stand zum Beispiel „Echt Münchner ff. Lagerbier“ und „Weine renommierter Firmen zu zivilen Preisen“. Das Gebäude wurde 1945 zerstört. Seit 1972 existiert die rustikale, kuriose Waldschenke. Hier dudelt Alpenmusik, Krawatten baumeln von der Decke, diverse Kuckucksuhren stehen herum. „Wir sind hier in der Märkischen Schweiz, da erwarten die Leute natürlich Bergambiente“, sagt Wirt Mirko Schluchter schmunzelnd. Am liebsten hätte er, wir würden kein Wort über seine Schenke verlieren. Besonders an Sommerwochenenden drängelten sich schon allzu viele Besucher hier, noch mehr täten dem Ort nicht gut.

Hereinspaziert in die Waldschenke am Baasee. An Sommerwochenenden kann es allerdings voll werden.
Hereinspaziert in die Waldschenke am Baasee. An Sommerwochenenden kann es allerdings voll werden.Foto: Hella Kaiser

Den Zauber des Baasees entdeckt man erst, wenn man ihn umrundet. Fontane war allerdings enttäuscht. „Was den Baasee zu keiner tieferen Wirkung kommen läßt, ist wohl das, daß er jener Mischgattung von Seen angehört, die zu finster sind, um zu erheitern, und doch wieder zu heiter, um den vollen Eindruck des Schauerlichen zu machen.“ Verschwiegen ist und bleibt das Gewässer, baden kann man in ihm übrigens nicht. Am Weg wachsen hier und dort wilde Orchideen, eine rund 50 Meter hohe Douglasie, der höchste Baum Brandenburgs, ragt in den Himmel. Der Dichter konnte noch nicht zur ihr hinaufschauen. Erst seit den 1880er Jahren wurden im Waldrevier Sonnenburg exotische Bäume angepflanzt, um ihre Verwendbarkeit für die preußische Forstwirtschaft zu testen.

Mehrfach besuchte Fontane seinen Vater in Schiffmühle

Während manche Besucher entlang von Bad Freienwalde ein „Turm-Diplom“ erwerben können – vier Türme auf zwölf Kilometern mit anspruchsvollen Auf- und Abstiegen –, sehnen wir uns nach der Ebene, nach der Weite der Oderlandschaft. „Ich bin das Bruch unzähligmal durchreist ...!“, notiert Fontane. Mehrfach besuchte er seinen Vater Louis Henri, der seine letzten Lebensjahre in Schiffmühle, heute ein Ortsteil von Freienwalde, verbrachte. „Ein bescheidenes Häuschen“ aus Fachwerk mit grün gestrichenen Fensterläden bewohnte der Vater mit seiner Haushälterin. Eine Frau in mittleren Jahren, so Fontane, „die nach dem Satze lebte ‚Selig sind die Einfältigen‘, aber einen etwas weitgehenden Gebrauch davon machte“. Fontanes beißender Spott konnte ziemlich eklig sein, wenn er ihr gegenüber auch zugab: „Papa kann froh sein, daß er Sie hat.“ Der Vater starb 1867. Die letzte Ruhe fand er auf dem Bergfriedhof an der kleinen Dorfkirche. Warum der Steinmetz seinen Namen mit „Louis Hanri“ falsch eingeritzt hat, bleibt ein Rätsel.

Klein, aber mein. In diesem Häuschen in Schiffmühle verbrachte Theodors Vater Louis Henri Fontane seine letzten Lebensjahre.
Klein, aber mein. In diesem Häuschen in Schiffmühle verbrachte Theodors Vater Louis Henri Fontane seine letzten Lebensjahre.Foto: tmb

Die Geschichte des Oderbruchs beschreibt der Dichter in vielen Details. Widmet sich ausführlich der Urbarmachung des Sumpflandes unter Friedrich dem Großen in der Mitte des 18. Jahrhunderts. „Das gewonnene Land betrug im ganzen 130000 Morgen, auf welches nun, wie man sonst Bäume pflanzt oder einsetzt, 1300 Familien ‚angesetzt‘ wurden.“ Mehr als 40 Kolonistendörfer wurden so gegründet. Noch heute erkennt man sie an der Vorsilbe „Neu“. Das älteste ist zweifellos das schönste. Neulietzegöricke, entstanden 1753. Ein Dorf zum Verlieben. Alles vorhanden: eine Kirche, eine Kneipe („Zum feuchten Willi“), ein Kolonisten-Café und eine nette Pension. 13 Fachwerkhäuser stehen entlang der Dorfstraße, die meisten wunderbar restauriert. Das komplette Dorfensemble ist denkmalgeschützt, ein Freilichtmuseum ist es nicht. 220 Einwohner hat Neulietzegöricke – und es werden mehr. „Inzwischen interessieren sich sogar Familien mit Kindern für den Ort“, erzählt Heiko Walther-Kämpfe von der Touristeninformation Bad Freienwalde.

In seinen „Wanderungen“ bekennt Fontane: „Ich habe die Heimat durchzogen und habe sie reicher gefunden, als ich zu hoffen gewagt hatte.“ Etwas Wesentliches hat er nicht erwähnt: diesen unglaublich weiten Himmel, der sich, immer wieder anders getupft, übers Oderbruch spannt.

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