Auf Fontanes Fährte (6): In und um Wittstock : Alle Wunder verpasst

Der märkische Dichter hätte in Wittstock an der Dosse vieles entdecken und rühmen können. Er war nie dort. Warum? Ein Rätsel

Blühende Zeiten. Entlang der rund zweieinhalb Kilometer langen, perfekt restaurierten Stadtmauer zieht sich die Wittstocker LaGa.
Blühende Zeiten. Entlang der rund zweieinhalb Kilometer langen, perfekt restaurierten Stadtmauer zieht sich die Wittstocker LaGa.Foto: imago images / Rainer Weisflog

In Neuruppin thront der Dichter in Bronze auf hohem Sockel. Aber was ist das schon gegen jene Ehrung, die man ihm jetzt in Wittstock zuteil werden ließ? Eine besondere Rose haben sie gezüchtet, lachsfarben und duftend. Ihr Name: Theodor Fontane. „Die Beetrose bringt viele Triebe und wächst dadurch buschig und kompakt“, wirbt die Gesellschaft Deutscher Rosenfreunde. Zu bewundern ist die Züchtung jetzt auf der Landesgartenschau (LaGa), wo sie sich gegen blühende Konkurrenz behaupten muss.

Bunte Pracht im Fontane-Garten
Bunte Pracht im Fontane-GartenFoto: Hella Kaiser

Die Schönheiten prunken im Halbrund entlang der fast zweieinhalb Kilometer langen, perfekt restaurierten Stadtmauer. Durch mehrere Parks zieht sich die Pracht, wuchert an der Dosse bis zur Mündung der Glinze.

Auch ohne Landesgartenschau ist das Städtchen ein Juwel

Das Städtchen indes ist auch ohne LaGa ein Juwel. Fontane hat es verpasst. Nie setzte er offenbar einen Fuß dorthin, obwohl seine Heimatstadt Neuruppin gerade mal 50 Kilometer entfernt ist. Jedenfalls sind bisher keine Zeilen Fontanes zu Wittstock bekannt. War der Dichter einfach müde vom Reisen oder schreckte ihn gar das nahe Mecklenburg? Die Landesgrenze verläuft schließlich nur wenige Kilometer hinter der Prignitz. Es ist sinnlos, über Fontanes Ignoranz zu spekulieren. Zu entdecken ist, was vom Dichter nicht beschrieben wurde.

Mittelalterlich geprägt. Wittstock, vom Kirchturm aus gesehen.
Mittelalterlich geprägt. Wittstock, vom Kirchturm aus gesehen.Foto: Hella KLaiser

Stolz führt Regina Schmidt Fremde durch ihr Städtchen. „Wir sind glücklich“, sagt sie, „alle sieht man nur noch lächeln.“ Die LaGa verzaubere die Wittstocker, dabei hätten sie doch auch sonst allen Grund zur Freude. Viele Häuser sind schmuck, nur wenige „Schandflecken“, wie Schmidt es ausdrückt, stören noch. Zum Beispiel eine riesige, seit der Wende leer stehende Fabrik. 3000 Frauen arbeiteten dort im VEB Obertrikotagenbetrieb „Ernst Lück“. Das Gebäude werde bald saniert, ein Schulzentrum soll dort unterkommen. In das Backsteingebäude der alten Post ist vor Kurzem die Polizei eingezogen. „Aber ein Briefkasten am Haus, sogar ein historischer, erinnert noch an die ursprüngliche Bestimmung“, freut sich die Stadtführerin.

30 Ausspannwerke existierten einst in der Königstraße

In der Königstraße, so getauft, weil König Wilhelm IV. hier einmal durchgefahren sei, existierten 30 (!) Ausspannwerke. „Dazu je eine Gaststätte und ein Laden“, weiß Regina Schmidt. Fontane, der so oft mit der Kutsche fuhr, hätte also keine Ausreden gehabt, den Ausflug nicht zu wagen.

Lange sorgte man sich um die stattliche, vernachlässigte Marienkirche. Aber die Wittstocker hätten schon zu DDR-Zeiten Schindeln gekauft, sodass man das Dach wieder dicht bekam. „Es hatte bereits durchgeregnet", sagt Schmidt. Im Winter muss man sich dort warm anziehen, eine Heizung gibt es nicht.

202 Stufen führen zur grandiosen Aussicht hinauf

Der Turm reckt sich wie eh und je in die Höhe. Exakt 202 Stufen führen hinauf zur 45 Meter hoch gelegenen Plattform, die faszinierende Aussichten über die Stadt bietet. Zum Beispiel zur Alten Bischofsburg, inmitten des LaGa-Geländes gelegen. Dort kann man sich, Etage für Etage, über die Geschichte des Dreißigjährigen Krieges informieren. So viel Gräuel, so viel Leid, so viele Tote. 1636 standen sich bei Wittstock 16 000 Schweden und 22 000 Soldaten des kaiserlich-kursächsischen Heeres gegenüber. Die Schweden siegten schließlich.

Wie es sich für die Rosenstadt Wittstock gehört, schmücken die Bürger ihre Häuser.
Wie es sich für die Rosenstadt Wittstock gehört, schmücken die Bürger ihre Häuser.Foto: Hella Kaiser

Am Scharfenberg, dem Ort des Geschehens, steht heute eine Aussichts- und Gedenkplattform. Bei Fontane findet man dazu folgende Anmerkungen: „Wer in unsrer Mark, Fachleute und die nächsten Anwohner abgerechnet, kennte die blutige Schlacht bei Wittstock, wer andererseits kennte nicht den Tag von ‚Fehrbellin'? Und doch wurden beide Schlachten in demselben Jahrhundert und fast auf demselben Terrain geschlagen (...). Das eine war eine große Schlacht, das andere ein bloßes Reitergefecht, und doch ist Wittstock vergessen, und Fehrbellin lebt fort in aller Herz und Mund.“ Merkwürdig, dass der reisende Journalist dem nichts entgegensetzte… Ein Rätsel.

Das treibt auch den Wittstocker Wolfgang Dost um. Der promovierte Ex-Gymnasiallehrer hofft, alles könne sich noch aufklären. Warum sollte man nicht noch, auf einem Dachboden vielleicht, Manuskripte Fontanes finden, die einen sechsten Teil der „Wanderungen“ ergeben würden? Schließlich habe Fontane von einem gewissen Dr. Lau geschwärmt, „dem er alles, was aus ihm geworden ist, verdanke“. Dr. Lau, ein Wittstocker. Der Dichter erinnerte sich in seinen „Kinderjahren“ so: „Ich liebte Dr. Lau ganz aufrichtig, mehr als irgendeinen anderen Lehrer, den ich später gehabt habe. „Immer nur heiter und humoristisch“ sei er gewesen, notierte Fontane und beobachtete ihn genau. Er mochte „gegen 30 gewesen sein, sah aber älter aus, was wohl auch damit zusammenhing, daß er zu jenen disproportionierten Leuten gehörte, bei denen Linien und Maße nicht recht stimmen“.

Dr. Lau kehrte 1830 als Rektor nach Wittstock zurück. Wollte der Dichter ihm nicht verbunden bleiben? Wolfgang Dost durchstöberte viele Quellen und kam zu dem enttäuschenden Schluss: „Fontane hat seinen Lehrer später offenbar nicht mehr besucht.“

Gut gesichert. Im Mittelalter galt Wittstock lange als uneinnehmbar.
Gut gesichert. Im Mittelalter galt Wittstock lange als uneinnehmbar.Foto: Hella Kaiser

Es wäre eine Gelegenheit gewesen, auch ins nahe Freyenstein zu fahren, wo gleich zwei Schlösser auf ihn gewartet hätten. Wir kommen am späten Nachmittag an und fragen: „Was können wir hier schnell noch anschauen?“ Christina Neumann, im Museum des Neuen Schlosses, fährt uns in die Parade und sagt: „Schnell können Sie hier gar nichts angucken.“

Altes Schloss in Freyenstein. Es wurde Mitte des 16. Jahrhunderts auf den Resten einer Wasserburg gebaut.
Altes Schloss in Freyenstein. Es wurde Mitte des 16. Jahrhunderts auf den Resten einer Wasserburg gebaut.Foto: Alamy Stock Photo

Denn: Es gibt zu viel zu entdecken. Da ist das Alte Schloss, ein Renaissancebau, errichtet auf den Resten einer alten Wasserburg, und das wuchtige Neue Schloss als adliger Sommersitz. Beide Bauten sind ungefähr zeitgleich Mitte des 16. Jahrhunderts entstanden. Christina Neumann erzählt von den einstigen Besitzern, derer von Rohr und derer von Winterfeldt. Fehden, Schulden, Ränke, alles dabei. Fontane hätte einen Bestseller aus alldem machen können. Und er hätte sicher auch von der Stadtwüstung, einer mittelalterlichen aufgegebenen Siedlung erfahren, auf der Freyenstein entstanden ist. Sie gilt als eine der besterhaltenen Stadtwüstungen in Mitteleuropa und ist Besuchern als „Archäologischer Park“ zugänglich. Doch damit nicht genug: „Wir haben es hier ganz dicke“, sagt Christina Neumann. „Auch die Marienkirche, 1325 eingeweiht, muss noch erwähnt werden.“

Das dörfliche Freyenstein, heute ein Ortsteil von Wittstock, indes wirkt fast verlassen. „Wir haben die Gaststätte Hirschhof und ein Eiscafé, sonst nichts", sagt Neumann.

Fontanes Schuld, dass man die Wunder nicht kennt

Dass kaum jemand die Schätze von Freyenstein kennt, auch dies ist Fontane anzulasten. „Über jedes Kolonistendorf lässt er sich aus, aber über Wittstock schreibt er nichts“, schimpft Wolfgang Dost. Auch Kloster Heiligengrabe findet keine Erwähnung beim Dichter. Dort wird gerade ein neuer Betreiber für Hotel und Gaststätte gesucht. Hätte Fontane den Ort beschrieben, würden Interessenten dort wohl Schlange stehen.

Fontane, davon ist der Wittstocker Dost überzeugt, „hat das Schönste verpasst“. Wir verzeihen dem Dichter. Ein Leben ist einfach zu kurz für all die Wunder in Brandenburg.

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