Auftakt des Ultraschall-Festivals in Berlin : Schiffssirenen, Haarspangen und Buhrufe

Fünf Tage Neue Musik: Das Ultraschall Berlin startet in seine diesjährige Ausgabe - und zwar mehr als ohrenfüllend.

Dirigent Johannes Kalitzke.
Dirigent Johannes Kalitzke.Foto: Till Bude

Konzentration ist eine Stärke von Ultraschall Berlin, dem an fünf Tagen gebündelten Festival für Neue Musik von RBB und Deutschlandfunk. Zum Auftakt der diesjährigen Ausgabe wird das Programm im Haus des Rundfunks zusätzlich eingedampft.

Marc Albrecht hat, nach Probenbeginn erkrankt, den Taktstock niederlegen müssen, Johannes Kalitzke, bereits für das Abschlusskonzert gebucht, sprang blitzschnell beim Deutschen Symphonie-Orchester ein. Da die Zeit für die Einstudierung nun knapper ausfiel als geplant, wurde Dieter Ammans Orchesterwerk „glut“ gestrichen und soll 2021 nachgeholt werden.

Doch die zwei verbleibenden großformatigen Musikstücke sind mehr als ohrenfüllend – und am Ende gar für handfesten Widerstand gut.

Der Berliner Komponistin Sarah Nemtsov, Jahrgang 1980, widmet Ultraschall ein über verschiedene Konzerte verteiltes Porträt. Zum Festivalstart erklingt „dropped.drowned“ von 2017, das eine Erinnerung an ihre im selben Jahr verstorbene Mutter birgt, die Malerin Elisabeth Naomi Reuter.

So wie sie Farben aus ihrer Palette verbannte oder durch feinste Übermalungen Flächen zum Flirren brachte, hat Nemtsov Oboen und Trompeten aus dem Orchester herausgelöst.

Ungestüm zur Romantik

Sie sind im rückwärtigen Rang positioniert und schicken verfremdete Signale in den Raum, die an Schiffssirenen oder auch Zikaden erinnern. Haarspangen aus Plastik verschmutzen den Klang von Klavier und Harfen, die sich verstärkt gegen das Orchester durchsetzen.

Diesem geschickt rhythmisierten Entree folgt mit Jörg Widmanns 2. Violinkonzert das Hauptwerk des Abends. Komponiert für seine Schwester Carolin Widmann beginnt es denkbar intim: Die Geigerin ertastet ihr altes Instrument, webt auch ihre eigene Stimme ins Spiel.

Während der erste Satz Barockmusik evoziert, drängt der gewaltige Rest ungestüm zur Romantik. Dirigent Kalitzke bändigt die schier Strauss’sche Opulenz, doch am Ende gibt es auch Buhrufe gegen ein für Ultraschall provozierend melodiesattes Prunkstück.

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