Auktion in der Villa Grisebach : Quer durch die Welt

Vor den Herbstauktionen in der Villa Grisebach: Was Bernd Schultz für das künftige Exilmuseum versteigert.

Auf eine Frage reagiert Bernd Schultz inzwischen empfindlich: Wer von ihm wissen will, ob ihn die Trennung von seiner Sammlung schmerzt, dem droht er halb im Scherz, aber im Unterton doch leicht entnervt, inzwischen Prügel an. Denn der Mitbegründer des Berliner Auktionshauses Grisebach hat in den vergangenen Monaten oft genug klargemacht, dass er sein exquisites Konvolut von Zeichnungen für eine andere „Herzenssache“ hergibt – das geplante Berliner Exilmuseum.

Schultz’ Mitstreiter sind prominent. Zur Eröffnung der Ausstellung in der Villa Grisebach, wo die fast 400 Zeichnungen aus fünf Jahrhunderten angeschaut werden können, bevor sie Ende Oktober versteigert werden, saßen mit ihm Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller und Berlins ehemaliger Kulturstaatssekretär André Schmitz auf dem Podium. Christoph Stölzl war verhindert, aber sein Vorwort zum Buch „Deutsche Emigranten“ mit fotografischen Porträts von Stefan Moses zielt in dieselbe Richtung: Alle hier fordern ein Haus, in dem die Geschichte von Menschen anschaulich wird, die vom NS-Regime aus ihrer Heimat gedrängt wurden.

Ein Zustand „ohne Dach, ohne Pass, Besitz und Perspektive“ sei das gewesen, sagt Herta Müller. Dann entdeckt man schräg hinter ihr an der Wand die „Petite Composition“ von Otto Freundlich. Als Los Nr. 226 soll es nächste Woche 20 000 bis 30 000 Euro bringen. Ein Bild, das an einen Maler erinnert, der Berlin erst freiwillig Richtung Paris verließ, dann aber als von den Nationalsozialisten verfemter Künstler nicht zurückkehren durfte. Freundlichs Auswanderung in die USA scheiterte ebenso wie der Versuch, sich zu verstecken. Er wurde als Jude denunziert und von NS-Kollaborateuren verhaftet. Auf dem Weg ins Vernichtungslager Sobibor verliert sich 1943 seine Spur.

Das Berliner Exilmuseum soll spätestens 2023 eröffnet werden

Als Bernd Schultz das wunderbare Täfelchen erwarb, wird er kaum alle biografischen Details des Schöpfers im Kopf gehabt haben. Im Nachhinein erweist sich das kleine, um 1937 entstandene Bild jedoch als symbolstark. Zum einen finden sich in der Sammlung weitere Künstler, die es als Exilanten quer durch die Welt trieb. Zum anderen bildet Freundlichs Komposition zusammen mit den anderen Losen die Basis einer Institution, die sich Schicksalen wie seinem widmet.

Spätestens 2023 soll Berlins Exilmuseum eröffnen. Das passende Grundstück in Kreuzberg am Anhalter Bahnhof kann bebaut werden, ein architektonischer Wettbewerb für das Museum soll Anfang des nächsten Jahres starten. Finanziert ist das Projekt zwar lange noch nicht, doch die Stiftung akquiriert fleißig privates Geld. Allein die zweitägige Auktion „Abschied und Neuanfang“ bei Grisebach soll mindestens fünf Millionen Euro bringen. Helfen werden Blätter von Künstlern wie Rembrandt, Edgar Degas oder Rodin. Die zauberhafte Bleistiftzeichnung „La Persane“ (1929), die mit einem Schätzpreis von 200 000 bis 300 000 Euro aufgerufen wird, stammt von Henri Matisse. Nur das Beste, so Schultz, sei Gegenstand der Versteigerung.

Und natürlich ist es ein harter Abschied. Schließlich hat Schultz, Jahrgang 1941, mit den Arbeiten gelebt. Vieles, das nun die beiden Kataloge füllt, hing in seinem Büro in der Fasanenstraße. Die Werke reichen vom späten 15. Jahrhundert über die klassische Moderne bis zu pointierten Blättern der Gegenwart. Ein Aquarell von Leiko Ikemura ist darunter, entstanden als Reaktion der Künstlerin auf die Katastrophe von Fukushima im Jahr 2011. Ein „Hirte“ von Georg Baselitz taucht auf, zusammen mit drei Zeichnungen des 2013 verstorbenen Melancholikers Norbert Schwontkowski.

"Entartete Kunst", innere Emigration, Exil - viele Werke sind mit tragischen Schicksalen verknüpft

Ein dritter Katalog widmet sich allein den Zeichnungen von Paul Holz. Das Werk des Autodidakten schätzt Schultz seit der Lehrzeit bei seinem einstigen Mentor, dem Berliner Galeristen Hans Pels-Leusden. Auch Holz, der ab 1925 an der Kunsthochschule Breslau als Autodidakt mit Kollegen wie Hans Scharoun und Oskar Schlemmer lehrte, galt den Nazis als entartet. Der begabte Künstler zog nach Schleswig-Holstein, machte sich in der inneren Emigration möglichst unsichtbar und starb 1938. Sein Werk leidet bis heute darunter, dass es damals aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwand.

Von diesem Schicksal wurden Künstler wie Max Beckmann, Ernst Wilhelm Nay oder Hermann Max Pechstein zwar verschont. Doch auch wenn sie bald nach 1945 wieder Anerkennung erfuhren, war ihr Leben geprägt von Malverbot, Flucht und Neuanfang. Schultz, so sagt er, hat nie nach biografischen Aspekten oder der Etabliertheit der Namen geschielt. Das Maß aller Ankäufe sei stets sein eigener Geschmack gewesen. Dennoch erkennt man rasch ein über Jahrzehnte geschultes Auge und die Erfahrung, mit der er Meisterwerke für sich auswählte.

Auch dabei: Kokoschkas "Selbstbildnis", eine Kohlezeichnung von Kollwitz

So wie Oskar Kokoschkas „Selbstbildnis“ von 1920, auf dem sich der österreichische Expressionist prüfend in den Blick nimmt. Mindestens 200 000 Euro soll es bringen, ebenso viel wie die anrührende Kohlezeichnung „Abschied“ von Käthe Kollwitz, auf der ein Händepaar einen kindlichen Kopf umarmt. Die Skizze „Snobisme ou Chez Larue“ des französischen Malers Henri de Toulouse-Lautrec übertrifft beide Arbeiten um 50 000 Euro, der reitende „Cavalier“ von Edgar Degas ist auf immerhin 90 000 bis 120 000 Euro geschätzt. Freundlichs abstrakte Komposition nimmt sich dagegen bescheiden aus. Allerdings erzielte 2016 in Frankreich eine große, ähnlich taxierte Gouache am Ende 135 000 Euro.

Grisebach, Fasanenstr. 25 & 27; bis 24. 10., Sa–Di 10–18 Uhr, Mi 10–15 Uhr. Auktionen: 25. / 26.10.

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