Auktionshaus Spik : Haus mit Herz

Das Berliner Auktionshaus Leo Spik feiert 100-jähriges Jubiläum

Orazio Borgianni: "Selbstporträt" (1602-06), versteigert für 290.000 Euro
Orazio Borgianni: "Selbstporträt" (1602-06), versteigert für 290.000 EuroJohannes Nappes

Unergründlich schaut der junge Mann. Wie Orazio Borgianni aus dem Bild blickt, Stirn und Wange teils plastisch ausgeleuchtet, einen Finger an der weißen Farbe seiner Palette, aus der auch die feine Spitze des Kragens und ein Stück Ärmel gemalt sind, wirkt sein Brustbildnis wie eine kecke Selbstbefragung.

Auf vorsichtige 30 000 Euro hatte das Auktionshaus Leo Spik das Werk vom Anfang des 17. Jahrhunderts geschätzt, das dem Barockmaler erst 1962 zugeschrieben wurde. Der Hammer fiel dann bei 290.000 Euro – und beschert dem traditionsreichen Berliner Haus zu seinem Jubiläum eine verdiente Sensation.

Stolz und Selbstverständnis

Wenn am heutigen Samstag die letzten Versteigerungen für das laufende Jahr über die Bühne gehen, wenn die vier aufwändig gestalteten, auf 9000-13.000 Euro taxierten Pariser Transition-Kommoden aus dem 18. Jahrhundert zum Aufruf kommen, die bei den Möbeln zu den Highlights zählen, darf man am Kurfürstendamm noch einmal Revue passieren lassen. 100 Jahre Auktionsgeschäft und knapp 1500 Lose allein in dieser Jubiläumsveranstaltung: Beides gibt Anlass zum Stolz, hat aber auch mit dem Selbstverständnis von Leo Spik zu tun, der das Unternehmen gründete.

Schon zu West-Berliner Zeiten galt Spiks Auktionshaus als eines, das Bilder wie Objekte maßvoll taxiert. Viele der Schätze stammten aus den großbürgerlichen Wohnungen und Grunewald-Villen, wo sich auch nach dem Zweiten Weltkrieg Interieurs bis zurück in die zwanziger Jahre erhalten hatten. Die Sammler stellten sich vor allem aus Westdeutschland ein, weil sie wussten, dass Spik oft Trouvaillen bereithält.

Viele Objekte sind unerwartet günstig

Das gilt bis heute, wo längst nicht jedes Los im Katalog mit einer Abbildung bedacht wird. Wer sich einen Überblick verschaffen will – und unweigerlich ins Staunen kommt –, der muss persönlich vorbeikommen. Hier schult man das Auge, lernt zwischen den Qualitäten zu unterscheiden. Und auch, dass der eigene Geschmack nicht immer in einem hochpreisigen Objekt münden muss. Glas, Silber, Keramik oder Schatullen aus der Zeit des Art déco sind manchmal für weniger als 100 Euro zu haben. Es sei denn, es findet sich ein zweiter unerbittlicher Bieter, der den Preis in die Höhe treibt.

Ein solcher Anlass – auf höchstem Niveau – war im Dezember 2005 die Nachlassversteigerung des Schriftstellers Hermann Sudermann, dessen Sammlung herausragender Altmeister seit 1928 in Berlin überdauert hatte. Die kleine Geburtstags-Festschrift von Spik erinnert noch einmal an jene Stunden, die von 25 Telefonbietern und so vielen Interessenten geprägt waren, dass für manche Stücke über 20 Minuten lang geboten wurde. „Eine logistische und nervliche Herausforderung“ sei das gewesen, heißt es in dem Text, und man ahnt das Gedränge in dem ebenso weitläufigen wie verschachtelten Laden nahe dem Adenauerplatz. Denn immer noch stößt das Haus im Frühjahr wie im Herbst an seine räumlichen Grenzen – selbst wenn Einlieferungen ganzer bedeutender Sammlungen oder einzelner Spitzenstücke wie den „Chrysanthemen“ (1913) von Max Beckmann selten geworden sind. 2008 wurde das Gemälde für 135.000 Euro versteigert.

Nach den Versteigerungen beginnt der Nachverkauf

Vor diesem Hintergrund glänzt der Zuschlag für Borgianni. Das andere Spitzenwerk, ein Bildnis „Heinrich des Frommen, Herzog von Sachsen“ aus der Cranachwerkstatt, stieg von 35.000 auf 68.000 Euro. Für eine wunderbare Vedute von Pietro Fabris bezahlte ein Bieter 40.000 Euro (Taxe: 15 000). Und eine mittelalterliche, sakrale Figurengruppe aus Berliner Privatbesitz erzielte mit 14.000 Euro nahezu die Schätzung, die bloße 2000 Euro darüber lag.

Solche Ergebnisse machen Mut in einer Zeit, die den internationalen Kunsthandel an Orte wie London oder New er New York konzentriert, wo die Steuern niedriger und die Bieter vielfach vermögender sind. Bei Leo Spik, wo RYork konzentriert, wo die Steuern niedriger und die Bieter vielfach vermögender sind. Bei Leo Spik, wo Ruth Beder als Nichte des Gründers lange die Geschäfte führte und nun Tochter Susanna Beder das Haus leitet, gibt man sich bescheidener. Was man sich aber weiterhin leistet, ist die ästhetische Vielfalt. Man darf hoffen, dass dies noch lange so bleibt.
Leo Spik, Kurfürstendamm 66. Nach den Auktionen beginnt der Nachverkauf.

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