Aus dem Homeoffice : In den Late-Night-Shows ist Casual Corona Wear angesagt

Seit zwei Wochen moderieren Stephen Colbert, Seth Meyers, Jimmy Kimmel & Co in den eigenen vier Wänden. Sie kommen uns ein Stück näher.

Seinen formalen Dresscode, wie auf diesem Foto von 2015, hat Stephen Colbert momentan etwas gelockert.
Seinen formalen Dresscode, wie auf diesem Foto von 2015, hat Stephen Colbert momentan etwas gelockert.Foto: picture alliance / dpa

Es hat eine Weile gebraucht, bis man sich an die Zoom-Etikette im Homeoffice gewöhnt hatte. Wie viel Privatheit sollte man in der täglichen Videokonferenz preisgeben: Wirkt die weiße Wand im Hintergrund seriöser oder lässt man die Laptop-Kamera gleich ganz aus, um nicht versehentlich öffentlich zu machen, dass man in der Unterhose mit den Kolleginnen und Kollegen konferiert?

Die amerikanischen Late–Night-Talker haben sich zwei Wochen nach dem Umzug aus den Sendestudios in die eigenen vier Wände ebenfalls an die neue Situation gewöhnt. Man lässt es locker angehen. In seiner ersten Sendung aus dem Homeoffice saß Stephen Colbert Ende März noch wie man ihn aus seiner Show im New Yorker Ed Sullivan Theatre kennt in Anzug und Krawatte vor der Kamera.

Inzwischen hat er, wie auch sein Kollege Seth Meyers, das Sakko abgelegt, den oberen Hemdkragen leger geöffnet. Trevor Noah hat das Hemd gleich gegen einen Kapuzenpullover ausgetauscht; man erkennt an seinem Bartschatten (ein richtiger Bart möchten die Fussel noch nicht werden), dass – wenn auch die Ausgangsbeschränkungen in New York vorerst nicht gelockert werden – zumindest modisch die Casual Corona Wear in die Talkshows eingezogen ist. Meyers moderierte diese Woche schon zum zweiten Mal im selben Hemd.

Die langweilige Skyline-Kulisse ist verschwunden

In den vergangenen drei Jahren hat man auch hierzulande die Stars der amerikanischen Late-Night-Talkshows öfter zurate ziehen müssen, um dem erratischen Treiben Donald Trumps irgendeinen Sinn abzuringen – oder wenigstens die komödiantischen Aspekte dieser präsidialen Seifenoper zu goutieren. Seit Colbert, Meyers, Noah, Kimmel, Fallon & Co aber von Zuhause senden, sozusagen Einblicke in ihre Privatleben gewähren, sind sie uns noch ein wenig näher gekommen.

Zu „MTV Cribs“-Zeiten führten neureiche Rapper das Publikum durch ihre geschmacklosen Luxusdomizile. Seth Meyers dagegen kauert, nach einem Zwischenstopp in der Garage, im Dachstuhl seines Hauses, ein Exemplar des Kitschklassikers „Dornenvögel“ (ein Running Gag) sorgsam ins Bild gerückt.

Die Leading Ladies im Late-Night-Segment, Ellen DeGeneres und Samantha Bee, haben sich für einen grünen Hintergrund entschieden: Ellen scheint aus einem Märchenwald zu senden, während Bee die Kamera im Garten aufgebaut hat. Eine willkommene Abwechslung zu den immergleichen Auftritten vor nächtlicher Skyline, seit Jahrzehnten Standard in Talkshows. Auch die Polit-Comedians müssen in Coronazeiten improvisieren.

Die Kinder von Jimmy Kimmel haben den Vorspann seiner Show eingesungen, manchmal läuft der Hund von Stephen Colbert durchs Bild. Es ist ansteckend. Als Colbert vor zwei Tagen Cate Blanchett interviewte, saß sie während des Facetime-Gesprächs im Pyjama vor der Kamera. Irgendwie macht das Downgrading auch Mut. Die Welt rückt zusammen. Jimmy Kimmel kann man inzwischen sogar Einrichtungstipps schicken.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!