Kultur : Aus der Hüfte

Hugh Grant über den Sex, den Müll und das Leben

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In „Mitten ins Herz“ spielen Sie einen Popstar. Die Erfüllung eines Wunschtraums?

Das Komische ist: Das Filmalbum hat es mittlerweile auf Platz 1 der DownloadCharts geschafft. Dabei habe ich überhaupt keine Ahnung von Musik.

Immerhin singen Sie im Film selbst.

Aber dafür bin ich lange gecoacht worden. Die haben mich trainiert wie einen Seehund, der im Zirkus auftritt. Und dann gibt es noch die moderne Computertechnik. Wenn man den Ton nicht trifft, drücken sie ein paar Knöpfe, und schon ist man wieder in der richtigen Tonart.

Das Tanzen war ähnlich traumatisch?

Es gibt nichts Entsetzlicheres, als morgens um sieben auf einem Filmset lostanzen zu müssen. Aber nach einem guten Schluck Whisky und ein paar Tranquilizern habe ich mich wenigstens ein bisschen wie ein Rockstar gefühlt.

Und der Hüftschwung?

Danke der Nachfrage. Meine Hüfte erholt sich langsam wieder.

Privat tanzen Sie nie?

Da muss ich schon sehr betrunken sein.

Die achtziger Jahre, in denen der Film spielt, gelten als äußerst geschmackloses Jahrzehnt. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Ich war damals ziemlich glücklich, das ist bei mir eher selten. Ich hatte eine Comedy Show am Theater, habe Werbespots fürs Radio geschrieben – und trug eine riesige Clownsfrisur, in die mit Zitronensaft dicke Strähnen eingearbeitet waren. Außerdem war ich damals mit einer Russin zusammen, die mich gezwungen hat, fürchterliche Kleidungsstücke zu kaufen. Das Schlimmste war ein Fallschirmspringer-Overall, der zwischen Schritt und Schultern zu kurz war. Ich musste immer ein wenig gebückt gehen, aber sie fand, ich sah sexy darin aus.

Worin unterscheidet sich ein Filmstar von einen Popstar?

Als Popstar braucht man ein unglaubliches Selbstbewusstsein, denn man muss auf der Bühne in engen Hosen und hochhackigen Schuhen einfach loslegen. Und: Popstars müssen, auch wenn sie älter werden, immer sexy aussehen.

Bricht „Mitten ins Herz“ eine Lanze für die Popmusik oder veralbert er sie nur?

Unser Film amüsiert sich über die Popmusik und zeigt gleichzeitig, dass gute Popmusik ihren Wert hat. Mein Regisseur Marc Lawrence dreht Popfilme wie „Miss Undercover“ oder „Ein Chef zum Verlieben“; Kritiker behandeln so was oft hochnäsig und herablassend. Aber gerade solche Filme, die vielen Menschen großes Vergnügen bereiten, sind besonders schwer zu machen. Wenn „Mitten ins Herz“ irgendeine ernste Botschaft haben sollte, dann die Verteidigung der Popkultur gegen die Snobs.

Das spielen Sie recht selbstironisch.

Ich fand es charmant, jemanden zu spielen, dessen beste Jahre vorbei sind. Ich sehe meinem eigenen Ehemaligen-Status übrigens mit Freude entgegen: Er wird allen Druck von mir nehmen.

Im Film geht es auch um die Kompromisse, die einem das Musikgeschäft abverlangt. Wie lief das für Sie in der Filmindustrie?

Vor „Vier Hochzeiten und ein Todesfall" war mein Leben ein einziger glücklicher Kompromiss. Ich habe den letzten Müll gedreht, Hauptsache, das Geld stimmte. Inzwischen weiß ich: Jeder Kompromiss, den man nur wegen des Geldes eingeht, schlägt auf einen selber zurück.

Wie groß ist Ihr Einfluss auf die Gestaltung eines Filmprojektes?

Mir ist es wichtig, eine gewisse Qualität zu wahren. Da bin ich vollkommen paranoid. Schlimmer als Barbra Streisand. Ich mische mich überall ein. Ich mache mir Sorgen um das Skript, bin am Casting beteiligt, am Schnitt, auch am Marketing. Den deutschen Titel des Films (Originaltitel: „Music and Lyrics“, d. Red.) finde ich übrigens nicht sehr gelungen. Sie sehen schon: Nichts entkommt dem Auge meines Egos.

Und dann wird auch noch Ihre Stimme fürs deutsche Kino synchronisiert.

Das ist sehr schmerzhaft. In einem Barbra-Streisand-Anfall habe ich schon mal versucht, die Übersetzungen zu überprüfen, aber das macht einen wahnsinnig. Bevor das Studio das Skript nach Deutschland schickt, werden die Pointen rot angestrichen und genau erklärt. Diesmal aber war ein Kalifornier mit null Sinn für Humor am Werk und hat jeden Witz vollkommen falsch erklärt: Es ist das grausigste Dokument, das ich je gelesen habe.

Das Gespräch führte Martin Schwickert.

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