Ausstellung auf der Marienburg : Aus Liebe gebaut

Eine Ausstellung auf der Marienburg erinnert an den letzten König von Hannover, der seiner Frau diese Burg schenkte

Georg V. schenkte seiner Frau Marie zum 40. Geburtstag einen Berg, auf der sie sich die Marienburg in zehn Jahren bauen lassen durfte.
Georg V. schenkte seiner Frau Marie zum 40. Geburtstag einen Berg, auf der sie sich die Marienburg in zehn Jahren bauen lassen...Foto: Stefan Knaak,EAC GmbH

Durch Rapsfelder, Weiden und Äcker fährt man südlich von Hannover in einen Wald und steht plötzlich vor einem Traumschloss: Runde Ecktürme, zinnenbewehrte Mauern, ein mächtiger viereckiger Bergfried. Es handelt sich um Schloss Marienburg, einst Sommerresidenz der Welfen, und ist der gebaute Traum von Königin Marie. Neogotik pur, völlig aus der Zeit gefallen und doch faszinierend. Dass die ARD hier gerne Märchenfilme dreht, ist kein Wunder. Einst schenkte Georg V. (1819-1878) seiner geliebten Königin Marie (1818-1907) – die beiden hatten wirklich aus Liebe und nicht aus strategischer Vernunft geheiratet – den Marienberg am Leineufer als Bauplatz für eine Sommerresidenz. Was für ein Luxus: Marie durfte sich aussuchen, wie ihr Schloss künftig aussehen sollte. Zu den Vorbildern zählten Schloss Stolzenfels am Rhein und Schloss Babelsberg. Auch der Wald um das Schloss wurde extra als Märchenwald rund um den Marienberg, wie er nun hieß, angelegt. Man baute sogar extra einen Bahnhof, um das Baumaterial zum Burgberg zu befördern.

Doch wer waren diese beiden, die sich mit diesem romantischen Schloss gegen die Zeitströmungen stemmten, gegen Liberalismus und die einsetzende industrielle Revolution? In der Jubiläumsausstellung "200 Jahre Marie und Georg von Hannover. Mal amüsant, mal tragisch - königliche Geschichten" zum 200. Geburtstag des letzten Königs von Hannover – eröffnet wurde sie bereits im vergangenen Jahr zum 200. Geburtstag der Königin – wird das Leben des verliebten Paares nachgezeichnet. Sie sollte man sich – nur mit Führung – zuerst anschauen, bis man sich einer weiteren Führung durch das Schloss sowie auf den Turm anschließt.

Der verliebte König Georg V. von Hannover schenkte seiner Frau zum Geburtstag eine Burg nach ihren Wünschen.
Der verliebte König Georg V. von Hannover schenkte seiner Frau zum Geburtstag eine Burg nach ihren Wünschen.Foto: Stefan Knaak, EAC GmbH

Prinz Georg, 1819 in Berlin „Unter den Linden“ geboren, war eine tragische Figur. In Berlin fühlte er sich nicht wohl, dann erblindete er im Alter von zehn Jahren zunächst auf dem rechten Auge und drei Jahre später durch einen tragischen Unfall auch auf dem linken Auge. Fortan konnte er nur noch hell und dunkel unterscheiden. „Ich lebe noch und bin doch schon begraben. Blind oder tot ist ziemlich einerlei“, schrieb der verzweifelte Erbprinz. Alle medizinischen Anstrengungen, das Auge zu retten, blieben erfolglos. 1837 endete die Personalunion mit Großbritannien und Vater Ernst August wurde König von Hannover. In zähen Verhandlungen erreichte er es, dass die Verfassung von Hannover derart geändert wurde, dass auch ein Blinder König werden konnte. Fortschrittlich waren die Welfen aber keineswegs, das Zurückdrängen der Liberalen war ihre vornehmste politische Aufgabe.

Bei einem Urlaub auf Norderney lernt Georg 1839 Prinzessin Marie von Sachsen-Altenburg kennen, beide finden über ihre gemeinsamen Interessen Religion und Musik zueinander und 1842 hält Georg ohne das Wissen seines Vaters um die Hand der Prinzessin an. Aber so einfach war es auch nicht, denn die Hannoveraner mussten die Heiratserlaubnis von der britischen Königin einholen. Ein prächtig geschmücktes Schreiben von Queen Victoria, groß wie ein Handtuch, erlaubt 1843 dem Paar die Hochzeit.

Der englische Gesandte wachte vor dem Geburtszimmer

Als 1845 endlich der Erbprinz Ernst August geboren wird und damit die Dynastie gesichert war, wachte vor der Tür des Geburtszimmers der englische Gesandte, um die Rechtmäßigkeit der Geburt zu bezeugen. Dass die Prinzessin ihre Kinder selbst stillte, erzürnte den königlichen Schwiegervater, sodass er sie von der gemeinsamen Tafel verbannte. Das Prinzenpaar macht weiterhin Urlaub auf Norderney, umgibt sich mit Musikern und Künstlern wie etwa der Pianistin Clara Schumann .

1851 werden Georg und seine Frau tief religiös, sie erfüllt sich 1860 einen großen Traum und stiftet ein Diakonissenhaus, das sich der Schwesternausbildung widmet. 1858 malt Friedrich Kaulbach ein großformatiges Bild einer glücklichen Familie. Denn der König, so erzählt es die Führerin, habe gerne mit seinen Kindern gespielt – und sie auch wie Kinder behandelt. Gleichwohl deuten die ausgestellten Kinderuniformen darauf hin, dass auch am Ernst des Lebens gefeilt wurde. Der König komponierte auch mehr als 200 Musikstücke, die immer noch aufgeführt werden.

Die Bibliothek der Königin ist zweifellos der schönste Raum im Schloss.
Die Bibliothek der Königin ist zweifellos der schönste Raum im Schloss.Foto: Patrice Kunte

Höhepunkt der Ausstellung ist die großartig geschmückte Schenkungsurkunde Georgs an Marie über den Burgberg, auf dem sie nun ihr Märchenschloss errichten lassen konnte. Die Bauphase verlief von 1858 an etwas turbulent, am Ende musste man kürzer treten, billiger bauen und auch ganze Teile des Innenausbaus wieder herausreißen. Für Puristen mag es kein schlüssiges Konzept darstellen, aber der heutige Besucher lässt sich gerne von diesem Märchenschloss verzaubern.

Schon die Eingangshalle überrascht mit Kandelabern, der 14 Meter hohen bemalten Sternendecke und dem wie ein Teppich gestalteten Fußboden aus Mettlacher Kacheln von Villeroy & Boch. Der große Rittersaal im ersten Stock weist an drei Seiten weiße kahle Wände auf, allein die Wand an der Eingangstür ist mit Stofftapeten verkleidet. Dafür lassen sich die drei großen Erkerfenster per Handkurbel absenken, um einen großartigen Blick über die Terrasse auf das Leinetal freizugeben. Im Speisesaal, der hinter Glas geschützt ist, ist für sechzehn Personen gedeckt, an den beiden Gobelins wurde zehn Jahre lang gearbeitet, genauso lange, wie am Schloss gebaut wurde.

Seitlich folgen die Räume der Königin, ihr Salon mit einer prächtigen Decke aus Eiche, Ahorn und amerikanischem Nussbaum. Das Königspaar legte Wert auf höchste Handwerkskunst. Und wo modern gebaut, aber auch gespart werden musste, wurden die Gusseisensäulen eben in Holzoptik gemalt. Man merkt es erst, wenn man sie berührt.

Prinzessinnengang auf Schloss Marienburg
Prinzessinnengang auf Schloss MarienburgFoto: Patrice Kunte

Der schönste Raum des Schlosses ist die Bibliothek der Königin, die in einem Eckzimmer unter einem Regenschirmgewölbe untergebracht ist, das sich aus der Mitte des Raumes erhebt. Zwischen den Fenstern stehen die Bücher in kostbaren Holzschränken. Im Boudoir der Königin ist der Kalender stehen geblieben. Er zeigt den 23. März 1867. An diesem Tag verließ sie aus Protest für immer das Schloss, denn Georg V. hatte sich 1866 den Österreichern gegen Preußen angeschlossen und den Krieg verloren. Er ging ins Exil nach Wien, während Marie und ihre Kinder zunächst auf der Marienburg als „Akt des Widerstands“ blieben, denn die Burg war Privateigentum der Familie und konnte daher von Preußen nicht beschlagnahmt werden.

80-jähriger Dornröschenschlaf

Als aber die Preußen 1867 der Königin einen preußischen Hofstaat aufdrücken wollten, verließ sie Hals über Kopf das Schloss, denn sie wollte nicht mit dem Feind unter ihrem Dach an einem Tisch sitzen. Daraufhin verfiel das Schloss in einen 80-jährigen Dornröschenschlaf.

Seit 2005 versucht der junge Erbprinz Ernst August, Urururenkel Georgs V., das Schloss mit Führungen, zum Teil im Kostüm, für Erwachsene und speziell für Kinder, mit Open-Air-Veranstaltungen im malerischen Schlosshof zu neuem Leben zu erwecken. In den letzten Monaten ist das Schloss in die Schlagzeilen geraten, weil der Erbprinz es an das Land Niedersachsen verkaufen wollte, davon jedoch nach einer öffentlich geführten Auseinandersetzung mit seinem Vater Abstand genommen hat. Für den Besucher haben diese Querelen keine Bedeutung. Im ehemaligen Pferdestall befindet sich das Schloss Restaurant. Und wer es dem königlichen Liebespaar nachtun will, kann hier stilecht heiraten.

Weitere Informationen: www.schloss-marienburg.de

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!