Ausstellung der Kaiserringträgerin : Parolen gegen den Turbokapitalismus

Immer weiter, nie genug: Goslar feiert die amerikanische Konzeptkünstlerin Barbara Kruger.

"Gib’ Acht auf den Moment, wenn Stolz sich in Verachtung wandelt" von Barbara Kruger (1990).
"Gib’ Acht auf den Moment, wenn Stolz sich in Verachtung wandelt" von Barbara Kruger (1990).Foto: Fred Dott/Courtesy of the artist and Sprüth Magers

Sie hat es immer gewusst. Für Barbara Kruger ist Kunst kein Ausdruck innerer Zustände, sondern die Auseinandersetzung mit Zumutungen, die von außen auf einen eindonnern. Und Sprache war für sie nie ein Mittel zur Poesie. Sondern Munition für einen permanenten Kampf. Was den Kunstbetrieb in jüngerer Zeit mehr und mehr dominiert, die Frage nach einer politischen Haltung, war in den siebziger Jahren überhaupt erst Krugers Antrieb, Kunst zu machen.

Deshalb installierte die aktuelle Kaiserring-Preisträgerin in der idyllischen Altstadt von Goslar auch anstelle eines hübschen Bildes ein Transparent mit großen Lettern: „Wer wird die Geschichte der Tränen aufschreiben?“ Ein Zitat des französischen Philosophen Roland Barthes.

Nachdenken mit Barthes

Es ist das erste Mal seit 1975, dass die Kunst das Mönchehaus in Goslar verlässt. Wer immer die etablierte Auszeichnung bislang erhielt – ob Wolfgang Tillmans, Isa Genzken, Joseph Beuys oder Gerhard Richter –, beschränkte sich für die mit dem Preis verbundene Ausstellung auf das Museum. Und jetzt dies: eine störende Frage im öffentlichen Raum.

Zur Pressekonferenz hatte Kruger schon zuvor ein anderes Transparent mitgebracht. „Never enough“ stand darauf, niemals genug. Eine prophetische Kritik am Appetit der Stadt auf namhafte Künstler – schließlich lobte der Bürgermeister den Preis an diesem Tag als Standortfaktor – und wohl auch am Verhalten der Künstlerin selbst, die sich von New York aus per Flugzeug aufgemacht hatte, um den Kaiserring in Empfang zu nehmen.

Starke Stimme gegen geistige Enge

Kruger spart sich selbst nicht aus. Das macht die Mittsiebzigerin noch etwas glaubwürdiger, als es ihr umfangreiches Werk ohnehin ist. Seit Langem steht es für eine starke Stimme gegen Gewalt, Unterdrückung, geistige Enge und kapitalistische Entgrenzung.

Wenn im Mönchehaus Arbeiten wie „Meine Leute sind besser als Ihre Leute“ hängen, dann macht die Künstlerin klar, dass sie sich aktuell über gesellschaftliche Entwicklungen in ihrem Land ebenso aufregt wie vor Jahrzehnten über den real existierenden Sexismus. Als Donald Trump zur Wahl stand, erschien das „New York Magazine“ mit einer Arbeit von ihr auf dem Titel. „Loser“ prangte dort in einer der für Kruger charakteristischen Schrifttype – mehr brauchte es nicht, um 2016 eine heftige Diskussion auszulösen.

Auch die Ausstellung selbst ist weniger Vergnügen denn ein Parcours durch im Wortsinn plakative Aufforderungen zur Reflexion. Kruger gestaltete unter anderem Frauenmagazine, bevor sie ihren festen Job gegen die freie Kunst tauschte. Die Herkunft aus einer Branche des Ansprechenden, schnell Erfassbaren ist bis heute sichtbar. In allen Räumen hängen Schriftbilder, sie konfrontieren mit Fragen wie: „Is there life without pain?“ oder: „Wenn du so erfolgreich bist, warum fühlst du dich dann wie ein Schwindler?“

Ich shoppe, also bin ich

Tut das Leben immer weh? Es sind die simplen Botschaften, die hängen bleiben, weil sie allmählich ins Bewusstsein sickern und dort nachklingen. Anderes wie die Papiertüte mit der Aufschrift „I shop therefore I am“, die Kruger 1987 bekannt machte, wirkt wie ein kleines Manifest. Flankiert werden Krugers Statements von sparsamen Bildern. So wählte sie für ihre Serie „Untitled (Project for Dazed and Confused)“ Porträts aus Zeitungen und kombinierte sie mit Botschaften in weißer Schrift auf rotem Grund.

Wie Spiegel werfen ihre Bilder auf den Betrachter zurück, was die Künstlerin an sozialen Phänomenen beobachtet. So kommt er in der Ausstellung kaum um die von Kruger beabsichtigte Selbstbetrachtung herum – auch wenn es ihm nicht gefällt. Alternativ wartet im oberen Teil des Museums die Schau „Signs of Life“ von Andreas Greiner. Der 1979 geborene Künstler wurde 2019 mit dem Kaiserring-Stipendium ausgezeichnet, das sich mit einem Aufenthalt vor Ort verknüpft. Nun gibt er Einblick in seine Arbeiten aus jüngerer Zeit – und in das, was zuvor in seinem Berliner Atelier entstand.

Ein Baum als Plastik

Greiner pflanzte einen Baum im Skulpturenpark vor dem Mönchehaus. Als „Living Sculpture“, die bleibt und sich verändert, nachdem er selbst längst wieder abgereist ist. Die übrigen Werke im Museum speisen sich aus dem PC. Mithilfe künstlicher Intelligenz entstanden Bilder von idealtypischen Wäldern; errechnete statt gewachsener Natur.

Eine Idee, die wohl nicht zuletzt aus Greiners Aufenthalt in Goslar resultiert, der mittelalterlichen Handelsstadt im Harz mit ihrem Grün und den zahllosen Wanderstrecken. Romantik ist dennoch nicht in sein Werk eingezogen. Vielmehr untersucht Greiner, der sein Studium an Olafur Eliassons Institut für Raumexperimente absolvierte, die Beziehungen zwischen Mensch und Natur. Auch die einseitigen der Ausbeutung.

So sperren sich beide Ausstellungen gegen den schnellen Konsum komplexer künstlerischen Aussagen. In Goslar mutet man dem Publikum einiges zu. Das mag nicht zuletzt am Anspruch des Preises liegen, der zwar finanziell nicht dotiert ist, dafür aber viel Ansehen bringt. Allerdings zeigt ein Blick zurück auf Träger wie Henry Moore, Victor Vasarely oder Mario Merz, dass in seiner Vergangenheit durchaus auch „l’art pour l’art“ gewürdigt wurde: die Auseinandersetzung mit kunstimmanenten Themen.

Rauswurf aus dem Guggenheim

Inzwischen macht es sich die Jury richtig schwer. Barbara Kruger hat sie für ihre Beharrlichkeit ausgezeichnet, mit der sie „die latente Gewalt der Konsumgütermärkte sichtbar (macht), die Weltanschauungen, Geschlechterrollen und Verhaltensmuster der Menschen nach ihren Maßstäben formen“. Und während Krugers Appelle noch die Wände im Mönchehaus bedecken, wurde mit Hans Haacke gerade der nächste Preisträger bekannt. Er bekommt den Kaiserring in diesem Jahr überreicht, eine Ausstellung mit seinen Arbeiten schließt kommenden September an. Und auch sie wird kein Spaziergang sein.

Sein Werk mache „die verhängnisvollen ideologischen Verschränkungen von Nationalität, Klasse, Ethnie auf verstörende Weise sichtbar“, heißt es in der Begründung. Haacke, Jahrgang 1936, flog damit in der Vergangenheit etwa aus dem Guggenheim-Museum, das seine Recherchen zu Immobiliengeschäften nicht zeigen wollte und die Ausstellung kurz vor der Eröffnung absagte: An den Spekulationen waren Trustees des Museums beteiligt.

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Auch um seine Einladung in den Deutschen Pavillon der Biennale von Venedig 1993 wurde gestritten, weil der Künstler das faschistische Erbe der Veranstaltung freilegte. Für Haacke aber gehörte das Politische schon immer zum Instrumentarium seiner Konzeptkunst.
[Mönchehaus Museum Goslar, beide Ausstellungen bis 26. Januar. Der Kaiserring 2020 an Hans Haacke wird am 26. September verliehen.]

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