Ausstellung des US-Künstlers Alex Katz : Kühle Anziehung

Der 90-jährige Maler Alex Katz feiert seit jeher die Oberfläche. Die Hamburger Galerie Schimming zeigt Grafik des Klassikers.

Es passt, dass auf der anderen Seite vom Klosterwall, hinter der Wand, an der die vier „Shopping Crowd“-Bilder hängen, die Mönckebergstraße beginnt: Hamburgs Einkaufsmeile. Die abgebildeten jungen Damen, zu Vierer- und Fünfergruppen vereint, blicken mit ihren langen Haaren und den dicken Mänteln eher gelangweilt, ja blasiert drein. Sollte das Vergnügen, sich dem Konsum hinzugeben, ein unbefriedigendes sein?

Von solchen Überlegungen ist der Künstler Alex Katz weit entfernt. Er malt die Menschen, wie sie ihm in New York auf der Straße oder in Maine am Strand begegnen. Mit einer Direktheit, die umwerfend ist. Hinter der Oberfläche verbirgt sich rein gar nichts. So oder ähnlich sind die Protagonisten auch in jeder anderen westlichen Großstadt anzutreffen, zumal in Hamburg: kleine Pulks von Frauen auf dem Sprung zur nächsten Boutique, Badende mit makellosen Körpern.

Katz schenkt ihrer reinen Erscheinung seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Die Summe des ersten flüchtigen Eindrucks zu gestalten, darin ist er ein Meister. Zu Recht gilt der 90-Jährige als einer der ganz Großen der gegenständlichen Malerei. Seit über 50 Jahren schafft er Porträts, Halbfiguren und Landschaften, die in ihrer Flächigkeit wie eine Essenz erscheinen, hoch artifizielle Balanceakte zwischen Freiraum und Farbe.

In der Hamburger Barlach Halle K sind allerdings vornehmlich Schwarz-Weiß- Werke zu sehen, Grafik der letzten Jahre. An ihrem Hauptsitz in Eppendorf zeigt die Galerie Schimming Gemälde, farbige Arbeiten. Einige davon sind auch in ihre temporäre Dependance am Klosterwall gelangt, um den Ursprung der grafischen Motive zu erklären und womöglich die gewisse Industrie-Tristesse der angemieteten Ausstellungshalle zu vertreiben. Schimming gastiert hier am Klosterwall bereits zum dritten Mal. Die Halle hat ihren Namen von Hans Barlach, dem Enkel und Nachlassverwalter des Bildhauers. In den letzten Jahren vor seinem Tod 2015 hatte der Medienunternehmer vor allem durch juristische Auseinandersetzungen mit Ulla Berkéwicz-Unseld um den Suhrkamp-Verlag von sich reden gemacht.

Dass er sich selbst in den 80ern als Galerist betätigt hatte und Räume im Galeriehaus neben dem Hauptbahnhof besaß, ist außerhalb Hamburgs weniger bekannt. Jahrelang waren sie an das Kunsthaus vermietet, das sich 2014 zurückzog. Die Witwe und beiden Söhne Barlachs haben nun die Regie übernommen mit sehr heterogenem Programm, je nachdem wer gerade die Räume anmietet. Im Laufe des Jahres soll hier unter anderem der als Fälscher zu ungutem Ruhm gelangte Maler Wolfgang Beltracchi ausstellen. Und doch vervollständigt sich durch die Wiedereröffnung der Halle K die Perlenkette mit Ausstellungshäusern entlang der Wälle – angefangen mit der Kunsthalle direkt an der Alster über Galeriehaus, Kunstverein und schließlich Deichtorhallen.

Die Ausstellung „Black & White“ stellt an dieser Adresse für 2018 einen Höhepunkt dar. Vor über 20 Jahren war der US-Künstler schon einmal in Hamburg mit einer Auswahl an Bildern zu sehen, in den Deichtorhallen in der Ausstellung „Birth of the Cool“ mit amerikanischer Malerei des 20. Jahrhunderts. Für Alex Katz war es wie ein Revival, obwohl er eigentlich nie verschwunden war und immer und immer wieder seine Frau Ada porträtiert hatte. Vor drei Jahren schenkte er der Albertina in Wien sechzig Drucke, wohl auch als Geste des Dankes gegenüber Europa, das ihm ein Comeback bescherte.

Katz’ Bilder besitzen eine erstaunliche Frische, ob sie aus der Frühzeit stammen, als er Ideen der Pop-Art vorwegnahm und Andy Warhol inspirierte, oder von heute. Seine Modelle besitzen unverändert eine ästhetische Kühle, die sie klassisch erscheinen lässt. Gerade das macht sie so anziehend. Katz’ Muse Ada ist in all den Jahren auf den Bildern nie wirklich gealtert. Mögen die glatten langen Haare und voluminösen Mäntel der Frauen in den „Shopping Crowd“-Bildern auch ein Tribut an die aktuelle Mode sein, ihre Ästhetik ist zeitlos. Ihr Wert (178 000 Euro kostet ein 274 mal 427 Zentimeter großer Siebdruck, 4er Auflage) steigt allerdings mit den Jahren.

Barlach Halle K, Klosterwall 13, Hamburg, bis 20. 2.; Di–Fr 14–19 Uhr, Sa/So 12–17 Uhr.

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