Absinth-durchtränkte Nächte: Im Bann der grünen Fee.

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Ausstellung "Esprit Montmartre" : Der Hügel und die Huren

Die Künstler zog es aus unterschiedlichen Verhältnissen ins Quartier. Utrillo etwa wuchs als unehelicher Sohn der großartigen, mit mehreren Werken vertretenen Malerin Suzanne Valadon gleich in der Armut von Montmartre auf. Andere kamen aus bürgerlichen Verhältnissen und wurden wie Picasso anfangs von der Familie unterstützt. Zu den günstigen Konditionen im ansonsten unsagbar teuren Paris gesellte sich das Unkonventionelle: Wer sich nicht nach der steifen Mode der Jahrhundertwende kleiden wollte, konnte dies im Dunstkreis des Bateau-Lavoir tun. „Picasso erinnerte in seiner blauen Leinenjacke an einen Klempner. Max Jacob fiel auf durch einen mit roter Litze besetzten Umhang, den er sich aus der Bretagne mitgebracht hatte“, heißt es in einer Erinnerung. Es gab auch Gegenentwürfe: Erik Satie etwa, der ebenfalls in ärmlichen Verhältnissen in Montmartre lebte und im Chat Noir Klavier spielte. Ein großes Gemälde von Ramon Casass zeigt ihn 1891 mit schwarzer Jacke, Monokel und Zylinder. Der Komponist kultivierte die bürgerliche Montur. Selbst wenn seine Kleidung geflickt war.

Von Moulin Rouge bis Chat Noir

All das erfährt man aus den Bildern und dank der Informationen zu jedem Kapitel. Während auf August Chabauds Straßenbildern anfangs Reklame die Nacht farbig erleuchtet, zeigt er 1907 auf einer Skizze die „Hommes-sandwichs“: Männer ohne Arbeit, die als lebende Plakate durch die Straßen ziehen. Kees van Dongen zeichnet um 1902 eine Frau, die mit ihren langen Röcken auf dem Pflaster gelandet ist – im Gespräch mit einem Schädel. Ein Albtraum, genährt aus jenem Stoff, der im Moulin Rouge wie im Chat Noir in Strömen floss. Und realistisch. Denn die „grüne Fee“, der billige Absinth mit seinem hohen Alkoholanteil, ließ seine Konsumenten schnell abhängig werden. Zumal er das Hungergefühl betäubte und dafür sorgte, dass ein Künstler wie Maurice Utrillo erst mit Modigliani um die Wette trank. Und danach seine Gemälde, von denen „La Maison Rose, rue de l’Abreuvoir à Paris“ (um 1912) zu sehen ist, für nahezu umsonst weggab.

Théophile Steinlen Le 14 juillet, 1895 Öl auf Leinwand, 38 x 46 cm.
Théophile Steinlen Le 14 juillet, 1895 Öl auf Leinwand, 38 x 46 cm.Foto: © Association des amis du Petit Palais Genève

So kreuzen sich private Schicksale mit dem Nutzen, den andere aus der Bedürftigkeit der Montmartre-Bewohner zogen. Es war ein Geben und Nehmen, ein Netzwerk, zu dem sich bald erste Kunsthändler gesellten: Trödler wie knallharte Galeristen – oder jemand wie Berthe Weill, eine echte Liebhaberin mit großem Gespür und geringen finanziellen Erfolgen. Ihnen gilt das letzte Kapitel der Ausstellung, bevor die Künstlerbagage nach 1918 den Montparnasse erobertet. Doch die Intensität der Motive von Montmartre, ihr Charme und die Härte der Sujets lassen einen nicht so schnell wieder los.

„Esprit Montmartre“, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Römerberg, bis 1. Juni, Di und Fr-So 10-19 Uhr, Mi und Do 10-22 Uhr

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