• Ausstellung im Großfürstlichen Schloss: Vilnius feiert die gemeinsame Geschichte von Litauen und Sachsen

Ausstellung im Großfürstlichen Schloss : Vilnius feiert die gemeinsame Geschichte von Litauen und Sachsen

70 Jahre lang waren Sachsens Kurfürsten zugleich Könige Polens – und Großherzöge Litauens. Jetzt präsentieren die Kunstsammlungen Dresden in Vilnius Zeugnisse dieser Vergangenheit.

Als wär’s nie weg gewesen. Eingangsseite des rekonstruierten Großherzoglichen Palasts in Vilnius mit Renaissanceportal.
Als wär’s nie weg gewesen. Eingangsseite des rekonstruierten Großherzoglichen Palasts in Vilnius mit Renaissanceportal.Foto: B. Schulz

Die Trompeten und die Kesselpauken, aus denen die Fanfaren zur Krönung des polnischen Königs in Krakau erklangen – sie stammten aus Sachsen. Der sächsische Kurfürst war nunmehr zugleich polnischer König; zunächst 1697 Friedrich August II., der als König den Namen August II. führte und „der Starke“ genannt wird, und nach ihm sein Sohn, König August III., im Jahr 1734. Zugleich mit der polnischen Königswürde erlangten sie die eines litauischen Großherzogs. Nach Vilnius, in die angestammte Hauptstadt Litauens, kamen sie jedoch nie.

Das dortige Großherzogliche Schloss lag zur Zeit ihrer Regentschaft, 1697- 1733 respektive 1733-1763, bereits in Trümmern, und nach 1799 wurde es gänzlich abgebrochen. Aber es war nie vergessen. In der Endzeit der Sowjetunion – die sich Litauen in den vierziger Jahren gewaltsam einverleibt hatte – gab es erste Ausgrabungen, als Vorarbeit des Wiederaufbaus, den die wieder souveräne Republik Litauen ab 2002 betrieb.

Litauen erwartet den Schutz seiner Souveränität von der EU

Elf Jahre später konnte der erste Teil als „Nationalmuseum – Palast der Großfürsten von Litauen“ eröffnet werden, passgenau zur EU-Ratspräsidentschaft des Landes. Deren zeremonielle Ereignisse fanden im Schloss statt. Staaten wie Litauen sind, anders als deutsche Super-Europäer es erträumen, nicht in die EU gegangen, um ihre Souveränität an Brüsseler Behörden abzutreten, sondern im Gegenteil, um sie durch den europäischen Rahmen geschützt zu wissen. Nun wurde zum Nationalfeiertag am 6. Juli der letzte, noch fehlende Bauabschnitt eingeweiht, und so steht das Schloss, auf der Grundform eines vierseitigen Kastells errichtet, in voller Größe und womöglich nie gesehener Schönheit da.

Ebendort sind bis Mitte Oktober die Trompeten und Pauken zu bewundern, dazu Kronfahne und Kronschwert sowohl Polens als auch Litauens – Beleg dafür, dass beide, ungeachtet ihrer Union des Jahres 1569, unterscheidbare Staaten blieben – und gleichfalls in Sachsen zum hohen Anlass neu geschaffen. Die Ausstellung „Kurfürsten von Sachsen – Großfürsten von Litauen“, die die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden jetzt im „Nationalmuseum – Palast der Großfürsten von Litauen“ zeigen und zu deren Eröffnung auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters sprach, führt an rund 150 Objekten überwiegend aus dem Grünen Gewölbe, der Schatzkammer des Dresdner Residenzschlosses, den Reichtum Sachsens wie auch dessen enge Beziehung zu Litauen vor. Was die Bürger Litauens, das in diesem Jahr seiner 1918 wiedererlangten Unabhängigkeit gedenkt, im neu-alten Schloss besichtigen können, ist auch ein Teil ihrer eigenen Geschichte. Als deren Beglaubigung wird die Dresdner Ausstellung gefeiert.

Das Schloss als Beleg einer langen Geschichte

Das Schloss zu Vilnius, das nun in seinem vermuteten und durch historische Dokumente näherungsweise belegten Aussehen um 1610 dasteht, versinnbildlicht die Staatlichkeit Litauens. Ohne Schloss kein eigenständiges Litauen: Ob dies die Maxime derjenigen Herrscher anderer Länder war, unter denen es zerstört wurde und zerstört blieb, mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls dem heutigen Litauen dient das Schloss als Beleg, als eigenständiger Staat auf eine lange Geschichte zurückblicken zu können. Darum ist das „neue“ Schloss wie auf einer Betonbrücke über den Ausgrabungen im Untergeschoss errichtet, den historischen Fundamenten des authentischen Schlosses. Ansonsten ist die Geschichte des Landes einigermaßen verwickelt. Das betrifft vor allem den südwestlichen Nachbarn Polen, mit dem es eine lange Zeit der Zusammengehörigkeit verbindet, und über diese auch mit Sachsen.

Was die beiden Könige-Großherzöge aus dem Haus Wettin an Kunstobjekten und, besonders leidenschaftlich, an Preziosen zusammentrugen, haben sie Dresden hinterlassen, wo dieser Reichtum im zwar nie ganz verschwundenen, aber doch zu großen Teilen gleichfalls neu geschaffenen Residenzschloss zu bewundern ist. Damit kann Vilnius nicht konkurrieren. Es gibt schlicht die originalen Objekte nicht mehr, mit denen des Großherzogliche Schloss geschmückt war, bevor die „Moskowiter“ – wie man hier seit Jahrhunderten zu sagen pflegt – 1655 mit der Besetzung der Stadt und der Plünderung des Schlosses den Niedergang besiegelten. Umso bewundernswerter, dass für das Nationalmuseum Stück für Stück analoge Objekte erworben werden, die die Ausstattungsmode zur Zeit der Spätrenaissance und des Frühbarock spiegeln, und glücklich sind die Kuratoren besonders, wenn sie ein Stück mit Insignien wie dem „Litauischen Reiter“ ergattern.

Die polnisch-litauische Union von 1569 wird als Irrweg angesehen

Darin steckt ein Stück retrospektiver Legitimation für das heutige Litauen. Der gesamteuropäische Stammbaum, der im Untergeschoss des Schlosses eine ganze Wand einnimmt, zeigt die Verwobenheit der Herrscherhäuser, die alle miteinander verwandt waren und sich in wechselnden Residenzen ebenso einrichteten wie in wechselnden Bündnissen. Unter ihnen wird die polnisch-litauische Union von 1569 eher als Irrweg angesehen, koppelte sie doch Litauen so eng ans größere Polen, dass es am Ende dessen Schicksal, nämlich die drei polnischen Teilungen, miterleiden musste und so dem übermächtigen Russischen Imperium zufiel. Mit den bekannten Folgen bis 1991.

Im Reigen der Dynastien sind eben auch die sieben Jahrzehnte sächsischer Dominanz nur ein Akt im historischen Schauspiel, freilich, wie die Dresdner Ausstellung zeigt, ein künstlerisch besonders glanzvoller. Was sächsische Kunsthandwerker schufen, war allererste Qualität im europäischen Maßstab; das haben die Dresdner Museen nun schon bei etlichen Vergleichen selbst an Orten wie Versailles dokumentiert. Als sich August der Starke vom Hofmaler Louis de Silvestre hoch zu Ross malen lässt, kopiert er das Vorbild des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV., aber er tut dies im Bewusstsein seiner dreifachen Würde als Kurfürst, König und Großherzog.

Künstlerische Überhöhung der europäischen Kriege

Die zahllosen Kriege, die die europäischen Fürsten zu höherem Ruhme führten, wurden zugleich künstlerisch überhöht wie im Zeremonialschwert des berühmten Goldschmieds Johann Melchior Dinglinger von 1722, dessen rubinbesetzten Griff naturgemäß nie eine Feldschlacht sah. August der Starke ließ zu seiner Königskrönung gleich noch eine neue Krone anfertigen, und weil er Geschmeide über alles liebte, stiftete er mit dem „Weißen Adlerorden“ die erste staatliche Auszeichnung des vereinten Polen-Litauens, über und über geschmückt mit Brillanten. Und dass ein Tafelservice mit den verbundenen Wappen von Sachsen, Polen und Litauen bemalt wurde, versteht sich – Meißner Porzellan war schließlich ein erstrangiges Exportprodukt und wurde gewissermaßen an der fürstlichen Tafel beworben.

Kulturschätze einer ferneren Vergangenheit sind selten einem heutigen Gemeinwesen zuzuordnen. Ein schönes Beispiel gleich zum Auftakt der Ausstellung ist die goldene Trinkschale, ein „Koffsch“, des russischen Zaren Iwan IV., genannt der Schreckliche, aus den 1560er Jahren. Das Gold, aus dem sie gefertigt wurde, hatten besagte Moskowiter 1563 aus Litauen mitgehen lassen. In den Werkstätten des Moskauer Kreml wurde sie gefertigt – und gehört nun zu den Dresdner Schätzen leihweise in Vilnius. „Unter welchen Umständen der Koffsch Iwans des Schrecklichen in den Besitz der sächsischen Kurfürsten gelangte, ist bislang nicht feststellbar“, lautet der Katalogeintrag des Grünen Gewölbes. Litauisch ist an der Schale allein das eine Kilo Gold, aus dem sie gearbeitet wurde.

Der Moskauer Kreml übrigens verdankt sein Aussehen nicht zuletzt italienischen Baumeistern. Auch am Großherzoglichen Schloss zu Vilnius waren Italiener beteiligt. Kulturen und ihre materiellen Zeugnisse wandern, und welcher Legitimation sie dienstbar gemacht werden, unterliegt gleichermaßen dem Wandel.

Vilnius, Nationalmuseum – Palast der Großfürsten von Litauen, bis 14. Oktober. Weitere Infos unter valdovurumai.lt.

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