Ausstellung im Kindl-Zentrum : Immer schön kool bleiben

Andreas Fiedler verlässt das Kindl-Zentrum für zeitgenössische Kunst. Zum Abschluss gibt es eine Doppelausstellung mit Natalie Czech und Friederike Feldmann.

Nicola Kuhn Dorothea Zwirner
Andreas Fiedler, Gründungsdirektor des Kindl, Zentrum für zeitgenössische Kunst in der ehemaligen Neuköllner Brauerei.
Andreas Fiedler, Gründungsdirektor des Kindl, Zentrum für zeitgenössische Kunst in der ehemaligen Neuköllner Brauerei.Foto: Foto: Mike Wolff

Seit drei Jahren gibt es das Kindl als Zentrum für zeitgenössische Kunst in der ehemaligen Neuköllner Brauerei. Seitdem hat sich der Ausstellungsort als kultureller Treffpunkt etabliert, an dem der Ausstellungsmacher Andreas Fiedler internationale Gegenwartskunst mit konzeptuellem Einschlag präsentiert. Das gilt auch für seine aktuelle Doppelausstellung mit Natalie Czech und Friederike Feldmann. Es wird wohl seine letzte als künstlerischer Leiter sein, denn der Schweizer gibt im Frühjahr 2020 seinen Posten auf, um wieder als freier Kurator zu arbeiten, wie er jetzt angekündigt hat. Eine Findungskommission sucht bereits einen Nachfolger, Ende Oktober soll ein Name genannt werden.

Für Außenstehende kommt der Abschied überraschend, denn Fiedler hatte als Gründungsdirektor zwar keinen leichten Start, aber mit seinem präzisen Programm, dem spektakulären Ort hat er sich eine Position unter den Berliner Kunsthäusern erarbeitet. Die denkmalgeschützte Brauerei, die vom Schweizer Sammlerehepaar Varnholt-Grisard erworben worden war, um sie als Ausstellungsort der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, erwies sich als widerständig.

Czech sucht in Fotografien poetisches Potenzial

Nachdem Fiedler mit einem kopfüber aufgehängten Propellerflugzeug von Roman Signer im 20 Meter hohen Kesselhaus 2014 einen furiosen Start hingelegt hatte, musste er das Haus für Umbauten wieder schließen. Seit drei Jahren läuft es rund, rund 20 Ausstellungen waren dort neben den spektakulären Einzelpräsentationen im Kesselhaus mit David Claerbout, Hague Yang, Thomas Scheibitz und aktuell Bettina Pousttchi zu sehen. Doch der 54-Jährige sucht neue Herausforderungen, der Zeitpunkt zur Übergabe an eine neue Leitung sei ideal, so Fiedler.

Neben der Akquise von Geldern gehören sorgfältig kuratierte Ausstellungen wie die jetzige Doppelschau zu den Anforderungen seines Nachfolgers. Fiedler inszeniert subtil. Die beiden Künstlerinnen erkunden auf je eigene Weise die Verbindung zwischen Bild- und Textsprache der Kunst. Während Feldmanns Malereien und Zeichnungen wie Handschriften anmuten, die sich nicht lesen lassen, kombiniert Czech in ihren Fotografien Text- und Bildelemente, um ihr poetisches Potenzial zu untersuchen. Während Feldmann Schriftbilder jenseits der Lesbarkeit entwickelt, konstruiert Czech Textbilder, die auf unterschiedlichen Bild- und Textebenen rezipiert werden wollen. Gemeinsam ist beiden ein bild- und sprachanalytischer Ansatz, der auf René Magritte und Stephane Mallarmé zurückgeht.

Das Bild einer Pfeife oder eines Apfels ist eben nur ein Abbild, wie es die Magrittesche Textzeile deutlich macht: „Ceci n’est pas une pomme“. Czech wiederum hat in die Apfelschale eine ihrer „Poets Questions“ geritzt: „Is there sorrow in magic?“ Das in das Bild hinein montierte Messer diente als Werkzeug, um an der Oberfläche der malerischen Illusion zu kratzen. Dass die Illusion nicht nur reiz-, sondern auch schmerzvoll sein kann, ist eine zutiefst menschliche Erfahrung.

Feldmanns Zurückgenommenheit trifft auf coole Bildsprache

Diese Kunst beherrscht auch Feldmann. Insbesondere mit ihren Wandmalereien, die hier an den Schrägen der Sheddächer angebracht sind. Die aufgesprühte Schattenlinie suggeriert eine Plastizität der stark vergrößerten Pinselschwünge. Als Serien variieren sie die Charakteristika kalligrafischer und künstlerischer Handschriften, die laut Feldmann in einem Zustand „gleichschwebender Aufmerksamkeit“ (Sigmund Freud) entstanden sind. Wie die Linie Bedeutung annehmen kann, macht ihr Signature-Piece „Dürer“ (2019) humorvoll sichtbar. Das von Schnörkeln umgebene Monogramm des Nürnberger Künstlers erscheint plötzlich wie sein von Locken gerahmtes Selbstporträt.

[Kindl, Am Sudhaus 3, bis 2. 2.; Mi bis So 12 – 18 Uhr]

Feldmanns Zurückgenommenheit lässt die coole Bildsprache von Czech umso mehr strahlen. Wer ihren Anagrammen, Versuchsanordnungen, Konstruktionsvorgaben nachgeht, erlebt poetische Sensationen des Alltäglichen. Das zeigt sich bei den „Cigarette ends“ (2019): Fotos von Zigarettenstummeln, die im Stile Irving Penns wie Persönlichkeiten arrangiert sind, sodass aus den Markennamen Visual Poems entstehen. „Kool Kiss“ heißt das Paar, bei dem Mister Kool mal wieder cool bleibt angesichts der anschmiegsamen Miss Kiss.

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