Ausstellung in Berlin : Der Architekt der Petersburger Börse

Thomas de Thomon schuf in Sankt Petersburg bedeutende Bauten. In Berlin werden seine Architekturzeichnungen erstmals ausgestellt.

Kommerztempel. Längsschnitt und Seitenfassade der Petersburger Börse. 
Kommerztempel. Längsschnitt und Seitenfassade der Petersburger Börse. Foto: SMB – Kunstbibliothek/Dietmar Katz

Zar Peter der Große gründete 1703 Sankt Petersburg, Katharina die Große ließ Jahrzehnte später den Winterpalast erstehen und unter Alexander I. gewann die Hauptstadt ein Jahrhundert nach ihrer Gründung ihr bis heute dominierendes, klassizistisches Aussehen. 

Insbesondere das erste Jahrfünft der Regentschaft Alexanders von 1801 bis 1805 war von regelrechter Bauwut erfüllt. Alles musste imperiale Ausmaße annehmen. Davon zeigt eine Mappe mit großformatigen, circa 65 auf 95 Zentimeter großen Blättern, auf denen der Architekt Thomas de Thomon die wichtigsten Bauten dieser kurzen Zeitspanne festgehalten hat.

Diese Mappe mit 31 gleich großen Zeichnungen wurde dem Kaiser präsentiert. Genaues weiß man nicht; noch weniger, wie sie irgendwann in westdeutschen Privatbesitz gelangte, aus dem sie die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen 1974 erwarb. 

Aus ihrem Dornröschendasein erlöst sie jetzt die Ausstellung, die das – seit Montag wieder geöffnete!Museum für Architekturzeichnung der Tchoban Foundation ausrichtet, die diesen Schatz erstmals zugänglich macht und mit einem Katalog erschließt.

Architekt des Kaisers

Jean-François Thomas, 1760 in Paris geboren, studierte an der Akademie, ohne den ersehnten, Jahr für Jahr vergebenen Rom-Preis mit mehrjährigem Stipendium zu gewinnen, der das Sprungbrett für eine erfolgreiche Karriere bedeutete. 

Thomas ging dennoch nach Rom, studierte dort weiter und verdiente seinen Lebensunterhalt mit Vedutenmalerei. Der russische Botschafter wurde auf ihn aufmerksam, und über mehrere Stationen gelangte Thomas 1799 nach Russland, wo er sich, der Einreisesperre für revolutionäre Franzosen wegen, als gebürtiger Schweizer ausgab und seinem Namen den Adelszusatz „de Thomon“ anfügte. 

Bereits 1800 wurde er in Petersburg aufgrund seiner Fähigkeiten an die Akademie berufen und 1802 zum „Architekten seiner Majestät des Kaisers“ mit gutem Jahresgehalt ernannt.

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Zwei bedeutende Bauten fügte Thomon der Stadt hinzu. Zum einen die Börse an der Ostspitze der Wassiljewski-Insel, die die Newa in ihre beiden Mündungsarme teilt – das Postkartenmotiv schlechthin. Thomon erbaute die Börse auf den Fundamenten eines halbfertigen Vorgängerbaus, den der etwas ältere, doch schon zwanzig Jahre lang in Petersburg tätige Giacomo Quarenghi entworfen hatte. 

Thomons Entwurf in seiner klassizistischen Gestalt bedeutete zugleich eine städtebauliche Lösung von Dauer. Zum anderen entwarf Thomon das Große oder Steinerne Theater, das jedoch 1810 niederbrannte und von anderer Hand verändert wiederaufgebaut wurde. Es ist in der jetzt ausgestellten Mappe nur in seinen Grundrissen überliefert. 

Der bibliophil ausgestattete Katalog zeigt im Anhang eine Fotografie des Bauwerks im Zustand nach dem Brand, das in seiner kantigen Härte den Geist der „Revolutionsarchitektur“ atmet, mit der Thomon noch im Ancien Régime aufgewachsen ist.

Zeichnungen der Bauten seiner Konkurrenten

In gleicher Sorgfalt stellt Thomon die Bauten seiner Konkurrenten dar, einmal Quarenghis und dann des weniger bekannten Luigi Rusca, der Militärbauten in Serie errichtete. Dafür eignete sich der Klassizismus als Stil in doppelter Hinsicht, weil er zum einen funktionale Grundrisse und Fassadenlösungen ermöglichte, zum anderen in seiner Regelhaftigkeit vorzüglich den imperialen Anspruch zur Geltung brachte. 

Thomons Blätter balancieren die Sorgfalt der millimetergenauen Ansichten durch die zarte Farbigkeit der hingetuschten Wolkenhimmel aus, durch die hier und da Sonnenstrahlen brechen, die den ohne Wiedergabe ihrer stadträumlichen Situation gezeigten Bauten eine heitere Note geben.

Aus der Reihe der Nutzbauten fällt die Kasaner Kathedrale heraus, die noch von Alexanders Vorgänger in Auftrag gegeben wurde. Der ging an den russischen Architekten Andrei Woronichin, der sich gegen die Phalanx der in Petersburg tätigen Westeuropäer behauptete – allerdings mit einem am römischen Petersdom orientierten Entwurf, der für die Ausführung noch abgeändert wurde.

Thomons Zeichnungen von Nordansicht, Schnitt und Grundriss geben das Bauwerk in einer Vollständigkeit wieder, die für seine eigenen Bauten leider fehlt – gut möglich, dass einzelne Blätter der Mappe irgendwann herausgelöst wurden und abhandengekommen sind. 

Es sind ganz wunderbare Blätter, die im Museum für Architekturzeichnung zu sehen sind. Dies in Kooperation mit der Kunstbibliothek, die einen nicht zuletzt unter dem Aspekt des west-östlichen Kulturtransfers bedeutenden Bestand auf diese Weise erstmals öffentlich machen kann.

Der Architekt de Thomon, der in Petersburg so rasch Karriere machte, fand ein tragisches Ende. Bei einer Inspektion des Theaterwiederaufbaus stürzte er vom Gerüst und verstarb nach längerem Leiden 1813, gerade einmal 53 Jahre alt. Der wahrlich imperiale Klassizismus jedoch, den er und seine Kollegen nach Sankt Petersburg brachten, prägt die Stadt bis heute.
[Museum für Architekturzeichnung, Christinenstr. 18 (Pfefferberg), bis 16. August. Mo–Fr 14–19, Sa/So 13–17 Uhr, Infos unter www.tchoban-foundation.de. Katalog 30 €.]

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