Ausstellung in Dresden : Heldinnen des Kunstgewerbes

Zurück ins Licht: Eine Dresdner Ausstellung erinnert an die Protagonistinnen der Deutschen Werkstätten Hellerau.

Dorothea Zwirner
Bertha Senestréy leitete von 1920 bis 128 die kunstgewerblichen Ateliers der Deutschen Werkstätten in München.
Bertha Senestréy leitete von 1920 bis 128 die kunstgewerblichen Ateliers der Deutschen Werkstätten in München.Foto: Kunstgewerbemuseum Dresden

Auch wenn Henry van de Velde Gertrud Kleinhempel und Margarete Junge für herausragende Designerinnen hielt, vertraute er doch eher der „männlichen Kraft und Kühnheit“ im modernen Kunstgewerbe. Die Vorbehalte gegen weibliche Kreativität waren um 1900 noch so weit verbreitet, dass erfolgreiche Designerinnen heute weitgehend vergessen sind. Eine Unsichtbarkeit, gegen die jetzt das Kunstgewerbemuseum Dresden antritt, das den vergessenen Protagonistinnen der Deutschen Werkstätten Hellerau eine Ausstellung widmet. 53 Gestalterinnen von Möbeln, Mode, Keramik, Gläsern, Tapeten, Textilien, Spielzeug aus drei Generationen konnten identifiziert werden, 19 davon werden mit ihren Biografien, Entwürfen und Produkten vorgestellt.

Entlang eines Zeitstrahls wird die Geschichte der Deutschen Werkstätten von 1898 bis 1938 anschaulich dargestellt, mit deren Gründung die Stadt Dresden neben München bereits zwanzig Jahre vor dem Bauhaus zu einem Zentrum der internationalen Kunstgewerbe und Reformbewegung wurde. In der Verbindung aus fortschrittlicher Technik, bester Gestaltung und Kunsthandwerk zu erschwinglichen Preisen zielte der Werkstättengründer Karl Schmidt auf eine umfassende Modernisierung und Lebensreform, die in der Gartenstadt Hellerau verwirklicht wurden.

Neben Entwurfszeichnungen, Musterbüchern und Produktfotografien ist eine breite Produktpalette von insgesamt 270 Werken zu sehen, die teilweise noch nie ausgestellt waren. Ein Toilettentisch von Gertrud Kleinhempel sowie Kleider- und Wäscheschränke, Bücher- und Vitrinenschränke aus rötlicher Pechkiefer bestechen durch ihre Schlichtheit und Funktionalität, die allen Jugendstildekor bereits hinter sich gelassen haben. Ihre strenge Linienführung und ruhige Proportion wird allein durch die natürliche Holzmaserung und die fein ziselierten Beschläge aufgelockert.

Benachteiligung und Ungleichheit der Ausbildung

Auch die Gewebebänder von Margarethe von Brauchitsch zeichnen sich durch die strenge Zweifarbigkeit ihrer geometrischen Muster aus. Das dunkelgrüne Reformkleid in Empirelinie von Clara Möller-Coburg verzichtet auf den Zwang des Korsetts und setzt nur durch einen schmalen Gürtel und Volants an Ärmel- und Rocksaum dekorative Akzente. Auch ihr stilisiertes Holzspielzeug zielt auf eine neuartige Erziehung und Lebensreform.

Es ist vor allem Karl Schmidt zu verdanken, dass von Anfang an auch weibliche Gestalterinnen beauftragt und ihre Produkte unter eigenem Namen vertrieben wurden, und zwar mit gleichem Gehalt und Verkaufsprovision wie ihre männlichen Kollegen. Das ist umso erstaunlicher, als die Ausbildung für Frauen bis 1919 nur in den „Damenabteilungen“ und Fachklassen, Frauenvereinen und privaten Kunstschulen möglich war, in denen kein Aktzeichnen und kaum technische Fächer unterrichtet wurden. Zwar boten Handarbeit und angewandte Kunst einen der wenigen Bereiche, in denen Frauen des 19. Jahrhunderts überhaupt ausgebildet wurden, jedoch leisteten die Benachteiligung und Ungleichheit der Ausbildung dem gängigen Vorurteil, das Kunstgewerbe mit Weiblichkeit und Dilettantismus identifiziert, Vorschub.

Aus diesem Teufelskreis gelang es jedoch einigen Designerinnen, auszubrechen und eine professionelle Karriere zu verwirklichen. Ausstellungs- und Wettbewerbsbeteiligungen, eigene Unternehmensgründungen und Lehraufträge, Rezensionen und Museumsankäufe belegen ihren künstlerischen Erfolg, der zur Herausbildung einer neuen Ästhetik beigetragen hat. So gehörten Margarete Junge (1874-1966) und Margarethe von Brauchitsch (1865-1957) 1907 zu den Gründungsmitgliedern des deutschen Werkbundes, während Gertrud Kleinhempel (1875-1948) und Margarete Junge als erste Designerinnen den Professorentitel erhielten.

Man hätte sich eine bessere Beleuchtung gewünscht

Vergleicht man die Designerinnen der Deutschen Werkstätten jedoch mit Zeitgenossinnen wie Lilly Reich (1885- 1947), die für die Wiener Werkstätten und jahrelang mit Mies van de Rohe gearbeitet hat oder gar Eileen Gray (1878-1976), die zu den wichtigsten internationalen Designerinnen des frühen 20. Jahrhunderts zählt, so springt bei aller Modernität eine deutsche Begrenztheit und Biederkeit ins Auge. Erst der nächsten Generation deutscher Bauhaus Künstlerinnen wie Anni Albers (1899- 1994) und Marianne Brandt (1893- 1983) ist es gelungen, sich auch international mit ihren Design-Klassikern Geltung zu verschaffen. Wie bei jedem Vergleich muss die gesellschaftlichen und politischen Bedingungen in den Blick genommen werden, die für Erfolg oder Scheitern, Sichtbarkeit oder Unsichtbarkeit mitverantwortlich sind.

Umso verdienstvoller ist die differenzierte Aufarbeitung dieses frühen Kapitels weiblicher Design- und Emanzipationsgeschichte durch die Kuratorin Klára Nemeckova, die in dem hervorragenden Katalog ausführlich dokumentiert ist. Nur hätte man sich für die Sichtbarmachung in der Ausstellung eine etwas bessere Beleuchtung gewünscht, auch wenn das gedämpfte Licht zweifellos den lichtempfindlichen Papier- und Textilarbeiten geschuldet ist. Vielleicht gelingt das im Hamburger Kunstgewerbemuseum noch besser, wohin die neue Direktorin Tulga Beyerle die Ausstellung von ihrer vorherigen Wirkungsstätte mitbringt. Es wäre ihr viel Sichtbarkeit zu wünschen.

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Kunstgewerbemuseum der Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Japanisches Palais, bis 3. März; Katalog (Hirmer Verlag) 39,90 €. 17. Mai bis 17. August im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

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