Ausstellung in Schöneberg : Galerie Katharina Raab zeigt Videokunst mit Hiam Abbass

Maler David Krippendorff wagt sich mit dem preisgekrönten Kurzfilm "Nothing Escapes My Eyes" ans Kino. Hiam Abbass spielt die Hauptrolle. Eine Ausstellung in Schöneberg.

Matthias Reichelt
Spiegel der Geschichte. Hiam Abbass in der Rolle einer palästinensischen Theaterschauspielerin in "Nothing Escapes My Eyes".
Spiegel der Geschichte. Hiam Abbass in der Rolle einer palästinensischen Theaterschauspielerin in "Nothing Escapes My Eyes".Foto: Courtesy by the artist and Katharina Maria Raab, Berlin

Längst tauchen auch Galeriebesucher in dunkle Räume ab, um großes Kino zu sehen. David Krippendorff bietet dieses Erlebnis mit seinem berührenden, ästhetisch gleichwohl grandios wie professionell produzierten 14-minütigen Film „Nothing Escapes My Eyes“ von 2015 in der Galerie Katharina Raab.

Mit einer langsamen Kamerafahrt auf eine anfangs verschwommene Szene beginnt der Film und offenbart allmählich einen Schminktisch mit Glühbirnen wie in der Künstlergarderobe eines Theaters. Zu den Klängen der Arie aus Verdis „Aida“ mit der Zeile „Padre, a costoro schiava non sono“ schminkt sich eine mit der palästinensischen Schauspielerin Hiam Abbass fantastisch besetzte Frau ab, ohne ihre Rolle aufzugeben. Während sie ihre historische Kleidung auszieht und zu einer gegenwärtigen Figur wird, spiegelt sich das ganze Verdi’sche Drama um Liebe, Verrat, Exil, Zugehörigkeit, Gewalt und Fremdherrschaft in Abbass’ Gesicht. Sie spielt mit sparsamer, eindrücklicher Mimik und Gestik. Die Intensität ihres Blicks offenbart Trauer und Verzweiflung, während die Kamera langsam auf Distanz und in eine Totale geht, die den architektonischen Kontext preisgibt: Das vermeintliche Theater entpuppt sich als Parkhaus inmitten Kairos, exakt dort, wo 1971 die Oper einem Feuer zum Opfer fiel und hundert Jahre zuvor die Premiere von Verdis „Aida“ stattgefunden hatte.

Ohne Kommentar aus dem Off verwebt Krippendorff die verschiedenen Ebenen durch die visuelle Kraft der Bilder und eine Kameraführung, die verschiedene Perspektiven schafft und Bedeutungen herstellt. Er erweitert den Themenkomplex der Oper angesichts des weltbeherrschenden Themas über Migration und Flucht vor Krieg und Armut zum zeitgenössischen Kommentar. Rassismus und die Fragen nach Identität und Loyalität gegenüber einem Staat bewegen heute ebenso wie im Altertum. Es wäre jedoch vermessen, Krippendorffs vielschichtige Arbeit auf die inhaltlichen Referenzen zu reduzieren. Die poetische Kraft der Bilder und die herausragende Schauspielkunst von Abbas sind auch eine Hommage an Kunst als transzendierende Kraft und Überlebensmittel in düsteren Zeiten, immer bedroht von Zensur und Verbot.

Die künstlerischen Wurzeln des 1967 in Berlin geborenen Krippendorff liegen in der Malerei. Mit Beginn seines Studiums an der hiesigen Kunstakademie waren die Motive seiner Gemälde und Zeichnungen von der Filmgeschichte beeinflusst. Ob er sich mit Victor Flemings „Wizard of Oz“ oder mit „Gilda“ von Charles Vidor befasste, den Zyklen aus Zeichnungen und Gemälden folgte immer eine filmische Auseinandersetzung. Mit "Nothing Escapes My Eyes" hat Krippendorff jedoch die Grenze vom künstlerischen Video zur großen Produktion überschritten und mit professionellem Stab und entsprechender Förderung ein kinoaffines Werk geschaffen, mit dem er bereits zwei Preise gewann. Die Ausstellung wird von Malerei auf Blättern aus der „Aida“-Partitur (je 2000 Euro) ergänzt.

Galerie Katharina Raab, Keithstraße 5, bis 9. Juni.

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