Ausstellung „Sound Fields“ : Töne im Kopf und auf Papier

Schau in der Galerie Thomas Schulte: Dieter Appelt hat sich mit dem jungen Künstler Yannick Hofmann zusammengetan, um Zeichnungen in Töne zu verwandeln.

Angela Hohmann
Punktgenau. Dieter Appelts Zeichnung „Partitur No. 29B“ (2018).
Punktgenau. Dieter Appelts Zeichnung „Partitur No. 29B“ (2018).Foto: Galerie Schulte

Haarfeine Tuschelinien fließen über das Papier. In der Ausstellung „Sound Fields“ der Galerie Thomas Schulte (Charlottenstraße 24, bis 9. März) bilden sie mal lockere, mal dichtere Strukturen. Dazwischen finden sich Setzungen anderer Art: kleine Vierecke, Dreiecke oder Punkte. Mitunter hält ein strenges Liniensystem, ähnlich den Längen- und Breitengraden zur Vermessung der Erde, das Gewimmel in Schach.

Wenn Dieter Appelt, heute 83 Jahre alt, einer der wichtigsten deutschen Künstler der Nachkriegszeit und bekannt durch seit den späten siebziger Jahren entstandene Aktionen, Fotografien und Filme, seine Zeichnungen erstellt, leitet ihn die Liebe zur Musik. „Beim Zeichnen habe ich einen Ton oder eine Art Klangbild im Kopf, wenn auch zunächst nicht deutlich“, verrät er über den Schaffensprozess. Hier spricht kein Laie in Sachen Musik. Sein erstes Studium in Leipzig absolvierte Appelt von 1954 bis 1958 in Musik und Gesang. Wer sich früh so intensiv mit den Möglichkeiten von Tonsystemen auseinandersetzt, entwickelt dazu eigene Ideen. Genau das ist bei Appelt der Fall. Denn das Klangbild, dass er bei seinen Zeichnungen im Kopf hat, wollte er in Musik übersetzt wissen. Vergangenes Jahr, während einer Ausstellung seiner Zeichnungen im Rokokoschloss Rheinsberg, wurden die Bilder schon einmal von einem Kammerorchester vertont. Ganz gut, meint Dieter Appelt, aber noch nicht ganz der Ton in seinem Kopf: „Ich suche nach einem Klang, den es noch gar nicht gibt.“

Diesmal wollte er neue Wege beschreiten und arbeitete dafür mit dem jungen Künstler Yannick Hofmann zusammen, der über ein computerbasiertes Verfahren einige der Zeichnungen in Töne verwandelte. Vor allem Helligkeit und Dunkelheit sind entscheidend, dazu die Dichte der Linienknäuel. Drei der ausgestellten Werke wurden auf diese Weise vertont. Hört man sie sich an, gewinnt man den Eindruck, man befinde sich tief im Wald oder unter Wasser. Magisch klingt das! Seine Zeichnungen nennt Appelt „Partituren“, besteht aber darauf, dass sie auch jenseits des Musikalischen ihre Existenzberechtigung haben. Mitunter meint man in ihnen Spuren älterer Arbeiten zu sehen: den Schädel Appelts etwa, den man von vielen seiner Aktionen in der Natur kennt, lehm- oder gipsverschmiert. Im Gespräch weist Appelt auf eine andere Zeichnung hin, die eine zarte Zweiteilung andeutet. Hier spielt er mit dem Bild seines Rückens und einer anderen Aktion, während derer sein Körper von einer aufgemalten Linie geteilt wurde. Es fließt viel ein in diese Werke, für die der Künstler Tage braucht, eine konzentrierte Meditation mit einem sich formenden Klang im Kopf, der im Prozess des Zeichnens immer klarer wird und Spuren eines ganzen Lebens enthält. „Für mich schließt sich in hohem Alter ein Kreis“, sagt Appelt.

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