Ausstellung zu den Goldenen Zwanzigern : Der Harem am Pariser Platz

Das It-Girl und der Voyeur: Fotograf Karl Vollmoeller und Schriftstellerin Ruth Landshoff Yorck waren in den Zwanzigern ein Paar. Das Max Liebermann Haus zeigt Bilder aus ihrem berüchtigten Salon.

Aus dem Leben der Bohème. Ruth Landshoff-Yorck war Vollmoellers Geliebte.
Aus dem Leben der Bohème. Ruth Landshoff-Yorck war Vollmoellers Geliebte.Foto: DLA-Marbach, www.dla-marbach.de

Bubikopf und Frechheit, das war die weibliche Essenz der Zwanzigerjahre. Damals stieg die Schriftstellerin und Schauspielerin Ruth Landshoff-Yorck zu einem It-Girl der Weimarer Republik auf. Sie hatte die Schauspielschule des Deutschen Theaters besucht, einen kleinen Auftritt im Stummfilm „Nosferatu“ gehabt und schrieb Feuilletons über Mode, das Nachtleben und die Kunst des Flirtens. Berühmt wurde sie aber für ihre Schönheit und ihren Stil. Ihr flott dahingeplauderter Debütroman „Die Vielen und der Eine“, der 1930 im Rowohlt Verlag herauskam, handelt von der Weltreise einer jungen Reporterin. Fotos zeigen Landshoff-Yorck rauchend auf dem Trittbrett ihres Cabriolets sitzend, einem Adler Standard 6. Mit einer Schreibmaschine auf dem Schoß. Oder damenhaft auf einem Sofa thronend.

Jetzt sind andere, intimere Bilder von ihr aufgetaucht, im Max Liebermann Haus am Pariser Platz werden sie unter dem Titel „Im Schattenreich der wilden Zwanziger“ erstmals ausgestellt. Ruth Landshoff-Yorck am Lido von Venedig, über Felsen kletternd, mit zum Himmel gebogenen Armen, ihre ausladenden Posen erinnern an den „Sonnengruß“ der Lebensreform-Bewegung. Landshoff-Yorck vor einer geblümten Tapete in einem Palazzo, mit einem Damebrett auf der Scham. Im Gegenlicht vor halb geschlossenen Rollläden, das ihren Körper aus dem Helldunkel modelliert. Sie ist nackt, stets richtet sie ihren Blick frontal auf den Betrachter. Eine selbstbewusste Frau mit „viel zu hübschem Gesicht“, wie es in einer ihrer Glossen heißt.

Landshoff-Yorck sammelte für ihren Mann junge Mädchen

Die Fotos stammen von Karl Vollmoeller, dem 25 Jahre älteren Schriftsteller und Unternehmersohn, mit dem die Feuilletonistin in den zwanziger Jahren liiert war. Ihr Biograf Thomas Blubacher hat zwei Alben mit den Negativen auf dem New Yorker Dachboden des Dichters Kenward Elmslie entdeckt, eines Vertrauten Landshoff-Yorcks aus der Zeit ihrer Emigration. Mit einem Teilnachlass gelangten sie ins Deutsche Literaturarchiv nach Marbach. Ein besserer Ort als das Liebermann-Haus, um die Bilder zu zeigen, lässt sich kaum denken. Denn gleich nebenan, am Pariser Platz 6 a, führte Vollmoeller in seiner Fünf-Zimmer-Erdgeschosswohnung seinen legendären Salon, den der Schriftsteller Harry Graf Kessler als „Harem am Pariser Platz“ verspottete.

Als Prinz in diesem Harem fungierte der Hausherr. Vollmoeller hatte eine Obsession für junge, sehr junge Frauen, und als enger Mitarbeiter des Theaterdirektors Max Reinhardt und Berater bei Kinoproduktionen besaß er die Macht, Schauspielerinnen zu Engagements zu verhelfen. Landshoff-Yorck kam die Rolle zu, ihn mit Nachwuchs in Kontakt zu bringen. „Sie sammelte junge Mädchen um sich, sie sortierte sie, und die Auserwählten landeten in Vollmoellers Bett, der sie dann nach einer gewissen Zeit an seine Freunde weitergab. Wie einen gebrauchten Wagen“, erinnerte sich später der Filmregisseur Géza von Cziffra. Der Weg ins Rampenlicht führte durch ein Schattenreich der sexuellen Ausbeutung.

Josephine Baker posiert 1926 in Vollmoellers Wohnung am Pariser Platz.
Josephine Baker posiert 1926 in Vollmoellers Wohnung am Pariser Platz.Foto: DLA-Marbach, www.dla-marbach.de

Manchmal wurde es auch nichts mit Rampenlicht und Ruhm. In der Ausstellung sind einige Aktfotos zu sehen, auf denen die Dargestellten bislang nicht identifiziert werden konnten. Auf anderen präsentiert die österreichische Schauspielerin Grit Haid ein gestisches und mimisches Repertoire, das unbedingt tauglich ist fürs große expressionistische Kino. Sie spielte Theater bei Reinhardt, drehte mehr als 40 Filme und starb 1938 bei einem Flugzeugabsturz. Herausragend ist eine Serie mit Aufnahmen von Josephine Baker, die 1926 in Vollmoellers Wohnung entstand. Der Fotograf hatte mit seinem Drama „Das Mirakel“, das ohne Worte auskam, einen Hit am New Yorker Broadway gelandet und der damals 20-jährigen Tänzerin Engagements in Berlin und Paris verschafft.

Die Baker lehnt sich lächelnd an eine Säule, benutzt Tücher und Klavierdecken als Verkleidung, steht rauchend vor Samt-Ornamenten. Das elektrische Licht wirft harte Schatten. Kessler erlebte einen Abend mit der Amerikanerin in Vollmoellers Salon und notierte danach halb begeistert, halb herablassend in seinem Tagebuch, sie habe „stundenlang scheinbar ohne Ermüdung“ getanzt, „wie im Spiel, wie ein glückliches Kind“. Sie sei, so lautet das herablassende Urteil des Dandys, „ein bezauberndes Wesen, aber fast ganz unerotisch“. Hingerissen ist er hingegen von der „kleinen Lanshoff“ (sic), die sich als Junge im Smoking kostümiert hatte. Sie sah „wirklich wie ein bildschöner Junge“ aus und „tanzte mit der Baker moderne Jazztänze zum Grammophon“.

Ruth Landshoff-Yorck war eine Pionierin des Cross Dressings

Die Schriftstellerin war ein Star. „Tauchte sie auf, so wurden die klügsten Männer dumm, die Redseligen schweigsam, und die Schwerzüngigen wurden beredt“, hat der Theaterkritiker Georg Zivier angemerkt. Harry Graf Kessler, hieß es, kenne 10 000 Prominente. Ruth Landshoff-Yorck konnte durchaus mit dem „roten Grafen“ mithalten. Als sie seine Tagebücher las, notierte sie: „Von den im Index aufgeführten Personen kannte ich 315.“ Sie spielte mit Geschlechterrollen, nannte sich „René“, verliebte sich in Männer wie Frauen und war eine Pionierin des Cross Dressing. Mit schwulen und lesbischen Interessen zu kokettieren, war in der Berliner Bohème der zwanziger Jahre nicht unüblich – trotz des Paragrafen 175, der Sex zwischen Männern unter Strafe stellte.

In New York begann Landshoff-Yorck später noch einmal eine Karriere, als Theaterautorin am Off-Off-Broadway. Viele ihre Theaterfreunde waren schwul. Sie begannen in den sechziger Jahren für ihre Rechte zu kämpfen, für eine Freiheit, die vierzig Jahre zuvor in Berlin bereits existiert hatte.

Max Liebermann Haus, Pariser Platz 7, bis 15. Juli. Mo, Mi, Do, Fr 10–18, Sa/So 11–18 Uhr. Der als Marbacher Magazin erschienene Katalog kostet 10 €.

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