Autobiografisches Jugendbuch : Geschichten aus der Steiermark

Leben am Rand von allem: Christian Duda erzählt in seinem Heimatroman „Milchgesicht“ von einem verstoßenen Jungen.

Dunkle Wolken ziehen über der Steiermark auf
Dunkle Wolken ziehen über der Steiermark aufFoto: imago images/imagebroker

Es ist nicht viel, was bleibt. Ein paar Fotos, Briefe, Zeugnisse vielleicht oder ein Adressbuch. Manchmal ist es noch weniger. Wann seine Großmutter geboren wurde, weiß Christian Duda nicht. Es gibt keine Urkunde, keinen Eintrag, keine Notizen. „Kein Keil gegen das Zufallen“, schreibt er, „diese Tür ist zu“. Immerhin das Geburtsjahr steht fest: 1913. Gleich danach begann der Erste Weltkrieg, Cäcilia ist mit Hunger, Mangel und Kälte aufgewachsen. Viele Worte machte sie nie, aber die Erinnerung an die Not blieb. Die ersten viereinhalb Jahre seines Lebens hat Duda bei dieser stillen, fürsorglichen Frau verbracht. Wenn er etwas auf dem Teller übrig ließ, sagte sie: „Iss auf, Bürli“.

Trompeter in der Werkskapelle

Die Geschichte spielt – man erkennt es am Dialekt – am Semmering, einem Gebirgspass zwischen Niederösterreich und der Steiermark. Eine raue Gegend „am Rand von allem“, die raue Menschen hervorgebracht hat. Wenn die Kinder der armen Bauern zwölf Jahre alt waren, wurden sie als Knechte und Mägde an reichere Bauern gegeben. Auch Cäcilia ist von ihrem Vater, so formuliert es Duda, „verkauft“ worden. Sie hatte noch Glück, wenigstens musste sie ihrem neuen Herrn nicht sexuell zu Diensten sein. Später ist in Hönigsberg ein Stahlwerk gebaut worden, das Örtchen wurde teilweise proletarisch. Der Mann, den Cäcilia heiratete – er hieß ebenfalls Christian –, gehörte zu den Mitgründern der Werkskapelle, spielte Trompete und war Mitglied der Sozialistischen Partei.

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Dudas Roman „Milchgesicht“ ist ein meisterliches Erinnerungsbuch. Wobei die Vergangenheit einem Nebel gleicht, der Autor bewegt sich darin tastend voran, Fakten mischen sich mit Fiktion. Seine Sätze sind knapp und karg, von ihnen geht nichts Heimeliges aus. Mitunter meint man, sich an ihrer Schärfe schneiden zu können. Den Großvater hat Duda nicht kennengelernt, er starb vor seiner Geburt. Aber er glaubt, nicht nur das hängende Lid des linken Auges, sondern auch den Jähzorn von ihm geerbt zu haben. Der Mann stammte aus Mähren, in Österreich bleibt er ein Außenseiter. Frau und Kinder fürchten ihn, sterben wird er „an sich selbst“.

Feldarbeit wie bei den Kaschuben

Duda möchte mit dem Buch „einem Leben Gestalt geben“, und es dauert ein wenig, bis er seinen Helden aus den Kulissen treten lässt. Josef heißt er, also Sepp, so wie es dort damals in fast jeder Familie einen gab. Der Autor nennt ihn deshalb „Onkelsepp“. Gleich nach der Geburt muss die Mutter wieder zur Arbeit, ihren Sohn nimmt sie mit und legt ihn wie eine Mumie in Tücher gebunden an den Rand des Feldes. Die Szene könnte aus der Fernsehserie „Heimat“ stammen und erinnert auch an das, was Günter Grass in seiner „Blechtrommel“ auf einem kaschubischen Kartoffelacker geschehen lässt.

Sepp besitzt wie Oskar Matzerath eine Sonderbegabung. Seine Mutter findet ihn „käsig“, der Junge ist bleich und leidet an einer nicht näher definierten Krankheit (Anämie, Leukämie?), die ihn beinahe umbringt. Sterbende Kinder sind in dieser Zeit, zwischen den Weltkriegen, nicht selten. „Auf den Friedhöfen stehen die Kinderkreuze eng gedrängt, die Särge sind ja klein.“ Später, als die Lehrerin ihn in der Dorfschule schon aufgegeben hat und er immer wieder dieselben Bilder malen soll, bringt Sepp sich selbst Lesen und Schreiben bei. Ein Wunder. Sein erster Brief lautet: „Liebe..., ich liebe Sie! Sepp.“

Übrig bleibt nur Geschirr

Liebe hat der Junge bei der Frau kennengelernt, die ihn anstelle der Mutter großzieht: eine alleinstehende Tante. Sie behandelt das „brave Bürscherl“ so zärtlich, als wäre es der eigene Sohn. Dudas literarische Qualitäten zeigen sich darin, wie er Einsamkeit und Elend dieser Frau anhand des Platzes beschreibt, den sie in der Welt fand: „Es sieht wie ein angestaubtes Brautzimmer aus. Überall finden sich Reste einer nie benötigten Mitgift, die im Laufe der Zeit Stück um Stück veräußert wird. Übrig bleibt meist Geschirr, eine goldumrandete Tasse, als Zeichen einer noch zu lebenden Partnerschaft mit einem Mann, der doch nie gekommen ist.“

„Milchgesicht“, der Name, den Sepp vom Briefträger bekommt, ist nicht freundlich gemeint. Die Kinder sind nicht weniger kreativ, was Gemeinheiten betrifft. „Ausgesetzter Hurensohn“, titulieren sie ihn, „Wolfskind“, „Fehlgeburt“, „schiacher Hund“ (schiach = hässlich) oder „Vampir“. Denn der Arzt hat Sepp geraten, zur Kräftigung Blut zu trinken, möglichst frisch. Das tut er, bei einer detailliert wiedergegebenen Hausschlachtung, und einmal – eine halluzinatorische Episode – beißt er einer Ratte den Kopf ab. Was nicht stimmen kann, die Ratte lebt unversehrt weiter. Auch als „Jude“ wird der Junge beschimpft, weil Juden doch angeblich Christenblut trinken sollen. So behaupten es jedenfalls antisemitische Verschwörungstheoretiker.

"Schiach" heißt hässlich

Duda, der eigentlich Christian Ahmed Gad Elkarim heißt, wuchs in der Steiermark auf und lebt heute in Berlin. Die Großmutter gab es wirklich, auch Hönigsberg ist real. Am Ende des großen kleinen Heimatromans kehrt der Erzähler zur Beerdigung von Cäcilia nach Österreich zurück. Noch einmal spielt die Werkskapelle, zum Leichenschmaus gibt es Fiakergulasch mit Semmeln (Christian Duda: Milchgesicht. Beltz & Gelberg, Weinheim 2020. 156 Seiten, 13,95 €. Ab 16 Jahren)..

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