• Autorin von "Bonjour Tristesse": Bislang unveröffentlichter Roman von Françoise Sagan erschienen

Autorin von "Bonjour Tristesse" : Bislang unveröffentlichter Roman von Françoise Sagan erschienen

Ätzend und spielerisch: Françoise Sagans nachgelassener Roman „Die dunklen Winkel des Herzens“ zeigt stellenweise die Stärken der Schriftstellerin.

Françoise Sagan, Autorin von "Bonjour Tristesse" oder "Lieben Sie Brahms?".
Françoise Sagan, Autorin von "Bonjour Tristesse" oder "Lieben Sie Brahms?".Foto: Ullstein Buchverlage

Als vor zwei Jahren Françoise Sagans Debütroman „Bonjour Tristesse“ in einer neuen deutschen Übersetzung veröffentlicht wurde, war die Begeisterung darüber einmal mehr so einhellig wie beim Erscheinen des Romans vor weit über sechzig Jahren. Ein Wunderwerk, hieß es hier, von einem zeitlosen Zauberding war dort die Rede; und so war es: Bei der Wiederlektüre überzeugte die stimmige Geschichte, ihre tragische Schönheit, ihre federnde Leichtigkeit und die unverwechselbare Stimme der damals erst 19 Jahre alten Autorin.

Umso gespannter war dann die Literaturwelt, als es diesen Sommer hieß, es würde bald ein unveröffentlichter Roman der 2004 im Alter von 69 Jahren verstorbenen französischen Schriftstellerin erscheinen, von ihrem Sohn und Nachlassverwalter Denis Westhoff sei da noch ein Manuskript gefunden worden.

Im Nachwort von „Die dunklen Winkel des Herzens“, wie Sagans diese Woche nun auch auf Deutsch erschienener Roman heißt, (Aus dem Französischen von Waltraud Schwarze und Amelie Thoma. Ullstein, Berlin 2019. 190 S., 20 €). schreibt Westhoff, dass er dem Manuskript lange Jahre „nur wenig Aufmerksamkeit“ geschenkt habe.

Zu chaotisch sei der Nachlass seiner Mutter gewesen, die Aufgabe, diesen zu ordnen, kompliziert und zeitintensiv. Das Manuskript bestand aus zwei mit Plastikstreifen zusammengehefteten Bänden, und obwohl unfertig und unvollendet, beschloss Westhoff, es in so einen Zustand zu versetzen, dass eine Veröffentlichung in Frage kam:

„Ich begnügte mich damit, das Konvolut zu sortieren, einige Passagen zu streichen, die im Kontext des Erzählten keinen Sinn ergaben, und ergänzte an Stellen, die mit Auslassungspunkten markiert waren, die mir notwendig erscheinenden Wörter, wobei ich darauf achtete, weder den Stil noch den Ton des Romans zu verletzen.“

Der Roman spielt im Milieu der französischen Bourgeoisie

Man kann „Die dunklen Winkel des Herzens“ schon als typischen Sagan-Roman bezeichnen, bezüglich des Personal, des Setting und der Handlung, stellenweise auch bezüglich des Stils und des Tons.

Angesiedelt ist er im Milieu der französischen Bourgeoisie, wie die allermeisten der über vierzig Bücher, die Sagan im Verlauf ihres nach dem „Bonjour-Tristesse“-Erfolgs zunächst glamourösen, später von Drogenexzessen und Finanzkatastrophen überschatteten Popstar-Lebens geschrieben hat.

Dieses Milieu ist allerdings arg im Niedergang begriffen. Zumindest existiert es nicht mehr auf die Art, die Sagan hier beschreibt (nicht bekannt ist, wann genau sie an dem Buch gearbeitet hat, irgendwann in den achtziger oder neunziger Jahren heißt es vage), was diesen Roman von Beginn seltsam altmodisch erscheinen lässt.

Es treten also auf: der junge, attraktive Ludovic Cresson, der nach einem schweren Autounfall jahrelang vor allem in psychiatrischen Kliniken behandelt wurde, sinnloserweise, wie sich herausstellt; seine nicht weniger attraktive, aber höchst unsympathische Frau Marie-Laure, die seit dem Unfall nichts mehr mit ihm zu tun haben will.

Und schließlich Ludovics Vater Henri, ein Patriarch alter Schule, der mit einer Frau verheiratet ist, Sandra, die er nicht liebt. Henri schaltet und waltet nach Gutdünken, in Geschäftsdingen wie in den Angelegenheiten des Herzens. Zum Beispiel bittet er die Betreiberin eines Bordells darum, seinen Sohn in Liebesdingen wieder auf die Sprünge zu helfen.

Alle Figuren sind sich einander herzlich abgeneigt

Der ganze Roman erinnert an ein Kammerspiel, ein düsteres zumal. Er spielt sich vorwiegend in einem alten, hässlichen, in der Touraine, der Umgebung von Tours gelegenen Landhaus ab, „einem Konglomerat teuren schlechten Geschmacks“, wie es heißt.

Alle Figuren sind sich einander herzlich abgeneigt, „vielleicht war es schlimmer als in einem Roman von Mauriac oder anderen, in denen lauter Scheusale aufeinandertreffen“. So stellt es die eigentliche, später hinzukommende Hauptfigur des Romans, Marie-Laures Mutter Fanny fest, als sie mit dem Zug aus Paris zu Besuch kommt.

Fanny bringt die Verhältnisse zum Tanzen. Ludovic verliebt sich in die mindestens zehn Jahre ältere Frau, sie erwidert das Gefühl. Man kennt diese Liebeskonstellation von Sagan, etwa aus einem ihrer berühmtesten Romane, „Lieben Sie Brahms?“. Aber auch Ludovics Vater Henri will Fanny heiraten.

Leider sind die Dialoge schwach

Nur stellt sie eines Tages fest, wie unwohl sie sich hier auf dem Land fühlt: „Diese bourgeoisen und skurrilen Charaktere hatten etwas Überzogenes an sich, etwas aus der Zeit, der Epoche und der Moral Gefallenes, dass es ihr ein wenig Angst machte“

Es hat seinen Charme, wie Sagan ihre Figuren porträtiert. Einerseits geht sie dabei ätzend, unverfroren und böse vor, andererseits präzise und detailliert. Mal macht sie es ganz ernsthaft nach Art eines Bildungsroman des 19. Jahrhunderts, dann wieder spielerisch, so wie es ihre eigene Art war.

Überdies blitzen immer wieder ganz non-chalant literarische Verweise auf, hier Proust, dort Balzac, hier Mauriac, dort Éluard. Doch, der Sagan-Stil und -Ton ist gut erkennbar.

Trotzdem hat man bei der Lektüre seine Mühen. Die einzelnen Szenen sind ohne Verbindung aneinandergereiht, manches ist redundant, schwerfällig, die Geschichte kommt nicht vom Fleck. Die Dialoge sind schwach, Perspektivwechsel erfolgen häufig unbedacht und schnell, innerhalb eines Absatzes. So bleibt der Eindruck des Unfertigen, Unausgearbeiteten, so gern man gewusst hätte, wie Ludovic und sein Vater in Folge mit der Liebessituation umgehen.

Als Anreiz jedoch, sich wieder einmal mit dem Werk von Françoise Sagan auseinanderzusetzen, und zwar nicht nur mit „Bonjour Tristesse“, als ein solcher taugt „Die dunklen Winkel des Herzens“ allemal.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!