Bachmannpreis : Eine Frage der Qualität

Nebenschauplätze, Texte über Grausamkeiten und ein Kreislaufkollaps: Eindrücke von den Literaturtagen in Klagenfurt.

Die Jury für den Ingeborg-Bachmann-Preis kommen zum ersten Tag der Literaturtage.
Die Jury für den Ingeborg-Bachmann -Preis kommen zum ersten Tag der Literaturtage.Foto: dpa

Während sich an diesem Freitag und Samstag ganz Klagenfurt, nein, eher wohl: ganz Kärnten „im Bann des Superstars“ befindet, wie die örtliche „Kleine Zeitung“ titelt, nämlich im Bann des britischen Popmusikers Ed Sheeran, der ebenfalls in der Stadt gastiert, sind beim Bachmann-Wettbewerb erstmals die Männer dabei: Yannic Han Biao Federer und vor allem Daniel Heitzler und Tom Kummer, von denen mangels bekannter Namen in den Tagen vor dem Wettbewerb am meisten die Rede war. Noch mehr jedoch ging es darum, dass dieses Mal mehr Frauen als Männer am Wettbewerb teilnehmen, am ersten Tag lasen ausschließlich Frauen.

Es mag in die Zeit passen, das immer wieder zu bemerken. Nur hat es im Fall des Bachmann-Wettbewerbs doch etwas leicht Streberhaftes - man muss sich nur einmal die Teilnehmerinnenfelder der vergangenen Jahre anzuschauen.  2015 lasen zum Beispiel zehn Frauen und fünf Männer der Jury ihre Erzählungen vor, und auch die beiden Jahre zuvor waren mehr schreibende Frauen dabei. Das Problem des Bachmann-Wettbewerbs ist noch nie so recht das eines Gender-Ungleichgewichtes gewesen, sondern mehr eines der literarischen Qualität, von Texten und Autoren und Autorinnen, bei denen häufig die Frage im Raum stand, wie sie denn zu diesem ja nicht ganz unbedeutenden Literaturwettbewerb gelangten.

Der erste Tag des diesjährigen Wettbewerbs gab da auch nicht unbedingt Anlass, in große Euphorie zu verfallen. Da war es allein die österreichische Autorin Julia Jost, die mit ihrer kraftvoll und virtuos erzählten Geschichte über zwei Jungs und die Macht der Vergangenheit in einem Kärntner Tal herausragte und sich für einen der fünf Preise empfahl; bei den anderen Lesungen verwunderte eher, wie milde gestimmt oder gar begeistert die Jury mit den schwachen, gequält künstlerischen Texten umging.

Doch an diesem heißen Klagenfurter Ed-Sheeran-Freitag geht es schon einigermaßen verheißungsvoll los mit dem Beitrag des aus Freiburg stammenden und in Köln lebenden jungen Schriftstellers Yannic Han Biao Federer. Er liest eine Geschichte über einen Autor, der von seiner Freundin verlassen wurde und nun versucht, damit fertig zu werden und durch die Lande reist; Federers Text ist auf mehreren Ebenen angesiedelt, er ist selbstreferenziell und trägt autofiktionale Züge, vor allem aber ist er schlicht gut erzählt, spricht er zum Leser, und der Jury wusste dann auch nicht viel mehr zu bemäkeln, als dass sein Ende mit einer Möwe, die dem Erzähler in die Sandale scheißt, womöglich nicht das gelungenste sei.

Ist das Literatur? Gute Literatur?

Bei Ronya Othman wiederum verhält es sich um einiges schwerer: ein Text über den Genozid des IS an den Jesiden, autobiografisch mitverbürgt, reportagehaft, aber Literatur, gute Literatur? Die Jury diskutiert, ob man diesen Text angesichts der geschilderten Grausamkeiten überhaupt beurteilen kann. Tatsächlich ist es ein bisschen wenig, wenn Othmann immer wieder Poller einbaut, mit denen sie die eigene Sprachlosigkeit thematisiert, dass für sie „jedes Schreiben Fiktion“ sei oder wenn sie vor ihre Sätze ein „Ich schreibe“ voranstellt. Sie hat keine eigene Sprache, keine eigene literarische, und Sprachlosigkeit zu thematisieren und doch Grausamkeiten detailliert zu beschreiben, hat etwas von einer Inhaftnahme des Lesers, der Leserin: Vorsicht, dieser Text darf, kann gar nicht schlecht gefunden werden.

 Leider wird ausgerechnet einer der bislang besten Texte dieses Wettbewerbs, Birgit Birnbachers „Der Schrank“ über eine 36-Jährige in prekären Arbeits- und Lebensverhältnissen, überschattet von dem Kreislaufkollaps der Jurorin Nora Gomringer - genau so wie von der nicht nachvollziehbaren Jury-Begeisterung für Daniel Heitzlers Lagerfeuer-Mexiko-Quatschgeschichte. Die findet Hubert Winkels insbesondere deshalb gut, sie entfalte genau deshalb Wirkung, weil weder die einzelnen Szenen noch der Text irgendeine Substanz haben. Nun denn.

 Ob es seinen Grund hat, dass nach Heitzlers Lesung der Moderator Christian Ankowitsch einen Tweet von Clemens Setz vorliest, in dem dieser leicht klagend andeutet, er werde zu oft zitiert in den Diskussionen. Setz wird diesen Wettbewerb wohl gewinnen mit seiner Rede. Oder doch Tom Kummer? Der liest sehr gut, es raunt vielleicht ein bisschen arg. Die Dunkelheit, die Kummer beschwört in seinem „Nina-und-Tom“-Sequel, in der Erzählung von seinem Leben nach dem Tod seiner Frau, sie kontrastiert sehr schön mit diesem strahlend heißen Sommertag. Wie heißt es in der „Kleinen Zeitung“ über dem Titelbild von Ed Sheeran: „Heiß, heißer, Kärtnen“.

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